Stimmungstest

Landtagswahl im Nordwesten: So ticken die Niedersachsen

| Lesedauer: 6 Minuten
Harald Likus
Die niedersächsischen Ministerpräsidenten

Die niedersächsischen Ministerpräsidenten

Die Liste der Niedersächsischen Ministerpräsidenten gibt alle Ministerpräsidenten seit der Gründung des Landes Niedersachsen am 1. November 1946 an.

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Am heutigen Sonntag wählt Niedersachsen einen neuen Landtag. Kann Stephan Weil weiterregieren oder zieht die CDU an der SPD vorbei?

Hannover. Am heutigen Sonntag ist Landtagswahl in Niedersachsen. Es scheint knapp zu werden. Kann Stephan Weil weiterregieren? Oder zieht die von Bernd Althusmann angeführte CDU, derzeit Juniorpartnerin im rot-schwarzen Bündnis, doch noch an der SPD vorbei? Und was würden dann die Grünen machen? Apropos: Findet man es in anderen Bundesländern eigentlich verwirrend, dass die grüne Spitzenkandidatin in Niedersachsen Julia Willie Hamburg heißt?

Ach, vielleicht sollte man vor den Einzelheiten der landespolitischen Ausgangslage das Thema ein wenig grundsätzlicher fassen. Wie „tickt“ es eigentlich, dieses Bundesland, das zumindest flächenmäßig in Deutschland nur von Bayern übertroffen wird?

„Ohne Niedersachsen wäre man schneller an der Küste“, ätzt der Kabarettist

Niedersachsen also. Wenn ein Krabbenfischer aus Cuxhaven seinen neuen Golf auf den Parkplatz des Heideparks Soltau lenkt, während er seiner pferdeverrückten Tochter erzählt, dass er jüngst beim Grünkohlessen in Oldenburg daran denken musste, wie ihm auf einer Harzwanderung mal Gerhard Schröder in einem zu engen Hannover-96-Trikot begegnet ist, der gerade „Wind of Change“ von den Scorpions vor sich hinpfiff… – dann wären schön viele Niedersachsen-Klischees in einem Gaga-Satz versammelt.

Oder wie wäre es mit der Klischeeparade von Horst Evers, dem wirklich lustigen Kabarettisten aus Diepholz? „Weit das Land und flach die Felder, viele Wälder, Waterkant, Millionen Kälber, knappe Gelder, gelber Raps, Kartoffelschnaps und strammer Max - wenn Niedersachsen nicht sein müsste, wär‘ man schneller an der Küste.“

Weser, Aller oder Ilmenau, schöne Fahrradwege gibt es in Niedersachsen

Klischees: Wer dieses Wort benutzt, will sich in der Regel davon absetzen. Eigentlich sind wir anders. Ganz anders. Der gute Niedersachse muss jetzt tief Luft holen und die Schönheit der Fahrradwege an Leine, Weser, Aller oder Ilmenau erwähnen, die exzellenten Universitäten in Göttingen und Braunschweig, den Siegeszug der von Volkswagen forcierten E-Mobilität, die Wasserstoff-Züge, die ehrgeizigen Artenschutz-Initiativen, den „grünen Stahl“ aus Salzgitter und vielleicht sogar den grünen OB in Hannover und die schwulen Ampelmännchen, die es bald sogar in der ehrwürdigen Lessingstadt Wolfenbüttel gibt.

Niedersachsen: Früher lebten hier mehr Schweine als Menschen

Doch natürlich ergibt sich auch durch die Beschwörung neuer Klischees kein scharfes Bild. Manches, was man anderswo immer schon über Niedersachsen denkt, stimmt halt irgendwie, gehört trotz aller Heterogenität zum Charakter dieses Bundeslandes.

Die „Millionen Kälber“ aus Horst Evers‘ Tirade zum Beispiel sind nur leicht übertrieben. Mehr als 800.000 Kälber und zweieinhalb Millionen Rinder wurden im vorigen Jahr gezählt. Und wenn man jetzt noch erwähnt, dass die Zahl der Schweine aktuell bei 7,38 Millionen liegt, wird manch einer überrascht grunzen - erst recht wenn man hinzufügt, dass dies ein bereits erheblich geschrumpfter Wert ist und vor Jahren tatsächlich mehr Schweine als Menschen lebten im Acht-Millionen-Einwohner-Land.

Jedenfalls bleibt Landwirtschaft zwischen Ernährungsimperativ und Agrarwende-Romantik ein Riesenthema in Niedersachsen. Auch bezüglich des eingangs erwähnten Ex-Kanzlers steht die Prägung außer Frage. Einerseits ist Gerhard Schröder ein Mann von gestern, politisch-moralisch im Abseits. Andererseits stark nachwirkend. Nicht nur in Form von Erinnerungen („SCHRÖDER! Was denn sonst, du Klugscheißer?“, blaffte mich als Aushilfsjobber in Göttingen mal ein Vorarbeiter an, als ich ihn in den 90ern vor der Landtagswahl auf seine Wahlabsicht ansprach), sondern auch als Hypothek für die SPD.

Gerhard Schröder: Die Moskau-Connection ist eine Hypothek für die SPD

Im April 2022 schien es kurz sogar, als ob das Schlagwort „Moskau-Connection“ für Stephan Weil ein echtes Problem würde. Doch mit reuigen Bemerkungen, was die eigene Unterschätzung des Putin’schen Imperialismus angeht, aber auch der überzeugenden Darlegung, dass er selbst alles andere als ein Moskau-Spezi war, gelang es dem Ministerpräsidenten, das Thema zu entschärfen.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Überhaupt sprechen selbst politische Gegner dem „biertrinkenden Juristen“ Weil, so eine vielfach zitierte Selbstbeschreibung, nicht ab, die Landesvaterrolle geschickt anzulegen. Sein zunehmend präsidialer Pragmatismus passt zur niedersächsischen SPD und kommt sowieso gut an in einem tendenziell konservativen Bundesland.

Der Niedersachsen-Check: Neues will man nicht unbedingt

Hierzu eine frische Duftnote aus dem „Niedersachsen-Check“, einer Forsa-Befragung im Auftrag niedersächsischer Tageszeitungen: Sowohl die Frage, ob sie geschlechtliche Ausgewogenheit im Landeskabinett wichtig finden, als auch die nach der Relevanz der Vertretung von Politikern mit Zuwanderungsgeschichte verneinten Mitte September siebzig Prozent der Befragten klipp und klar.

Und sogar mehr als siebzig Prozent sprachen sich beim zunehmend wichtigen Kampfthema Wölfe für den Abschuss auffälliger Tiere aus. Umweltminister Olaf Lies (SPD), den sich viele in der Partei als Nachfolger des immerhin seit 2013 amtierenden Weil vorstellen können, dürfte den Wert aufmerksam zur Kenntnis genommen haben.

Niedersachsen-Wahl: FDP muss um Wiedereinzug in den Landtag fürchten

Und der Herausforderer bei dieser Landtagswahl? Auch Bernd Althusmann kennt sich mit Balanceakten aus. Der amtierende Wirtschaftsminister ist habituell alles andere als ein schwarz-grüner Softie. Gleichwohl vermeidet der Hauptmann der Reserve Schroffheiten und Zuspitzungen. Sei es aufgrund seines besonders fleißigen Wahlkampfes, sei es aufgrund des Umstands, dass ihm die in Berlin regierende Ampel bessere Angriffsflächen bietet: Althusmann hat offenbar aufgeholt.

Derzeit liegt die SPD in Umfragen bei 31 bis 32, die CDU bei 27 bis 30 Prozent, während den Grünen 16 bis 19 Prozent, der AfD 9 und der FDP gefährliche 5 Prozent in Aussicht gestellt werden. Wie gesagt: Es wird spannend. Rot-Grün schien noch vor Wochen eine ziemlich sichere Bank zu sein. Doch was ist, wenn die CDU in guter alter Christian-Wulff-Tradition wieder stärkste Partei wird?

Dass die Bildungspolitikerin Julia Willie Hamburg, die den Wahlkampf der Grünen gemeinsam mit dem Ex-Agrarminister Christian Meyer anführt, im Interview mit unserer Zeitung jetzt monierte, Althusmann habe „keine positiven Signale gesetzt“ und die CDU „offensichtlich kein Interesse, sich modern aufzustellen“, ist nicht mehr als ein Fingerzeig in dieser Frage. Aber auch nicht weniger.

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.