Ukraine

„Armageddon“: Warum warnt Biden vor russischem Atomangriff?

| Lesedauer: 7 Minuten
Christian Kerl
Biden: USA werden "niemals, niemals, niemals" Russlands Annexion ukrainischer Regionen anerkennen

Biden- USA werden niemals, niemals, niemals Russlands Annexion ukrainischer Regionen anerkennen

US-Präsident Joe Biden hat bekräftigt, die Annexion ukrainischer Gebiete durch Russland nicht anerkennen zu wollen. "Die Vereinigten Staaten werden niemals, niemals, niemals Russlands Ansprüche auf das souveräne Territorium der Ukraine anerkennen," sagt Biden in der US-Hauptstadt Washington.

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Dramatische Worte des US-Präsidenten zum Krieg: Was hinter der Atom-Sorge steckt und was ein heimliches Signal an Putin sein könnte.

Brüssel. Im Ukraine-Krieg wächst die Sorge vor einem russischen Atombomben-Einsatz. Drastisch wie noch nie warnt US-Präsident Joe Biden jetzt vor der Gefahr einer atomaren Konfrontation mit Russland, die so groß sei wie zum Höhepunkt des Kalten Krieges: Die Welt habe seit der Kuba-Krise 1962 nicht so nah vor einem Atombombeneinsatz gestanden, sagte Biden bei einem Auftritt in New York. Dieser aber würde zu einem „Armageddon“ führen.

„Armageddon“ steht in der Bibel für den Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht, allgemein bezeichnet es eine alles zerstörende Katastrophe. Doch hatte der Präsident auch eine zweite Botschaft: Die US-Regierung sucht nach einem Weg, dem russischen Präsidenten nach seinen jüngsten Atomdrohungen einen Rückzieher zu ermöglichen: „Ich versuche herauszufinden: Was ist Putins Ausfahrt? Wo findet er einen Ausweg?“, erklärte Biden.

Ukraine-Krieg: Wie hoch ist das Risiko eines russischen Atomschlags?

Damit deutete der Präsident die zentrale Sorge der USA und der gesamten Nato an: Der Kremlherrscher könne sich mit seinen militärischen Niederlagen in der Ukraine in eine aussichtslose Lage manövrieren, in der er die Atombombe als letzte Rettung auch zum eigenen Machterhalt sieht – obwohl der militärische Nutzen gering wäre und der politische Schaden so gewaltig, dass nach Meinung fast aller Militärexperten in rationaler Abwägung alles gegen den Tabubruch spricht.

Westliche Geheimdienste haben Hinweise, dass Wladimir Putin eine militärische Niederlage in den besetzten Gebieten der Ukraine als existenzielle Bedrohung Russlands einstufen würde – was nach der russischen Militärdoktrin den Atomwaffeneinsatz rechtfertigt. Die Dienste erkennen trotz sorgfältigster Beobachtung bislang aber keine Anzeichen dafür, dass Putin einen solchen Einsatz tatsächlich vorbereiten lässt.

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Biden: Putin scherzt nicht, wenn er über Atomwaffen spricht

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sorgte in diesem Zusammenhang jedoch für Aufregung und für helle Empörung in Moskau: Bei einem Videoauftritt vor dem Lowy Institute in Sydney hatte er mit Blick auf die Nato gefordert, einen Einsatz von Atomwaffen durch Russland um jeden Preis zu verhindern, notfalls auch mit Präventivschlägen. Selenskyjs Sprecher versicherte später, die Forderung sei falsch verstanden worden. Der Präsident habe nur gesagt, vor Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine seien Präventivmaßnahmen nötig gewesen, um den Krieg zu verhindern.

Biden sagte bei seinem Auftritt während einer abendlichen Spenden-Veranstaltung mit Blick auf Putin:„Wir haben einen Typen, den ich ziemlich gut kenne. Er scherzt nicht, wenn er über den möglichen Einsatz taktischer Atomwaffen oder biologischer oder chemischer Waffen spricht, weil sein Militär, so könnte man sagen, deutlich unterdurchschnittlich ist.“ Und weiter: „Ich glaube nicht, dass es so etwas wie die Fähigkeit gibt, eine taktische Atomwaffe einfach einzusetzen und nicht mit Armageddon zu enden.“

Der Präsident warnte: „Zum ersten Mal seit der Kuba-Krise droht uns eine Atomwaffe, wenn die Dinge tatsächlich so weitergehen.“

Russland verfügt über fast 2000 taktische Atomwaffen – mehr als die USA

Die Kuba-Krise hatte die Welt im Oktober 1962 an den Rand eines Atomkriegs gebracht. Nachdem die Sowjetunion Mittelstreckenraketen auf der Insel Kuba stationiert hatte, standen die beiden Supermächte für zwei Wochen kurz vor der ultimativen Eskalation. Allerdings: Damals ging es um eine direkte Bedrohung der USA durch sowjetische Atomwaffen mit großflächiger Wirkung, die Großstädte zerstören und zigtausende Menschenleben kosten könnten.

Im Ukraine-Konflikt erwarten Experten allenfalls den Einsatz von taktischen Atomwaffen mit sehr begrenzter Reichweite und Wirkung: Putins Kalkül wäre wahrscheinlich, mit der Zündung einer vergleichsweise kleinen Atombombe der Welt die ultimative Entschlossenheit zu demonstrieren, den Schaden aber relativ gering zu halten.

In der russischen Strategie für den Einsatz von Atomwaffen gibt es dafür den Begriff „Eskalieren, um zu deeskalieren“ – den Gegner so beeindrucken, dass er sich zurückzieht. Deshalb verfügt die russische Armee auch über knapp 2000 taktische Atomwaffen, deutlich mehr als die USA. Einem CNN-Bericht zufolge spielen die USA seit Kriegsbeginn mehrere Szenarien durch, bei denen zur „nuklearen Demonstration“ ein Atomschlag auf das Kernkraftwerk in Saporischschja oder in großer Höhe oder über unbesiedelten Gebieten angenommen wird, etwa über dem Schwarzen Meer.

In der Kuba-Krise lenkten die USA heimlich ein – ein Hinweis an Putin?

Indem Biden jetzt die Kuba-Krise erwähnt und damit den Konflikt um weitreichende Atomwaffen, warnt er Putin vor einer möglichen Fehlkalkulation: Der Kreml kann die Folgen auch eines derart begrenzten Atombombeneinsatzes nicht berechnen und nicht kontrollieren.

Doch enthält der Verweis auf Kuba und die Frage nach Putins Auswegen womöglich eine zweite, versteckte Botschaft: Sind die USA angesichts der so dramatisch ausgemalten Atom-Gefahr zu Zugeständnissen bereit, weil sie Putins Drohungen doch sehr ernst nehmen?

Dass die Kuba-Krise mit dem Abzug der sowjetischen Raketen abgewendet wurde, war auch dem heimlichen Einlenken der USA zu verdanken – Präsident John F. Kennedy sagte Moskau als Gegenleistung den Abzug der US- Mittelstreckenraketen aus der Türkei zu, bestand aber auf Geheimhaltung, sodass er sich eine Zeit lang als Sieger in dem Konflikt darstellen konnte.

Nuklearangriff: So könnte die Antwort der USA ausfallen

Diesmal hat die US-Regierung Moskau ja eigentlich längst gewarnt, dass die Verletzung des Atom-Tabus „katastrophale Konsequenzen“ haben werde: Über einen nach wie vor intakten Gesprächskanal mit Moskau, der über das State Department und den Nationalen Sicherheitsrat laufen soll, haben amerikanische Regierungsvertreter dem Kreml in den vergangenen Wochen und Monaten sehr konkrete Drohungen übermittelt, wie die USA zurückzuschlagen würden.

Was genau besprochen wurde, hält die US-Regierung geheim. Gut informierte Militärexperten gehen davon aus, dass die USA einen begrenzten russischen Atomwaffen-Einsatz in der Ukraine nicht mit einem nuklearen Gegenschlag beantworten würden – eine solche Reaktion der USA, die den Weltkrieg bedeuten könnte, ist nicht einmal für den Fall eines russischen Angriffs auf ein Nato-Mitglied sicher.

Ex-CIA-Chef: Würden Russlands Truppen in der Ukraine „vernichten“

Moskau dürfte aber verstanden haben, dass die USA als Option erwägen, einen konventionellen Schlag gegen russische Militärstellungen in der Ukraine auszuführen – es wäre eine einmalige, begrenzte Aktion mit Präzisionswaffen, die massiven Schaden in den russischen Streitkräften anrichten könnte. Zu den Optionen zählen auch massive Cyberangriffe vor allem gegen das russische Militär. Das wäre eine allerletzte Warnung an Moskau.

Rhetorisch überspitzt hat der frühere CIA-Direktor David Petraeus solche Überlegungen aufgegriffen: Die USA und ihre Verbündeten würden nach einem Atomschlag Russlands Truppen in der Ukraine „vernichten“ und die russische Schwarzmeerflotte versenken, sagte der frühere Vier-Sterne-General. Putin müsste dann entscheiden, ob er Vergeltung sucht - und den Dritten Weltkrieg riskiert.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.