In Sachalin im äußersten Osten Russlands heißt es, um hier auf der Insel zu überleben, müsse man betrunken oder verrückt sein. Oder aus der Ukraine kommen? Gefangene, Deportierte, Verbannte gehören zur Geschichte von Sachalin. Erneut als Strafkolonie in Verruf kommt die Insel, weil in der Ukraine befürchtet wird, dass Russland Bürger dorthin verschleppt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Seit Wochen steht der Vorwurf im Raum, dass die russischen Truppen beispielsweise Flüchtlinge aus Mariupol entführt haben. Wer im stark umkämpften Osten und Süden des Landes um sein Leben fürchten muss, hat im Ukraine-Krieg eine Alternative: die Flucht in den Westen über humanitäre Korridore oder weiter in den Osten. Russland brachte nach eigenen Angaben bereits 600.000 Ukrainer auf sein Staatsgebiet.
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Ausharren und Bleiben ist eine weitere, indes zunehmend riskante Alternative, wie die Kriegsverbrechen in Butscha gezeigt haben. Die russischen Soldaten differenzieren nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten.
Krieg: Die Angst der Ukrainer vor Deportation
Es gibt glaubhafte Berichte, wonach die russischen Truppen Busse mit Flüchtlingen, die sich unterwegs Richtung Westen wähnen, in den Osten "umgeleitet" haben; gegen den Willen der Betroffenen. Die Grenzen zwischen "abschieben", "verschleppen", "deportieren", "entführen" oder "evakuieren" sind fließend. Wer in einem Bombenkeller in Mariupol von russischen Soldaten aufgegriffen wird, stellt womöglich keine Fragen.
Nach ukrainischer Lesart kann es nur um Deportationen handeln. Aber es ist plausibel, dass Menschen auch freiwillig Richtung Osten ziehen. Dafür sprechen verwandtschaftliche Verhältnisse und eine Gefahrenabwägung: Wer in den Westen flieht, geht das Risiko ein, dass der Krieg ihn dort später einholt.
Ukraine: Deportation der Zivilbevölkerung?
Unbestritten ist, dass Russland die Geflüchteten registriert, vernimmt und über das Land verteilt. Gerade diejenigen, die keine Verwandten nennen können, wo sie unterkommen könnten, werden von Aufnahmelager zu Aufnahmelager weiter gebracht: nach Tatarstan, Tschetschenien, Udmurtien, nach Sibirien in den wilden Osten; in die Taiga, über die der russische Schriftsteller Anton Tschechow schrieb, ihr Zauber liege darin, dass vielleicht nur die Zugvögel wüssten, wo sie zu Ende sei. Auf ihn geht auch das Bonmot zurück, auf Sachalin müsse man betrunken oder verrückt sein.
Besonders berüchtigt ist Sachalin, die Insel zwischen Russland und Japan. Ein Teil der Menschen sind Nachfahren von koreanischen Zwangsarbeitern, von Gefangenen und Deportierten aus dem Koreakrieg. Angeblich sollen 1300 Ukrainer dorthin gebracht werden, aber noch nicht angekommen sein.
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Verschleppungen: Aus den Augen, aus dem Sinn
Verschleppungen sind eine Form lautloser, unsichtbarer Gewalt. Die Menschen verschwinden. Anders als die Massengräber in Butscha, drohen sie in Vergessenheit zu geraten. Aus den Augen, aus dem Sinn? Gerade deswegen warnt der ukrainische Historiker Wladimir Wjatrowitsch in einem Meinungsartikel in der Zeitschrift "Nowoje Wremja", "eines der schwersten Verbrechen der russischen Besatzer in der Ukraine ist die Deportation der Zivilbevölkerung".
Laut "Spiegel" werden Menschen aus den Separatistengebieten in der Ostukraine seit Jahren nach Russland gebracht. Viele hätte das Land hinterher wieder verlassen, vor allem über das Baltikum. Aber wer auf Sachalin landet, kommt da nicht so einfach wieder weg.
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