Ukraine-Krieg

Russland: Wie Soldatenmütter Druck auf Putin ausüben

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Jo Angerer
Ukraine: Sorgen vor hartem Winter im Donbass

Ukraine- Sorgen vor hartem Winter im Donbass

"Was sollen wir also tun? Hier sterben?", fragt Tatjana Kutepowa. Die Bewohnerin von Lyman im Osten der Ukraine sorgt sich vor dem kommenden Winter. Seit dem Frühjahr gibt es weder Gas noch Strom. An Brennholz fehlt es auch. Geblieben sind nur die, die zu arm oder zu alt sind, um zu fliehen.

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Präsident Putin schickt Reservisten in den Ukraine-Krieg. Der "Rat der Mütter und Ehefrauen" kritisiert Verstöße bei der Mobilisierung.

Moskau. Der russische Muttertag ist in diesem Jahr ein ganz besonderer. Frauen in vielen Städten des Landes fordern Aufklärung über das Schicksal ihrer Söhne und Ehemänner, die in der Ukraine kämpfen. Wohl auch deshalb empfing Präsident Wladimir Putin bereits am Freitag einen sorgsam ausgewählten Kreis von Soldatenmüttern aus verschiedenen Regionen in seiner Residenz in Nowo-Ogarjowo bei Moskau.

"Wichtig ist, dass wir alle sterblich sind, dass wir in Gottes Hand sind und irgendwann aus dieser Welt scheiden. Die Frage ist, wie wir gelebt haben", sagte Putin zu einer Mutter, deren Sohn bereits 2019 in der Ostukraine gefallen war. "Und Ihr Sohn hat gelebt. Er hat sein Ziel erreicht."

Russische Staatsmedien veröffentlichten ein kurzes Video seiner Ansprache. "Ich möchte, dass Sie wissen, dass wir diesen Schmerz mit Ihnen teilen, und dass wir natürlich alles dafür tun werden, damit Sie sich nicht vergessen fühlen."

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Russland: "Rat der Mütter und Ehefrauen" übt Kritik an Putin

Auch Olga Tsukanowa veröffentliche ein Video. Im Internet. Es ist ein flammender Appell an den russischen Präsidenten. Tsukanowa ist Vorsitzende des "Rates der Mütter und Ehefrauen", einer sozialen Bewegung von Angehörigen mobilisierter Reservisten, die die Rückkehr ihrer Söhne und Männer von der Front fordern.

Olga Tsukanowa und ihre Mitstreiterinnen waren nicht erwünscht beim Treffen mit dem Präsidenten. In ihrem Video fordert Tsukanowa eine echte Begegnung, eingeladen gewesen seien doch nur Mütter, die dem Staat nahestehen. "Wir sind hier in Moskau und bereit, uns mit Ihnen zu treffen. Wir warten auf ihre Antwort! Nun, Leute, werdet ihr einen Dialog beginnen oder werdet ihr euch verstecken?"

Olga Tsukanowas 20-jährige Sohn aus Samara wurde im Juni 2022 zum Militärdienst einberufen, so erzählt sie es im Netz. Am 31. Juli legte er seinen Eid ab, den Eltern sei versichert worden, ihre Söhne würden nicht in die Ukraine geschickt. Doch kurze Zeit später sei ihr Sohn überredet worden "freiwillig" einen Vertrag zu unterschreiben, für die "Spezialoperation". Seitdem hätte sie keinen Kontakt mehr zu ihm, so sagt sie.

Mobilisierung in Russland: Familie zeigt Militärstaatsanwaltschaft an

Gemeinsam mit anderen gründete Olga Tsukanowa den "Rat der Mütter und Ehefrauen", Frauen aus fast 90 russischen Städten gehören ihm inzwischen an. Sie kritisieren Verstöße des Militärs bei der Mobilisierung. Und fordern die Einrichtung von "Mütterräten" in jeder russischen Stadt, diese Räte sollten prüfen wie die mobilisierten Reservisten ausgebildet und versorgt werden.

Olga Tsukanowa bewegt Geschichten, wie sie Sinaida Kurbatowa erzählt, die sich dem "Rat der Mütter und Ehefrauen" inzwischen angeschlossen hat. Ihr Sohn Alexej leistete 2011 seinen Wehrdienst als Fahrer ab. Kampferfahrung hätte er keine gehabt, so seine Mutter. Trotzdem hätte man ihn, ein Jahrzehnt später, am 21. September einberufen. Eine medizinische Untersuchung oder eine Ausbildung hätte es nicht gegeben, so Sinaida Kurbatowa.

Nach zwei Tagen in einer Einheit in der Region Woronesch sei er in die Region Belgorod verlegt und dann an die Front geschickt worden. Die Familie erstattete Anzeige bei der Militärstaatsanwaltschaft, wurden aufgefordert, auf eine Prüfung zu warten. Doch bereits acht Tage nach der Mobilisierung starb der 31-jährige Alexej.

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Ukraine-Krieg: Über 300 mobilisierte Soldaten soll bereits gefallen sein

Nachprüfen kann man Geschichten wie diese, vielfach veröffentlicht im Netz, nicht. Doch der "Rat der Mütter und Ehefrauen" fordert Aufklärung. Zudem häuften sich in den vergangenen Wochen Berichte über völlig unzureichend ausgerüstete Rekruten. Wie viele der Mobilisierten bereits an der Front gestorben sind, darüber gibt es keine offiziellen Zahlen. Unabhängige Medien sprechen von über 300.

Der "Rat der Mütter und Ehefrauen" ist nur Teil einer Protestbewegung in Russland, die zunehmend größer wird. Zumal Kritiker vermuten, das Ende der Teilmobilisierung russischer Reservisten sei nur vorläufig.

Es sind Frauen, die sich nicht mit dem zufrieden geben, was Präsident Putin den Soldatenmüttern beim offiziellen Treffen mitgab: "Es ist klar, dass das Leben schwieriger und vielfältiger ist als das, was auf Fernsehbildschirmen oder sogar im Internet gezeigt wird, da kann man auf überhaupt nichts vertrauen. Es gibt viele Fakes, Täuschungen, Lügen."

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.