Die Drohung von US-Präsident Donald Trump gegenüber seinem Gast war unmissverständlich. Auf dem Höhepunkt des Eklats im Weißen Haus am vergangenen Freitag setzte Trump dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenykj verbal die Pistole auf die Brust und drohte mit dem Ende der amerikanischen Militärhilfe: „Sie werden entweder einen Deal machen oder wir sind raus. Und wenn wir raus sind, dann müssen sie es auskämpfen“, polterte Trump. Das werde „nicht schön“.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Nun macht Trump ernst. In der Nacht von Montag auf Dienstag kündigte die US-Regierung an, dass die USA die Militärhilfen für die Ukraine stoppen. Die Anordnung tritt sofort in Kraft und betrifft Waffen und Munition im Wert von mehr als einer Milliarde US-Dollar, die sich bereits in der Lieferung befänden oder bestellt worden seien. Die Maßnahme sei zunächst vorübergehend geplant und solle als Druckmittel so lange andauern, bis Selenskyj Bereitschaft zu Verhandlungen mit Russland zeige, hieß es.
Nur wenige Stunden zuvor hatte Selenskyj noch erklärt, die Ukraine hoffe weiter auf Unterstützung der USA. Nun stellt sich die Frage mit neuer Dringlichkeit, für die Ukraine, für Europa und Russland: Wie lange kann die ukrainische Armee gegen die russischen Angreifer ohne US-Militärhilfe durchhalten?
Selenskyj selbst hatte im Interview mit dem US-Sender Fox News eingeräumt: „Es wird schwierig ohne eure Hilfe. Deshalb bin ich hier.” Kurzfristig hätte die Ukraine wohl noch kein existenzielles Problem. Bei den Waffenlieferungen sei die Lage derzeit in Ordnung, sagt Andras Racz, Sicherheitsexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Bis zum Sommer sei keine Krise beim Material zu erwarten. In den nächsten Monaten sei das zentrale Problem der Ukraine der Mangel an Soldaten – während Russland die Soldaten trotz enormer Verluste keineswegs ausgingen.

Doch im Sommer droht sich das Blatt zu wenden, diese Einschätzung kursiert auch in der ukrainischen Militärführung. Der ukrainische Ex-General und Militäranalyst Ihor Romanenko sagte es am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz besonders drastisch: Ohne US-Hilfe „werden wir sechs Monate durchhalten“. Die Schätzungen laufen überwiegend darauf hinaus, dass es im Sommer spürbare Probleme an der Front geben werde. Damit sei noch nicht das Ende erreicht, aber die russische Armee werde womöglich schneller vorankommen als bisher.
Das unabhängige US-Institut für Kriegsstudien (ISW) macht eine düstere Vorhersage: Die Einstellung der US-Hilfe könne dazu beitragen, das Gleichgewicht des Krieges zu verschieben und Russland größere Vorteile auf dem Schlachtfeld in der Ukraine zu verschaffen, „was die Wahrscheinlichkeit eines russischen Sieges in der Ukraine erhöhen würde“. Russland werde die Einstellung der US-Hilfe für die Ukraine nutzen, um mehr Territorium zu erobern und zu versuchen, die europäische Unterstützung zu erschöpfen. „Der Kreml wird wahrscheinlich seine Militärkampagne in der Ukraine intensivieren“, warnen die Experten.
Können die europäischen Staaten rasch die Lücken füllen? Eine brandneue Analyse des Kieler Instituts für Wirtschaftsforschung und des Brüsseler Bruegel-Instituts klingt recht zuversichtlich: „Europa ist in der Lage, der Ukraine zusätzliche Waffen zu liefern, um sicherzustellen, dass ihre Kampfkraft auf dem aktuellen Stand bleibt“, heißt es in der Untersuchung. Wirtschaftlich seien die Zahlen gering genug, damit Europa die USA vollständig ersetzen könnte.

Ohne die USA fehlt es an Luftabwehr, Raketen und Navigation
„Seit Februar 2022 hat die US-Militärunterstützung für die Ukraine 64 Milliarden Euro betragen, während Europa, einschließlich Großbritannien, 62 Milliarden Euro bereitgestellt hat“, rechnen die Experten vor. Im Jahr 2024 habe sich die US-Militärunterstützung auf 20 Milliarden Euro von insgesamt 42 Milliarden Euro belaufen. Um die USA zu ersetzen, müsste die EU also nur weitere 0,12 Prozent ihres Bruttosozialprodukts ausgeben, was „ein machbarer Betrag“ sei, so die Studie. Eine wichtige Frage sei, ob Europa dies ohne Zugang zur militärisch-industriellen Basis der USA schaffen könne. Und: Einige wichtige strategische Faktoren der USA sind nur schwer zu ersetzen – auch wenn die Wissenschaftler meinen, notfalls lasse sich Ersatz schaffen.
Diese Engpässe betreffen moderne Luftabwehrsysteme wie das US-System Patriot, ballistische Boden-Boden-Raketen, Navigationssysteme und Langstreckenraketen. Voriges Jahr hat die Ukraine diese Abhängigkeit zu spüren bekommen: Als der US-Kongress die Fortsetzung der Militärunterstützung zeitweise aussetzte, wurden in der ukrainischen Armee bald Artilleriemunition und Luftabwehr knapp, sodass Russland bei seinem Vormarsch in der Ostukraine zügiger vorankam. Wenn Trump jetzt dauerhaft die Lieferungen beenden sollte und die US-Vorräte dann absehbar aufgebraucht sind, wird die ukrainische Armee auch Schwierigkeiten haben, Langstreckenangriffe in der bisherigen Intensität fortzusetzen; das US-Raketensystem Atacms hat sich als sehr nützlich für Angriffe auf russische Infrastruktur und Nachschublinien erwiesen.
Noch macht das Weiße Haus Hoffnung, dass es sich im besten Fall um eine vorübergehende Maßnahme handeln könnte: „Wir unterbrechen und überprüfen unsere Hilfe, um sicherzustellen, dass sie zur Lösungsfindung beiträgt“, heißt es in der US-Regierung. Trump habe deutlich gemacht, dass er Frieden anstrebe. Es sei für die USA nötig, dass sich auch unsere Partner diesem Ziel verpflichten. „Dies ist keine dauerhafte Beendigung der Hilfe, es ist eine Pause“, zitierte der US-Fernsehsender Fox News einen Beamten der Trump-Regierung.
Allerdings ist Trumps Ärger offenbar weiter groß: Er kritisiert jetzt erzürnt Selenskyjs Aussagen vor Journalisten in London, wonach ein Deal zur Beendigung des Kriegs noch „sehr, sehr weit entfernt“ sei. „Das ist die schlimmste Erklärung, die Selenskyj machen konnte und Amerika wird sich das nicht mehr lange gefallen lassen“, schrieb Trump auf seiner Social-Media-Plattform Truth Social.
Großes Risiko für die Ukraine: Was wird aus dem Starlink-Internetdienst?
Ein enormer Rückschlag wäre, wenn die Ukraine den Zugang zum Starlink-Internetdienst von Space X verlieren sollte: Angeblich hatte die US-Regierung der Ukraine schon damit gedroht, den Dienst abzuschalten, wenn die Ukraine Forderungen beim Rohstoff-Deal nicht nachkommt. SpaceX-Chef Elon Musk hat das aber bestritten. Doch Musk ist ein enger Vertrauter von Trump, wenn der die Ukraine zum Einlenken zwingen wollte, wäre Starlink ein wirksamer Hebel: Auf den Satellitendienst ist das ukrainische Militär stark angewiesen, es nutzt ihn zur Kommunikation, zur Zielidentifizierung und zur Zielerfassung, auch im zivilen Leben in der Ukraine spielt Starlink eine wichtige Rolle.
Die europäischen Staaten bemühen sich zwar, die Rüstungsproduktion hochzufahren und diese Lücken zu füllen – aber das braucht Zeit. Selenskyj sagt, die ukrainische Waffenproduktion wachse stark und decke inzwischen 30 Prozent des Bedarfs des Landes. Kurzfristig löst das sein Problem nicht.

Doch sieht Militärexperte Racz für Russland in absehbarer Zeit ebenfalls Riesenprobleme beim Waffennachschub. Bislang habe die russische Armee vor allem davon gelebt, dass Waffen aus alten Lagerbeständen reaktiviert wurden. Doch die Lager leerten sich. In spätestens zwei Jahren werde Russland große Schwierigkeiten bekommen, sagt Racz. Wenn diese Rechnung stimmt, dann müsste die Ukraine also nur noch eine Weile durchhalten, vielleicht nur noch bis 2026, bis Putin unter Druck womöglich doch einlenkt. Doch hält Trump an seinem Kurs fest, könnte dem russischen Kriegsherrn diese Niederlage erspart bleiben.





