Flucht

Ukraine-Krieg: Europa steht vor „historischem Fluchtwinter“

| Lesedauer: 8 Minuten
Christian Unger
Geflüchtete Ukrainer in Berlin: Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Geflüchtete Ukrainer in Berlin- Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Sie alle sind vor dem Krieg in der Ukraine nach Berlin geflohen und haben verschiedene Erwartungen an Deutschland: Die aus Mariupol entkommene Albina Kirsan erwartet zu Jahresende ein Kind, während der in Lyssytschansk amputierte Roman Kovel auf einen Termin für seine Bein-Prothesen hofft. Im Containerdorf auf dem Tempelhofer Feld treffen auf engem Raum unterschiedliche Schicksale aufeinander.

Video: Politik, Krise, Krieg, Konflikt
Beschreibung anzeigen

Europa erlebt stark steigende Asylzahlen. Experten warnen: Die EU steht vor einer historischen Fluchtwelle nicht nur aus der Ukraine.

Berlin. Mitte Oktober wird es wieder einen Krisengipfel in Berlin geben. Nicht zum Gasmangel, nicht zur Inflation. Es geht um Geflüchtete. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) will sich zusammensetzen mit Städten und Kommunen. Denn die schlagen Alarm. Die Zahl der Schutzsuchenden steigt – und Unterkünfte füllen sich seit Wochen schnell.

Die Kommunen wollen ein Signal vom Bund, wie es mit der deutschen Flüchtlingspolitik weitergeht. Und sie wollen Geld. In dieser Krisenlage, in der manch ein Migrationsexperte einen „historischen Fluchtwinter“ voraussagt. Lesen Sie auch: Wie zwei Iraker in einem Bus auf der Flucht nach Deutschland sterben

2015 flohen eine Million Menschen vor allem aus Syrien vor Terror und Krieg nach Europa. Nun sind es eine Million Ukrainerinnen und vor allem ihre Kinder, die nach Deutschland kommen, seitdem Russland die Ukraine angegriffen hat. Mehr als 7,5 Millionen sind es aktuell in ganz Europa.

Ukraine-Krieg: Mit der Asylkrise ist Balkanroute zurück

Das allein ist schon eine große Zahl. Doch es kommen weitere Migranten und Geflüchtete nach Europa. Gut 100.000 Menschen sind in diesem Jahr über das Mittelmeer geflohen. Das ist keine besonders hohe Zahl, aber sie kommt mitten in eine europäische Kriegslage. Wieder mehr Menschen kommen auch über die Balkanroute – derzeit vor allem über Tschechien und Österreich nach Deutschland.

Afghanen, Syrer, Iraker und Pakistaner fliehen aus der Türkei, weil sich dort die Lage angesichts horrender Inflation zuspitzt. Und Präsident Erdogan angesichts anstehender Wahlen Druck auf Migranten ausübt. Die nächste Baustelle: In Afghanistan will die Bundesregierung bald ihr Versprechen einlösen – und ein Bundesaufnahmeprogramm für Menschen starten, die von den Taliban bedroht sind.

Ukraine-Krieg: Krise verschärft sich durch drei Faktoren

Vor Ort in Deutschland spüren das die Kommunen, die verantwortlich sind für die Versorgung und Unterbringung. Städte richten wieder Turnhallen mit Feldbetten ein, suchen händeringend nach Unterkünften in Wohnhäusern. Anfangs waren vor allem Berlin, Frankfurt an der Oder und Hannover von der Masse der Geflüchteten als Knotenpunkte betroffen. Mittlerweile sind viele Ukrainerinnen und Ukrainer besser im Bundesgebiet verteilt. Lesen Sie auch: Europas ungelöstes Asyldilemma

Etwas erleichtert die Notlage – anders als 2015. Die Menschen aus der Ukraine müssen nicht durch das aufwendige Asylverfahren, sie können gleich arbeiten, ihren Wohnort in Deutschland und sogar Europa frei wählen. Und: Ein großer Teil aus der Ukraine ist zurück in die Heimat gereist, abseits des Ostens und des Südens ist die Lage derzeit ruhiger. Mehr als 80.000 sind offiziell aus Deutschland wieder abgemeldet, die Dunkelziffer dürfte höher liegen.

Doch kommen drei Faktoren hinzu, die die Krise verschärfen können. Zum einen tobt noch immer der Krieg, setzt Kremlchef Wladimir Putin Massenvernichtungswaffen ein, könnte das Millionen zur Flucht zwingen.

Zum anderen setzt bald der Winter in der Ukraine ein. Minusgrade sind die Regel, doch viele Häuser zerstört. Durch den Krieg sind immer wieder auch Kraftwerke in Gefahr. Bricht die Versorgung mit Heizung und Strom zusammen, ist auch das ein immenser Flucht-Faktor.

Flüchtlinge aus Russland: Finnland nahm Tausende auf

Als Drittes geht der Blick nach Russland: Dort versuchen Zehntausende das Land zu verlassen – angesichts der Mobilmachung der russischen Regierung für einen Krieg, der bisher für viele Russen weit weg war. Bisher fliehen die Menschen vor allem nach Georgien und Armenien, die Türkei oder Zentralasien. Überall dort kamen Russen visafrei hin.

Finnland nahm ebenfalls Tausende über die Grenze auf. Ein Teil könnte weiterreisen. Bisher ist davon in Asylunterkünften in Deutschland jedoch noch nichts zu spüren. Die Zahlen aus Russland sind auf dem Niveau wie vor dem Krieg. Lesen Sie auch: Wie die Bundesregierung LSBTIQ-Flüchtlinge besser schützen will

Insgesamt dürften die Schutzsuchenden aus Russland eher ein geringer Faktor in der deutschen Asylpolitik werden. Auch Sorgen vor Konflikten zwischen Russen und Ukrainern in Deutschland sind bei den Sicherheitsbehörden eher gering. Zu Beginn des Ukraine-Krieges im Februar hatte es einzelne Vorfälle wie Sachbeschädigung an russischen Lebensmittelgeschäften gegeben. Doch die Reihe an Gewalttaten blieb aus.

Und auch in den Asylunterkünften haben die Kommunen Erfahrungen mit Konfliktgruppen. Schon zu Zeiten des Jugoslawienkrieges flohen Menschen aus verfeindeten Lagern nach Deutschland – hier aber blieb es ruhig. Zumal: Aus der Ukraine flohen vor allem junge Frauen. Anders als 2015, als vor allem junge Männer nach Deutschland kamen, die tendenziell eine höhere Anfälligkeit für Straftaten haben.

Ukraine-Krieg: Europa erlebt eine neue Fluchtkrise

Es gibt gute und schlechte Nachrichten. Klarheit herrscht nur in einem: Europa erlebt eine neue Fluchtkrise. Einige Migrationsforscher sprechen ohnehin längst von einem „Zeitalter der Migration“, in der Klimawandel, ausbrechende Krisenherde, aber auch wachsende Mobilität die Menschen in andere Regionen der Welt bringt. Zugleich suchen Staaten wie Deutschland nach Fachkräften, sind auf Zuwanderung angewiesen. Lesen Sie auch: Bundespolizei registriert Zunahme von Schutzsuchenden an tschechischer Grenze

Der Migrationsexperte und Mitgründer der Denkfabrik European Stability Initiative (ESI), Gerald Knaus, sieht es anders: „Wir erleben keine neue Welt der Migration“, sagt er unserer Redaktion. Er sieht den Ukraine-Krieg ähnlich wie den Krieg in Syrien als Ausnahmesituationen. „2022 ist einmalig.“ Und doch warnt auch Knaus vor einem „historischen Fluchtwinter, sollte die Lage in der Ukraine sich weiter zuspitzt und im Winter die Versorgung mit Wärme und Strom nicht funktionieren“.

Und Knaus fordert bessere Vorbereitung auf diesen ersten langen Kriegswinter in der Ukraine. Von Deutschland, aber auch von der EU. „Noch immer sind die Schutzsuchenden aus der Ukraine sehr ungleich in Europa verteilt: Länder wie Tschechien und Polen tragen die Hauptlast, Staaten wie Frankreich haben einen Bruchteil der Kriegsflüchtlinge aufgenommen“, sagt der Migrationsforscher. Hier brauche es mehr europäische Solidarität.

Auch Großstädte und Gemeinden müssten „ein Netzwerk aufbauen, in dem die Aufnahme der Geflüchteten auch in Frankreich oder Italien gelingt. Knaus hebt hervor: „Private Helfer haben vorgemacht, wie es geht: mit Transparenz, Informationspolitik und Solidarität. Nur so ist diese historische Aufnahmeleistung von Flüchtlingen aus der Ukraine über den Winter zu stemmen.“

Serbien erleichtert Visa-Regeln – das birgt Risiken

Noch etwas jedoch könnte die europäische Asylpolitik unter Druck setzen: Serbien. Es ist ein kleines Land. Doch es liegt zentral auf der für Geflüchtete wichtigen Balkanroute. Schon vor Jahren war Serbien Startpunkt für viele Migranten. Sie kamen aus ganz Nahost – über den Iran. Denn die serbische Regierung hat erleichterte Visaregeln für den Iran eingeführt. Von Serbien aus war das Ziel für viele der Schengenraum, die kroatische oder ungarische Grenze.

Nun hat die Regierung in Belgrad neue Visaerleichterungen vereinbart, etwa mit Ägypten und Indien. Bisher ist unklar, wie stark sich diese neuen Wege auf die EU-Asylpolitik auswirken. Doch die Regierung in Serbien kann sich sicher sein – das Zielland vieler ist nicht der Balkan, sondern Westeuropa.

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.