Straflager

Belarussische Aktivistin: Sorge um Maria Kolesnikowa

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Jo Angerer
Tichanowskaja rühmt Friedensnobelpreisträger Bjaljazki als "Freiheitskämpfer"

Tichanowskaja rühmt Friedensnobelpreisträger Bjaljazki als Freiheitskämpfer

Die belarussische Oppositionspolitikerin Swetlana Tichanowskaja hat ihren Landsmann Ales Bjaljazki, der am Mittag mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, gerühmt. "Ich bin sehr stolz auf ihn", sagte Tichanwoskaja in Paris.

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Maria Kolesnikowa ist eines der führendes Gesichter der belarussischen Opposition. Nun wurde sie in ein Krankenhaus eingeliefert.

Moskau. „Es kam wirklich wie ein Blitz aus heiterem Himmel“, sagt Taziana Chomitsch, die Schwester von Maria Kolesnikowa in einem Interview mit TV-Rain, einem Oppositionsmedium. Sie sei in einer Strafzelle eingesperrt gewesen, angeblich war sie in der arbeitsfreien Zeit verbotenerweise in einem Arbeitsbereich gewesen und hätte andere beschimpft, berichtet ihre Schwester. „Fast zwei Wochen lang konnte ihr Anwalt sie nicht besuchen, obwohl dies eine Verletzung ihrer Rechte darstellt“, so Chomitsch.

Maria Kolesnikowa wurde in der belarussischen Stadt Gomel, wo sie inhaftiert ist, auf die Intensivstation des örtlichen Krankenhauses gebracht und dort notoperiert. Der Grund dafür ist nicht bekannt. Inzwischen soll sie auf eine normale Station verlegt worden sein. Laut Taziana Chomitsch sei der Zustand ihrer Schwester stabil, es sei nach wie vor ernst, verbessere sich aber. Chomitsch hofft, dass es bald mehr Informationen geben wird, vor allem darüber „was geschah, als sie in der Strafzelle festgehalten wurde.“

Kolesnikowa war die letzte der drei Anführerinnen der Proteste in Belarus

Geboren wurde die Aktivistin 1982 in Minsk, dort studierte sie an der Musikakademie Querflöte. Ihr Studium setzte sie an der Musikhochschule Stuttgart fort, Alte und Zeitgenössische Musik, war ihr Studienfach. Seit dieser Zeit spricht sie perfekt Deutsch. Sie unterrichtete und organisierte Festivals. Singend und tanzend auf den Straßen von Minks, so haben viele Maria Kolesnikowa in Erinnerung.

Sie war die letzte der drei Anführerinnen der Protestbewegung im Sommer 2020 gegen Alexander Lukaschenko, den belarussischen Präsidenten, der sich mit einer dreisten Wahlfälschung den Fortbestand seiner Macht sicherte. Ihre Mitstreiterinnen Veronika Zepkalo und Swetlana Tichanowskaja hatten das Land längst verlassen, doch Maria Kolesnikowa war auf jeder Demonstration dabei, gab spontan Interviews. Ja, sie glaube an den Erfolg, die Protestbewegung werde siegen, und nein, niemals würde sie das Land verlassen.

Doch Lukaschenkos Schergen entführten Maria Kolesnikowa, verschleppten sie an die ukrainische Grenze und wollten sie aus dem Land werfen. Maria zerriss ihren Pass, kam in Untersuchungshaft. Dort stellte sie Strafanzeige gegen den Geheimdienst und die Sonderpolizei. Man habe sie bedroht, ihr einen Sack über den Kopf gezogen und ihr gedroht, mit 25 Jahren Freiheitsstrafe oder gar der Zerstückelung ihrer Leiche. Doch Maria Kolesnikowa kämpft weiter.

Ihre Anwältin erzählt im Oktober 2020 von ihren Besuchen im Untersuchungsgefängnis: „Jedes Mal überrascht es mich, wie viel Energie sich in ihr ansammelt. Und wie enthusiastisch sie ihre Verteidigung vorbereitet. Sie verliert nicht den Mut. Ganz im Gegenteil. Ihr Wille wird immer stärker.“ Fast ein Jahr sitzt Maria Kolesnikowa in Untersuchungshaft, dann verurteilte man sie zu elf Jahren Haft im Straflager. Sie hätte eine Verschwörung zur verfassungswidrigen Machtergreifung vorbereitet, die nationale Sicherheit gefährdet und eine extremistische Organisation gegründet, heißt es in der Urteilsbegründung.

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Nur wenig Informationen über Haftbedingungen von Kolesnikowa

Maria Kolesnikowa ist für ihr Engagement mit zahlreichen Preisen geehrt worden. Darunter auch, gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen Veronika Zepkalo und Swetlana Tichanowskaja, mit dem Aachener Karlspreis 2022. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Karlspreis-Trägerinnen aus Belarus für ihren mutigen Einsatz in dem Land gewürdigt. „In Belarus hat der friedliche und noch immer brutal unterdrückte Aufbruch in die Zukunft ein weibliches Gesicht. Als mutige und starke Frauen haben sie der Diktatur die Stirn geboten.“

Über Maria Kolesnikowas Haftbedingungen weiß man nur wenig. Doch normalerweise geht es im Straflager wesentlich härter zu als in einem normalen Gefängnis. Schikanen sind an der Tagesordnung, weiß der Regisseur Oleg Senzow, der selbst in einem russischen Lager war. Die Haftbedingungen in Belarus dürften ähnlich, wenn nicht härter sein. „Dort gibt man dir gleich auf der Schwelle zu verstehen, dass du in ein Fegefeuer geraten bist, in dem du keinerlei Rechte hast, Beschwerden zwecklos sind und es niemanden gibt, bei dem man sich beschweren könnte“, schreibt Senzow in einem Artikel der Online-Zeitung „Nowaja Gaseta“.

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Baerbock fordert Freilassung von belarussischer Oppositionellen

Taziana Chomitsch sagt, ihre Schwester müsse sechs Tage die Woche Militäruniformen nähen. Für politische Gefangene gebe es viele verschiedene Strafen wie den Ausschluss von Sport- und Unterhaltungsaktivitäten oder den Entzug von Geschenken von Verwandten. Auch müssten politische Gefangene ein spezielles gelbes Emblem tragen. Mit Mascha, wie sie ihre Schwester nennt, hätte Taziana Chomitsch zum letzten Mal im August telefonieren dürfen. Aber ihr Vater habe sie Ende Oktober für vier Stunden besuchen können. „Papa sagte, Mascha sei sehr gut gelaunt, wie immer sehr stark, sehr fröhlich“.

Nun also die Schreckensnachricht von der Einlieferung auf die Intensivstation, von der Notoperation. „Unsere liebe Mascha, wir alle hoffen, dass du wieder gesund wirst“, schreibt Sewtlana Tichanowskaja, die belarussische Oppositionsführerin im Exil. Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat inzwischen die sofortige Freilassung Maria Kolesnikowas gefordert. „Die Berichte über den Gesundheitszustand von Maria Kolesnikowa gehen mir sehr nahe“, erklärte Baerbock. „Das Regime in Belarus muss für ihre Gesundheit garantieren und sie sofort freilassen. Ihr Einsatz für Demokratie ist kein Verbrechen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.