Ukraine-Krieg

Warum russische Militärblogger viel Einfluss auf Putin haben

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Miguel Sanches
Cherson: Fluss Dnipro trennt Familien

Cherson: Fluss Dnipro trennt Familien

Die Befreiung von Cherson ist für viele Menschen in der südukrainischen Stadt eine bittersüße Erfahrung. Zwar sind die Einwohner froh, wieder unter ukrainischer Verwaltung zu sein, viele fürchten aber auch um das Schicksal von Angehörigen, die nur wenige Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Flusses Dnipro leben - unter der Kontrolle von russischen Besatzungstruppen.

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Im Ukraine-Krieg tummeln sich viele russische Militärblogger. Sie sind den Generälen ein Ärgernis, aber werden von Putin geschützt.

Berlin. Sie reden Klartext, gnadenlos. "Manche Kommandeure sollte man erschießen", urteilt Anastasia Kaschewarowa auf Telegram. Sie darf das: unverhohlen die russischen Militärs im Ukraine-Krieg kritisieren. Denn Kaschewarowa ist eine Militärbloggerin – und nicht die einzige, über die Kremlchef Wladimir Putin seine schützende Hand hält.

Das amerikanische Institut for the Study of War staunt, die Blogger seien keine "Cheerleader für den Krieg". Sie entwickelten sich in Russland vielmehr zu einer Gruppe "mit deutlicher Stimme".

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Ukraine: Je schlechter es läuft, desto bekannter die Blogger

Putin hat sie im bald neun Monate alten Krieg oft genug vor Angriffen des Verteidigungsministeriums geschützt. Und er hat entgegen der zunehmenden Zensur ihre Unabhängigkeit verteidigt

Als er kürzlich hervorhob, wie wichtig Transparenz und Genauigkeit in der Kriegsberichterstattung seien, konnten nur die Blogger gemeint sein. Seine Motive sind unklar. Vielleicht ergeht es ihm so, wie vielen Russen: Sie misstrauen den Erfolgsmeldungen aus der Front.

Putin: Die Blogger sind mit ihm auf einer Wellenlänge

Vielleicht gelingt es ihnen auch besser, was Putin versäumt hat: Sein Volk auf den Krieg einzustimmen. Noch immer spricht er zumeist von einer militärischen Spezialoperation, wiewohl er längst eine Teil-Mobilmachung angeordnet hat.

Je schlechter es an der Front läuft, desto bekannter die Blogger. Die Amerikaner schätzen ihre Zahl – es werden immer mehr – aufgrund von Berichten auf 500. Das heißt: 500 Leute, die Soldaten an der Front begleiten und relativ unabhängig Videos von Gefechten und Erzählungen in russischen Social-Media-Plattformen wie Telegram, VK und RuTube hochladen, die wiederum von Hunderttausenden gelesen und gesehen werden.

Amerikaner staunen über die Freiheiten der Blogger

Sie genießen beim Publikum, was Kreml und Verteidigungsministerium längst verloren haben: Vertrauen, Glaubwürdigkeit. Die Amerikaner glauben, dass Putin bereit ist, Kritik von einer Gruppe zu ertragen, weil er sie als loyal und authentisch empfindet: russisch-nationalistisch, jung, kriegsaffin. Kurzum: Auf einer Wellenlänge mit Putin.

Dass der Kreml die Blogger-Community toleriere, sei erstaunlich, so das Institut for the Study of War. Die Amerikaner fragen sich allerdings, ob er diesen Kurs auch beibehalten wird, wenn die militärischen Rückschläge zunehmen und die Blogger nicht nur die Militärs, sondern auch ihn kritisieren. Dann könnte es mit ihrer relativen Unabhängigkeit bald zu Ende sein. Der russische Geheimdienst will einen Erlass in Kraft setzen, der die Verbreitung bestimmter Informationen über die "Spezialoperation" unter Strafe stellt.

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Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.