Berliner Spaziergang

Ulrich Weigand hat mit der Urania viel vor

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Urania-Direktor Ulrich Weigand im Park am Gleisdreieck.

Urania-Direktor Ulrich Weigand im Park am Gleisdreieck.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Seit 2018 steht Ulrich Weigand der Urania als Direktor vor. Nun wird das Haus umfangreich saniert und erweitert.

Berlin.  Auf der Karte sieht der Park am Gleisdreieck wie eine Grillzange aus, die mit ihren Spitzen am Landwehrkanal kitzelt und unten an der Monumentenstraße endet. Es ist Berlins jüngster Park, wo wir uns heute treffen. 60 Hektar Naherholungsgebiet sind hier zwischen 2011 und 2014 entstanden, wo früher die Güterzüge des Potsdamer und Anhalter Bahnhofs rollten und nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang eine unzugänglicher Brachfläche war. Am Rand und mittendrin: Gründerzeitquartiere, zeitgenössische Architektur, die alten Viadukte der U-Bahn, großzügige Grün- und viele Spiel- und Sportflächen. Man kann hier die Stadtgeschichte bequem durchschlendern, in guter Kleidung auch an kalten Tagen wie diesem.

Wir treffen Ulrich Weigand, der uns gleich freundlich begrüßt. Er ist gern hier unterwegs: „Hier ist es ganz toll gelungen, dass sich sozial und kulturell ganz unterschiedliche Menschen begegnen, weil ganz heterogene Stadtviertel eingebunden werden“, sagt er. „Auch die kostenlosen Angebote, die es hier gibt, die Parkfeste, die Aufenthaltsqualität: Diese Möglichkeit der Teilhabe ist ja an vielen Orten in der Stadt verloren gegangen. Da gibt es Barrieren, die hier überwunden worden sind.“ Er schätzt den rauen Charme des Parks: „Er ist nicht so glatt und gefällig. Das Thema des Lebens in der Stadt und seine Verbindung zur Natur liegt mir sehr am Herzen.“

Die Schutzgöttin für Sternkunde war die Namensgeberin

Das passt gut zu dem Haus, dem Ulrich Weigand seit 2018 als Direktor vorsteht. „Verbreitung der Freude an der Naturerkenntnis“ hieß es in der Gründungssatzung, als die Gesellschaft Urania vor inzwischen bald 135 Jahren, am 3. März 1888, gegründet wurde. Das damals an der Invalidenstraße gelegene Haus bestand aus einer Volkssternwarte – deshalb die Benennung nach der Schutzgöttin der Sternkunde Urania –, technischen Ausstellungen und einem wissenschaftlichen Theater. Die Anlage wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört. 1953 als eingetragener Verein neu gegründet, bezog die Urania 1962 ihren Standort in Schöneberg unweit des Wittenbergplatzes. Ihr Anspruch reicht inzwischen weit über die Popularisierung von Wissenschaft hinaus, sie ist gleichermaßen Bürgerforum und zivilgesellschaftliche Dialogplattform, in der die Aktivisten von „Fridays for Future“ ebenso zu Wort kommen wie die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Und es gibt große, aufregende Pläne für das verspiegelte, inzwischen ein wenig in die Jahre gekommene Gebäude und den angrenzenden Gründerzeitbau in Schöneberg. Doch dazu später mehr.

Wir gehen langsam in den Park hinein. Es ist einer dieser klammen, kalten Tage mit kalkweißem Himmel, wie sie zu dieser Jahreszeit in Berlin viel zu oft zu haben sind. Das fällt aber nicht weiter ins Gewicht, denn der Park setzt entschlossen alle Farben dagegen, die er jetzt noch hat. Und angenehm still und entspannt ist es hier auch.

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Der Fotograf verfolgt uns auf der Suche nach einem guten Motiv, und Weigand erzählt so lebendig wie unterhaltsam, wie er eigentlich zu seinem Job gekommen ist. Geboren 1974 in Frankfurt am Main, studierte er zunächst in Köln Rechtswissenschaften, bevor er einen anderen Weg einschlug und sich an der Freien Universität Berlin für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Neuere deutsche Literatur und Soziologie einschrieb. Eigentlich liebäugelte Weigand zunächst mit dem Journalismus. Aber durch sein Studium ergab es sich, dass er sich bald in Kommunikationsagenturen wiederfand – von denen es seinerzeit, Ende der 1990er-Jahre, in Berlin noch nicht allzu viele gab. Für das Bundesministerium für Bildung und Forschung arbeitete Weigand an einer Kampagne für das Einstein-Jahr mit: „Das waren Momente, wo ich durch Kommunikationsarbeit mit Wissenschaft und Kultur zu tun bekommen habe und mit der Frage, wie man anspruchsvolle Themen an die breite Öffentlichkeit vermittelt. Es ging darum, Wissen zugänglich zu machen.“

Weigand lernte das Haus als Sprecher von innen kennen

Weigand denkt und spricht schnell und druckreif, man merkt, dass ihm Kommunikation im Blut liegt. Er lernte die Urania kennen, die am Einstein-Jahr beteiligt war: „Ich war von Anfang an fasziniert von der Arbeit, die dort stattfindet und darin besteht, seit mehr als 130 Jahren Fragen von Wissenschaft und Gesellschaft zu erörtern.“ Er fing dort als Sprecher an und hatte zwei Jahre lang Gelegenheit, das Haus auch von innen kennenzulernen. Bis sich die Möglichkeit für einen Wechsel ergab, praktischerweise in beinahe direkter Nachbarschaft, im Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung, wo Weigand die Kommunikationsabteilung und die Veranstaltungsleitung übernahm. Die Aufgabe war, das Museum zu öffnen, auch gegenüber der Politik.

„Das ging über klassische Kommunikationsarbeit weit hinaus“, sagt Weigand. „Es ging dort auch darum, das Haus baulich zu erweitern, was jetzt ja nach vielen Jahren geschieht. Letztlich ging es um politische Arbeit: Es galt, eine Allianz mit der Politik, mit Entscheiderinnen und Entscheidern zu finden und damit dem Museum neue Möglichkeiten zu verschaffen.“ Das 100. Bauhaus-Jubiläum 2019 mit seinen vielen Veranstaltungen war da ein wichtiges Instrument – und nebenan, im Vorstand der Urania, beobachtete man Weigands Arbeit mit Interesse. Denn auch hier standen Veränderungen an, gab es den starken Wunsch nach Modernisierung des Angebots und Öffnung für ein noch breiteres Publikum.

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2018 wechselte Weigand also wieder zurück zur Urania, als Direktor und Geschäftsführer. Dazu muss man wissen, dass die Urania bis zu Weigands Amtsantritt weitgehend ohne öffentliche Förderungen betrieben wurde. Finanzieren konnte sich der Verein viele Jahre lang vor allem durch Vermietungen seiner Räume, durch das sogenannte Kongressgeschäft. Doch bereits bei Weigands Amtsantritt war klar, dass dieses Geschäftsmodell das Kulturangebot nicht dauerhaft mitfinanzieren konnte: „Die Personalkosten stiegen genauso wie der Unterhalt. Und man darf nicht vergessen: Der Zweck der Urania war es nie, ausschließlich ein Kongresszentrum zu sein, sondern Bildung und Wissenschaft für die breite Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ Zugleich sah Weigand, dass es zwar ein Stammpublikum gab, unter den Gästen des Hauses aber die jüngere Generation unterrepräsentiert war. Er hatte gerade begonnen, neue Formate zu entwickeln und auch staatliche Fördergelder zu beantragen – und dann war es Anfang 2020, die Pandemie schlug zu.

Die Hälfte der Belegschaft musste gehen

Weigand erinnert sich mit Schrecken daran, wie er die Urania komplett dichtmachen musste. Dazu gehörte auch ein harter, in der Geschichte des Hauses einmaliger Personalabbau. „Vor der Pandemie waren es bis zu 40 Menschen, die im Angestelltenverhältnis für uns gearbeitet haben. Mittlerweile sind es weniger als die Hälfte. Um Anspruch auf Corona-Hilfen zu haben, mussten wir belegen, alles abgebaut zu haben, was möglich ist.“ In den Monaten des Shutdowns entwickelte sein Team einige digitale Formate, gefördert von der Berliner Umweltverwaltung. Es ging um Themen wie Biodiversität, auf Exkursionen wurde die Stadtnatur erkundet.

„Gerade junge Menschen haben mit den Themen Umwelt und Klima die Urania für sich entdeckt. Es war faszinierend, dass so etwas mitten in diesem Ausnahmezustand funktioniert hat. Insofern bot die Pandemie auch eine Möglichkeit, mit neuen Kommunikationswegen neue Zielgruppen zu erschließen, die uns jetzt auch im Abklingen der Corona-Zeit erhalten bleiben.“ Die jungen Leute ans Haus zu binden: Das ist Weigand sehr wichtig. „Dieser Generation reicht es nicht, sich in einen Vortrag zu setzen und dann schlauer nach Hause zu gehen. Die wollen nicht nur mitdiskutieren, sondern sich am liebsten danach vernetzen und gemeinsam die Gesellschaft zum Besseren verändern.“

85,5 Millionen Euro für Umbau und Erneuerung

Auf einer holzverkleideten Balustrade entsteht das Bild für diesen Spaziergang. Es geht ein leichter Wind, im Hintergrund hört man die U-Bahn am Gleisdreieck einfahren. Nachdem sich der Fotograf verabschiedet hat, machen wir kehrt und schlendern wieder in Richtung Schöneberger Ufer. Ein Jogger überholt uns, eine junge Frau mit angeleintem Hund kommt uns entgegen, sonst ist an diesem Vormittag nicht viel los. Wir kommen jetzt auf die Pläne zu sprechen, die Weigand für die Urania entwickelt hat und denen er auch schon mit einem bemerkenswerten Erfolg die Tür geöffnet hat: Für 85,5 Millionen Euro, zur Hälfte vom Bund und zur Hälfte vom Land Berlin getragen, soll die Urania zu einem zukunftsfähigen, modernen Bürgerforum umgestaltet werden.

Die Freigabe der Baumittel erwartet Weigand im kommenden Frühjahr. Dann kann der Architekturwettbewerb für das anspruchsvolle Vorhaben vorbereitet werden: „Gerade auch architektonisch soll der Charakter der Urania als offenes, einladendes Haus für Demokratie und Vielfalt, Bildung, Wissenschaft und Umwelt unmittelbar erkennbar werden und eine starke Ausstrahlung in die Stadt entwickeln.“ Nach einem Interimsquartier wird bereits Ausschau gehalten. Möglicherweise kommt dafür der Flughafen Tempelhof in Betracht.

„Wir wollen kein weiteres Museum in Berlin eröffnen“

Und was soll in dieser Zeit genau geschehen? Natürlich muss das verspiegelte Hauptgebäude energetisch ertüchtigt werden, um die Energiekosten in den Griff zu bekommen. Aber das ist es nicht allein. „Es geht nicht darum, zu renovieren und dann irgendwie weiterzumachen“, sagt Weigand. „Unser jetziges Haus ist geprägt von klassischen Hörsälen, wie wir sie von der Universität kennen. Es gibt zu wenige multifunktionale Bereiche für offene Formate. Was wir brauchen, ist zum Beispiel ein großer Ausstellungsbereich. Das ist ganz entscheidend. Aus meiner Zeit am Bauhaus-Archiv weiß ich, dass man mit Ausstellungen einen sehr niedrigschwelligen Zugang zu komplexen Themen ermöglichen kann. Wir wollen kein weiteres Museum in Berlin eröffnen, sondern aktuelle Themen ansprechen: den Klimawandel oder die Mobilität zum Beispiel.“

Auch einen weitläufigen Foyerbereich soll es geben, der 24 Stunden am Tag zugänglich ist. „Das ist etwas ganz anderes als derzeit, wo man sich anmelden und Uhrzeit und Hörsaal kennen muss. Das sind zu viele Hürden. Was mir vorschwebt, ist im Grunde ein Urania-Quartier, wo ich jederzeit hingehen und schauen kann, was gerade stattfindet. Das kann ein wissenschaftlicher Vortrag sein oder eine Filmvorführung, Workshops oder Medienwerkstätten. In den klassischen Vermittlungsangeboten sollen Räume geschaffen werden, in denen sich zum Beispiel Bürgerinitiativen treffen können. Es soll Labore geben, wo Kinder wissenschaftliche Themen ganz praktisch kennenlernen können. Oder ein Urban-Gardening-Projekt im Außenbereich.“ Zugleich soll die Geschichte des Gründerzeitbaus aufbereitet werden, der einmal ein jüdisches Logenhaus und danach Standort der NS-Reichsfilmkammer war.

„Wir müssen Schnittmengen suchen“

Die Urania als Treffpunkt für die Stadtgesellschaft: Weigand nennt das Dokk 1 im dänischen Aarhus als Beispiel, das sich rund um eine Bibliothek zu einem Magneten für die Bürgerinnen und Bürger entwickelt hat. Er spricht mit einer solchen Begeisterung davon, dass man begreift, wie er die politischen Entscheidungsträger in Land und Bund überzeugen konnte. Aber von ihm ist jetzt Geduld gefordert: Für den notwendigen Architekturwettbewerb müssen die Mittel freigegeben sein. Der könnte 2023 stattfinden, Ende 2024 könnte es losgehen.

Bis dahin wird Weigand weiter an der Reform der Urania arbeiten. Wir stehen jetzt wieder am Schöneberger Ufer in Sichtweise des Technikmuseums. Die letzte Frage: Ob er auch die viel beklagte Polarisierung erlebe, die Verhärtung und Lagerbildung in vielen politisch relevanten Fragen? „Ich kann nur sagen, dass sich die Fronten verhärtet haben“, sagt Ulrich Weigand, „auch durch die Pandemie, den Ukraine-Krieg und in der Klimafrage. Mich bestätigt das eher in meinen Plänen. Wir müssen den Dialog gerade auch dort führen, wo es weh tut. Wir müssen Schnittmengen suchen. Wir brauchen mehr Impulse für neue Lösungen.“

Man kann ihm dabei nur eine gute Hand wünschen. Wir verabschieden uns freundlich.