Kommentar

Kinderkliniken: Warum die Notlage ein Drama mit Ansage ist

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Julia Emmrich
Krankenhausreform: Das soll sich ändern

Krankenhausreform- Das soll sich ändern

Deutsche Krankenhäuser sind finanziell in einer schwierigen Situation, Pflegekräfte überarbeiten. Eine neue Reform soll helfen.

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Auf den Kinderstationen mangelt es an Betten und Personal – Patienten werden abgewiesen. Überraschung? Nein, schreibt unsere Autorin.

Berlin. Kein freies Bett mehr auf der Kinderstation – und keine Aussicht auf schnelle Besserung der Lage. Es ist ein Drama und ein Armutszeugnis für das deutsche Gesundheitssystem. Eine Überraschung aber ist es nicht.

Das alles geschieht mit Ansage. Seit Jahren warnen Experten, dass die nächste schwere Infektionswelle die Kinderkliniken in den Kollaps treiben würde. Genauso ist es gekommen. Bereits jetzt gibt es auf vielen Kinderstationen kein einziges freies Bett mehr. Die Zahl der Kinderintensivplätze ist gefährlich geschrumpft, bundesweit gab es im Schnitt zuletzt weniger als einen Platz pro Standort.

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Geplante Klinikreform: Würde auch die Lage auf den Kinderstationen verbessern

Und es kommt noch schlimmer, glauben Kindermediziner. Die Lage in den Kliniken, aber auch in den Kinderarztpraxen werde sich in den kommenden Wochen noch einmal deutlich verschärfen. Bevor der Scheitelpunkt der Infektionswelle aus Erkältungsviren, Grippe- und RS-Viren nicht erreicht ist, werden weitere Kinder quer durch die Republik verlegt, werden Kinderärzte nicht lebensnotwendige Eingriffe verschieben, um Betten für Notfälle frei zu machen, werden Kinder nicht so optimal versorgt werden, wie es sie es bräuchten.

Die Bundesregierung will an diesem Freitag im Bundestag den ersten Schritt zu einer großen Klinikreform gehen, die auch die Lage der Kinderheilkunde verbessern soll. Das Ziel: Mehr Qualität, weniger ökonomische Zwänge. Die deutschen Kinderkliniken sollen zunächst in den kommenden beiden Jahren jeweils 270 Millionen Euro zusätzlich bekommen.

Betten- und Personalmangel: In der aktuellen Krise bringt die Finanzspritze nichts

Die Finanzspritze soll die strukturelle Unterfinanzierung der Kinderheilkunde zumindest so dämpfen, dass nicht noch weitere Stationen geschlossen werden oder ganze Kliniken dicht machen müssen. Und: Sie soll Kliniken dabei unterstützen, die saisonalen Schwankungen beim Versorgungsbedarf auszugleichen. Maximale Belastung im Herbst und Winter, aber oft leerstehende Betten außerhalb der Infektionssaison – Kinderheilkunde ist für Klinikbetreiber ein schwer kalkulierbares Geschäft.

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In der aktuellen Krise nützt die Millionenspritze jedoch nichts, auch langfristig ist nichts gewonnen, wenn zwar mehr Geld im System ist, aber niemand mehr da ist, der sich um die Kinder kümmert. Die 110 Kliniken, die jüngst an einer Umfrage der deutschen Intensivmediziner teilgenommen hatten, wiesen insgesamt 607 aufstellbare Kinderintensivbetten aus, von denen aber lediglich 367 Betten betrieben werden konnten. Mehr als 70 Prozent gaben an, dass Pflegepersonalmangel der Grund für die Bettensperrungen sei.

Es dauert, bis eine bessere Finanzierung Wirkung zeigt

Die Personalnot in der Kinderheilkunde ist noch deutlich schärfer als in anderen Bereichen der Pflege. Die Zahl der Kinderkrankenpflegerinnen und -pfleger hat sich anders als von der Politik erhofft, durch die jüngste Reform der Pflegeausbildung nicht erhöht. Die Hoffnung, an die sich die Gesundheitspolitiker der Ampel-Koalition nun klammern: Dass mit einer besseren Finanzierung der Kinderkliniken auch der Stresslevel beim Personal sinkt, dass der Beruf insgesamt attraktiver wird.

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Doch das alles dauert, bis es Wirkung zeigt. Damit die aktuelle Überlastung der Kinderkliniken nicht in einer Katastrophe endet, muss es andere Lösungen geben. Zur Not sollen jetzt kurzfristig Pflegekräfte aus anderen Abteilungen die Kollegen auf der Kinderstation unterstützen. Das heißt aber auch: Neben schwerkranken Kindern und ihren verzweifelten Eltern sind es wieder einmal die Pflegekräfte, die Jahrzehnte alte Versäumnisse der Gesundheitspolitik ausbaden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.