Proteste im Iran

Studentin aus Teheran: „Die Angst ist Teil meines Lebens“

| Lesedauer: 7 Minuten
Rieke Smit
Deutsch-Iraner im Iran wegen "Terrorismus" zum Tode verurteilt

Deutsch-Iraner im Iran wegen Terrorismus zum Tode verurteilt

Im Iran ist der Deutsch-Iraner Djamshid Sharmahd wegen des Vorwurfs des "Terrorismus" zum Tode verurteilt worden. Sharmahd sei der Anführer einer terroristischen Vereinigung und an einem Anschlag beteiligt gewesen, hieß es auf der Website der iranischen Justiz "Misan Online".

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Matha hat täglich Angst, verhaftet zu werden. Im Iran protestiert die junge Frau gegen das Regime. So prägt die Willkür ihr Leben.

Berlin/Teheran. Den Wind in den Haaren spüren und trotzdem ohne Angst über die Straße gehen können: das ist, wofür die 23-jährige Matha C.* in Teheran kämpft. Die Studentin ist eine der vielen Iranerinnen, die seit dem vergangenen Jahr in der Öffentlichkeit kein Kopftuch mehr tragen und sich mit dieser stummen Geste gegen das Regime auflehnen.

Die zwischenzeitlich leiser gewordenen Proteste gegen die Regierung im Iran haben nach den Berichten über mehrere Angriffe mit Giftgas auf Mädchenschulen wieder zugenommen. Die drohenden Hinrichtungen von Demonstranten, wie dem Deutsch-Iraner Jamshid Sharmahd, heizen die Lage im Land weiter an.

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Für die Menschen im Iran hat diese Anspannung seit Beginn der Proteste nie aufgehört. Auch Matha versucht, ihren Alltag im Zwiespalt zwischen Angst vor dem Staat und Hoffnung auf eine andere Zukunft zu bewältigen. Ihre unbedeckten Haare zu zeigen, ist ein Symbol dafür.

Jeden Tag Angst, verhaftet zu werden

Inzwischen fühlt sich die junge Frau relativ wohl dabei, aber die iranischen Behörden haben erst vor Kurzem wieder mit Konsequenzen gedroht, wenn der Hijab nicht richtig getragen wird. “Am Anfang war es etwas unangenehm, weil es die Aufmerksamkeit auf sich zog, aber jetzt fühlt es sich nicht mehr so an”, erzählt Matha in den Nachrichten, die sie über den Messenger-Dienst Telegram schickt.

“Jeden Tag, wenn ich ohne Kopftuch auf die Straße gehe, sehe ich, wie mich andere Frauen anlächeln“, erzählt sie. „Manchmal sagen sie mir, wie schön mein Haar ist, oder sie geben mir Zettel mit Gedichten und Slogans oder ein Dankeschön für meine Tapferkeit.” Trotzdem müsse sie aufpassen, in welchen Gegenden sie ohne Kopftuch unterwegs ist.

Besonders ist Mathas Protest, weil ihr Freund in den ersten Wochen der Proteste verhaftet und gefoltert wurde. Sie hat sich danach um ihn gekümmert. Aufhalten lässt sich die junge Frau dadurch zwar nicht. Die Angst, selbst verhaftet zu werden, prägt aber ihren Alltag. “Ich versuche, so vorsichtig zu sein, wie ich kann”, sagt Matha und erklärt, dass sie und die Menschen in ihrer Umgebung sich darauf eingestellt haben, jederzeit in Gewahrsam genommen zu werden. “Die Angst ist jetzt Teil meines Lebens”, sagt sie.

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Die Furcht vor der Gefangenschaft ist nicht unbegründet. Wie brutal das Regime mit Inhaftierten umgeht, zeigt eine Recherche von NDR, WDR und der "Süddeutschen Zeitung". Von Schlägen, Peitschenhieben, Elektroschockern und Vergewaltigungen ist die Rede. Auch psychische Folter durch Kälte und Schlafentzug seien an der Tagesordnung, berichten mehrere ehemalige Gefangene. Eine Freilassung ist häufig nur gegen sehr hohe Kautionen möglich.

Hinrichtungen lähmen den Alltag der Iranerin

Matha kennt die grauenhaften Geschichten aus ihrem direkten Umkreis. Trotzdem hat sie das Gefühl, dass sie viele Leute verteidigen würden, sollte ihr etwas Schlimmes zustoßen. “Ich spüre die Wut und Traurigkeit in den Augen der Menschen”, sagt sie. Die Solidarität untereinander bestärke die Menschen, deshalb würde immer weiter protestiert werden.

Eine Sache gibt es aber, die auch die 23-Jährige in ihrem Protest lähmt – die Hinrichtungen. Bereits vier Menschen wurden wegen ihrer Teilnahme an den Demonstrationen vom iranischen Staat hingerichtet. Vielen Weiteren soll die Todesstrafe drohen. “Jedes Mal, wenn ich höre, dass jemand hingerichtet wurde, werde ich depressiv. Alles erscheint plötzlich so dunkel”, beschreibt Matha ihre Gefühle.

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Die Leute sagen ihr dann, dass sie wütend anstatt traurig sein soll, aber das scheint zu schwer, wenn wegen der Ideale, nach denen sie strebt, Menschenleben beendet werden. “Ein paar Wochen lang konnte ich nicht einmal meine täglichen Aufgaben erledigen”, berichtet sie, und man spürt den Nachhall ihrer Schockstarre noch durch das Telefon.

Aufmerksamkeit als Überlebenschance für Inhaftierte

Dass demnächst eine Frau hingerichtet wird, damit rechnet Matha aber nicht. Zwar scheint die iranische Führung vor nichts zurückzuschrecken, um die Proteste im Land zu unterdrücken, aber sie hält diesen Schritt für unwahrscheinlich, solange die ganze Welt dabei zuschaut.

Gerade Protestierenden, die aus der Arbeiterklasse stammen, drohe laut Matha mit hoher Wahrscheinlichkeit die Todesstrafe. “Vor Kurzem wurden vier Menschen hingerichtet, und es ist interessant, dass sie alle aus der Arbeiterklasse stammten“, sagt sie. “Auch wenn jeder gefährdet ist, könnten die Prozesse für Menschen einfacher sein, je nachdem, aus welcher sozialen Schicht sie kommen oder wie bekannt sie sind”, erläutert die Studentin.

Die nationale und internationale Aufmerksamkeit scheint für Menschen, die auf der Todesliste des Irans stehen, die einzige Überlebenschance zu sein. Faire Prozesse gibt es kaum, stattdessen sei die Justiz laut Auswärtigem Amt geprägt von Korruption und Willkür. Hoffnung geben ihr vor allem die Proteste, die außerhalb des Irans stattfinden. Auch in Deutschland gehen die Leute immer wieder gegen das Regime auf die Straße. “Die Iraner aus der Diaspora lassen sich nicht unterkriegen”, sagt Matha.

Ihre Eltern wollen, dass Matha den Iran verlässt

Bei der Frage, ob Matha und ihre Familie je überlegt haben, das Land zu verlassen, bemerkt man den Zwiespalt, in dem sich die junge Frau befindet. “Ich denke die ganze Zeit darüber nach”, sagt sie. Ihre Eltern wollten nicht in ein anderes Land ziehen, so Matha, da sie zu alt seien. Trotzdem ermutigten sie ihre Tochter, das Land zu verlassen.

Viel hält die junge Frau gerade nicht mehr in ihrer Heimat. Ihr Bruder ist in die Türkei ausgewandert, auch viele ihrer Freundinnen und Freunde sind gegangen. Die Wirtschaftskrise erschwert den Alltag zusätzlich. Sie wolle eigentlich bleiben, für eine bessere Zukunft kämpfen. Aber: “Egal, wie sehr ich es versucht habe, es scheint unmöglich zu sein, hier ein anständiges Leben zu führen“, sagt sie. „Ich fühle mich hier nicht mehr sicher.”

*Um Matha C. nicht zu gefährden, hat die Redaktion den Namen geändert

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