Belarus

Wie die Flucht für zwei junge Iraker mit dem Tod endete

| Lesedauer: 16 Minuten
Jan Jessen und Christian Unger
Die Familie begräbt Geyal Dilêr Îsmaîl auf einem Friedhof nahe Erbil, Nordirak

Die Familie begräbt Geyal Dilêr Îsmaîl auf einem Friedhof nahe Erbil, Nordirak

Foto: Rudaw

An einem Tag sterben zwei Flüchtlinge – einer am Grenzzaun von Polen, einer im Schleuser-Bus in Sachsen. Schicksale eines üblen Systems.

Berlin . Es gibt ein Foto von Geyal Dilêr Îsmaîl, da steht er in der hügeligen Landschaft Südkurdistans, er trägt eine kurdische Tracht und eine kantige Sonnenbrille, kurzes Haar, akkurat geschnittener Vollbart. Îsmaîl blickt stolz, ein wenig verschmitzt in die Kamera.

Dann gibt es dieses Video vom vergangenen Montag. Îsmaîls Körper ist in bunte Decken gewickelt, Männer tragen seine Leiche zu dem Grab, ausgehoben im lehmigen Boden auf einem Friedhof nahe der Stadt Erbil, Nordirak. Seine Mutter, ganz in Schwarz, weint. Geyal Dilêr Îsmaîl starb auf der Flucht nach Europa in den Wäldern von Belarus. Er war 25 Jahre alt.

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Zwischen 7000 und 15.000 Flüchtlinge vor allem aus Irak, Syrien und Jemen sind derzeit in Belarus gestrandet. So schätzen es polnische und litauische Behörden. Mehrere Tausend von ihnen harren seit Wochen an der Grenze zu Polen aus – ausgestattet mit einem Visum für Belarus, mit Einreisestempel. Und angelockt mit dem Versprechen eines Diktators, als wäre sein Land das Foyer zur EU, Eintritt frei.

Fluggesellschaften, die Schleuser-Netzwerke und ein Diktator profitieren

Profitiert haben bisher die Fluggesellschaften, die ihre Linienflüge aus Nahost mit Migranten füllen. Profitiert haben Schleuserbanden. Doch für die allermeisten Geflüchteten wird Belarus zur Sackgasse.

Mindestens elf Menschen sind im Grenzgebiet gestorben, auch das sind Angaben aus Polen. Über die Lage in Belarus gibt es kaum verlässliche Informationen. Schon gar nicht von den Behörden des Diktators Lukaschenko.

Îsmaîl ist in Fermanberan geboren, einem Stadtteil Erbils, der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Viele der Menschen, die derzeit an der Grenze zu Polen ausharren, stammen von hier. Die Journalistin Alla Shahly, die für den kurdischen Nachrichtensender Rudaw seit Wochen über das Drama berichtet, hat die Geschichten mehrerer dieser toten Flüchtlinge erzählt. Auch mit anderen Menschen aus der Region im Irak hat unsere Redaktion gesprochen, Interviews mit der Familie helfen. Dennoch bleibt vieles dieser Schleusung und der Nächte an der Grenze nur schwer zu ermitteln, kaum zu überprüfen.

3000 Dollar für eine Flucht nach Europa – alles inklusive

Fest steht: Die Reise in den Tod beginnt für Geyal Dilêr Îsmaîl am 12. Oktober. Mit seiner Schwester Iman, ihrem Mann, ihrem Kind und zwei Brüdern fliegt er von Erbil nach Dubai. Zweieinhalb Stunden Flug und fast 2000 Kilometer, erstmal gen Süden, weiter weg von seinem Ziel Europa.

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Doch von der Hauptstadt des reichen Emirats ist der Weg in die Hauptstadt des belarussischen Diktators einfach. Ein Schleuser hat die Reise nach Minsk für sie organisiert. 3000 Dollar pro Person, alles inklusive, Flugticket, Visum, Hotelzimmer in Minsk, Schleuserfahrt zur polnischen Grenze.

Îsmaîls Mutter sagt bei seiner Beerdigung: „Er konnte sein Studium nicht beenden, hat keine Arbeit gefunden. Er ist außerdem ausgereist, weil er sich medizinisch behandeln lassen wollte.“ Viele Jobs habe er aufgeben müssen, berichtet die Familie, auch wegen der Folgen seiner Krankheit. Îsmaîl hoffte in Deutschland auf eine bessere Behandlung.

Es ist die Perspektivlosigkeit nach vielen Jahren Krisen und Krieg, die Menschen wie Îsmaîl aus dem Irak treiben. Nach Europa. Viele sind bereit ihr Haus zu verkaufen, ihr Erspartes, um die Reise zu finanzieren. Der Einsatz ist hoch. Das Risiko auch. Und doch treibt die Hoffnung die Menschen an.

Als Îsmaîl die Flucht antritt, nimmt er offenbar nur wenige Medikamente mit

Der junge Mann ist Diabetiker, schon seit seiner Kindheit. Als Îsmaîl die Flucht antritt, nimmt er offenbar nur wenige Medikamente mit. Sein Schleuser hatte ihm gesagt, er solle sich keine Sorgen machen, es werde nur Stunden dauern, bis er aus Belarus nach Polen gelange.

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Tatsächlich sitzen Îsmaîl und seine Begleiter zehn Tage in Belarus fest. Sie haben nach Auskunft der kurdischen Journalistin in dieser Zeit kein Zelt zum Schlafen, wärmen sich wie viele andere Geflüchtete im Grenzwald nachts am Lagerfeuer. Sie kommen nicht weiter. Und unklar ist, ob die belarussischen Soldaten sie zu diesem Zeitpunkt zurückgelassen hätten, wenn sie es gewollt hätten. Mehrfach versuchen sie es offenbar durch den Zaun über die Grenze. Immer wieder drängen die polnischen Grenzer sie zurück.

Îsmaîl isst in diesen Tagen kaum etwas, sein Zucker entgleist. Sein Kreislauf sackt ein. Die Gruppe muss handeln, muss Hilfe für den kranken Îsmaîl finden. Es sind rund 300 Kilometer bis nach Minsk zurück. Es sind nur wenige Meter bis zum polnischen Grenzzaun.

Die Gruppe wird getrennt, die Schwester bricht sich im Wald das Bein

In dieser Nacht zum 29. Oktober versucht die Gruppe nach eigenen Aussagen erneut über die Grenze zu kommen, abgesperrt mit Stacheldrahtzaun, polnische Polizisten und Soldaten sichern die Übergänge, dürfen Migranten sogar zurückdrängen laut einem Beschluss des polnischen Parlaments, obwohl das gegen internationales Recht verstößt.

Die anderen aus der Gruppe flehen die polnischen Grenzbeamten an, rufen um Hilfe für Îsmaîl. Vergebens. Im Tumult der Situation zwischen Soldaten, Zaun und Dunkelheit werden sie getrennt. Genau lässt sich das nicht rekonstruieren.

Îsmaîl treiben die Polizisten laut Aussagen anderer in der Gruppe zurück nach Belarus. Am nächsten Morgen stirbt er, um genau 9.40 Uhr, so hält es Îsmaîls Schwager fest, der in dem Moment bei ihm ist. Im Wald von Belarus.

Seine Schwester Imam wird bewusstlos in einem Wäldchen auf der polnischen Seite gefunden. Sie liegt mittlerweile in einem Krankenhaus in einer polnischen Kleinstadt nahe der Grenze, ihr Bein wurde gebrochen. „Sie wurde von belarussischen Grenzbeamten verprügelt“, erzählt die Journalistin Alla Shaly, die die junge Frau im Krankenhaus besucht hat. Dass ihr Bruder tot ist, weiß Imam zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Migranten berichten Hilfsorganisationen von Misshandlungen in Belarus

Der Grenzzaun von Polen zu Belarus ist mehr als nur eine Absperrung. Er ist Symbol für das geworden, was manche „hybride Kriegsführung“ nennen. Menschen als Waffen im politischen Kampf eines Diktators. Andere sehen in dem Stacheldraht das Bild einer EU, die einst den Friedensnobelpreis bekam, und sich nun gegen Migranten abschottet.

Fachleute in den deutschen Sicherheitsbehörden warnen, dass Migration immer wieder als Druckmittel von Despoten eingesetzt werden könne – denn Asylpolitik bleibt der Schwachpunkt Europas. Eine politische Lösung ist nicht in Sicht.

Was mit den Menschen auf dieser Flucht passiert, darüber ist oft wenig bekannt. Vor allem darüber, was ihnen in Belarus widerfährt. Ein Team des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, dem UNHCR, war unlängst in der Erstaufnahmeeinrichtung in Eisenhüttenstadt. Sie sprachen dort mit mehr als 30 Schutzsuchenden, die es bis nach Deutschland geschafft haben.

Die meisten von ihnen würden aus Syrien und dem Irak, aber auch aus dem Jemen. Viele von ihnen hätten von Misshandlungen durch Beamte in Belarus gesprochen. Viele der Menschen berichteten, dass sie in Minsk vom Flughafen sofort zur Grenze gefahren wurden.

Deutsche Behörden sorgen sich vor neuen Fluchtrouten, etwa über Georgien nach Minsk

Flüge mit Migranten aus dem Irak und Istanbul nach Belarus sind auf Druck der EU gestoppt. Vorerst. Doch deutsche Sicherheitsbehörden beobachten nach Informationen unserer Redaktion die Lage in etlichen anderen Staaten genau. Darunter: Georgien. Von der Hauptstadt Tiflis gehen regelmäßig Flüge über Minsk nach Moskau. Für Lukaschenko könnte das eine neue Alternativroute werden. Bisher zeichnet sich das jedoch nicht ab.

Es ist staatlich organisiertes Schleusertum, in einer unausgesprochenen Partnerschaft mit kriminellen Gruppierungen, die mit dem Leid der Menschen Geld verdienen. Die aber oft auch die einzige Möglichkeit für die Flüchtlinge sind, an einer hochgesicherten Grenze vorbeizukommen oder Europa zu durchqueren bis in das Land, in dem sie sich einen neuen Lebensanfang erhoffen. Für die meisten ist das Deutschland. Die Schleuser wissen das.

Ein Mann liegt leblos neben einem Kleintransporter auf einem Feldweg

Es ist der Morgen, an dem der junge Iraker Geyal Dilêr Îsmaîl im Grenznirwana zwischen Belarus und Polen stirbt, der 29. Oktober, als Bundespolizisten gegen 8 Uhr auf einen Feldweg nahe der Autobahn 4 bei Görlitz, Sachsen, einbiegen. Sie hatten einen Hinweis von Nachbarn in der Umgebung bekommen: ein weißer Kleintransporter, Marke Renault, Modell Master. Um diese Uhrzeit, in dieser Gegend, nicht einmal zehn Kilometer bis zur polnischen Grenze, fällt das auf.

Der Transporter steht, die Beamten steigen aus, gehen auf die Menschen zu, die sich schon um den Renault sammeln. Ein Mann, auch das beobachtet die Streife laut Einsatzprotokoll noch, springt aus dem Auto, rennt über das Feld, verschwindet im Wald.

Die Polizisten entscheiden sich dafür, den Menschen am Wagen zu helfen, ein Mann liegt leblos am Boden. Sie denken noch, er sei nur bewusstlos.

22 Menschen waren laut Polizei in die Ladefläche des Renaults gepfercht, laut Hersteller knapp acht Quadratmeter groß. Es sind Geflüchtete aus dem Irak, die es über Belarus bis nach Polen und jetzt nach Deutschland geschafft haben.

Das „Begleitfahrzeug“ des Schleusers, ein grauer Mercedes

Alles Männer, keine Frauen oder Kinder sind unter ihnen. Die Beamten beschreiben im Polizeibericht, dass so wenig Platz gewesen sei, dass die Menschen die gesamte Fahrt stehen oder hocken mussten. Fünf Kanister mit Wasser und etwas Brot hätten sie vor der Abfahrt in Polen noch bekommen, sagten die Flüchtlinge später bei den Befragungen durch die Polizei aus. Einer von ihnen hat die Fahrt nicht überlebt. Auch er ein junger Iraker, 32 Jahre alt.

Nach Informationen unserer Redaktion ermittelt die Staatsanwaltschaft nun gegen zwei Türken: einen 48 Jahre alten Mann hielt eine zweite Polizeistreife an dem Morgen nur wenige Kilometer von dem Kleintransporter auf einer Landstraße an. Er fuhr einen grauen Mercedes, B-Klasse. Das „Begleitfahrzeug“ der Schleuser, wie ein Polizist sagt. Der Mann, mit Aufenthaltstitel in Polen, fuhr einige Kilometer vor dem Transporter, checkte die Grenzübergänge, sollte vor Polizeikontrollen warnen. An diesem Morgen versagt das System der Schleuser.

Den zweiten Tatverdächtigen fassen Zielfahnder der Polizei erst einige Tage später, in einem Hotel in den Niederlanden. Der Mann hatte sein Handy weiterhin genutzt. Die Beamten verfolgten die Nummer und sahen bald, wie das Handys sich in Amsterdam in die Funkzellen einloggte.

Knapp 10.000 irreguläre Einreisen aus Belarus über Polen nach Deutschland

Es ist ein besonderer Fall, denn ein Mensch ist tot, auf der Flucht gestorben, im Laderaum eines Schleuser-Transporters. Der Tatvorwurf: Einschleusen mit Todesfolge. Zugleich ist es Alltag für die Bundespolizei im Grenzgebiet zu Polen in diesen Tagen. Bis Mitte November stellten die Beamten knapp 10.000 unerlaubte Einreisen von Menschen fest, die aus Nahost nach Belarus per Flugzeug kamen und dann über die Grenze und Polen weiter nach Deutschland flohen.

Wenig ist bekannt über das Leben des toten Irakers in dem Schleuser-Kleinbus. Derzeit untersucht die Rechtsmedizin den Leichnam, will wissen, was die Todesursache ist. War er schon vor dem Transport aus Polen nach Sachsen schwer krank? Klar ist nur, er kam mit der Gruppe gemeinsam aus Belarus nach Polen. Schon vor Grenzübertritt hatten sie über Handy Kontakt zu den Schleppern aufgenommen, wie die Polizei aus Befragungen der Gruppe erfahren hatte.

Oftmals sind es Netzwerke von Schleusern, die Migranten Tausende Kilometer weit bringen, über etliche Grenzen. Die Bundespolizei nahm allein mehr als 300 Schleuser fest, die Menschen aus Belarus über Polen nach Deutschland transportiert haben. Die meisten sind selbst Iraker, Syrer, aber auch Ukrainer und Deutsche sind darunter. Oder, wie im Fall des gestorbenen Irakers, Türken.

„Reisebüros“ arbeiten für Schlepperbanden, Teil des Geldes fließt oft erst nach der Flucht

In Erbil, in Istanbul oder Doha arbeiten „Reisebüros“ für Schleuserbanden. Schlepper mieten Häuser an, um Menschen unterzubringen, bis der nächste Transport ansteht. Oftmals sind es zwischen 1000 und 10.000 Euro, die Menschen für eine Flucht aus Nahost in die EU zahlen. Ein Teil des Geldes fließt vor der Reise, ein Teil über Kontaktleute oft erst danach.

Dass die Polizei einen der tatverdächtigen Schleuser in den Niederlanden festnimmt, kann ein Indiz sein, dass er dort sein Netzwerk hatte. Deutschlands Nachbar gilt mittlerweile als Hotspot der Organisierten Kriminellen. Und viele Banden haben herausgefunden: Mit Menschenschmuggel lässt sich genauso gut verdienen wie mit Waffenhandel oder Drogengeschäften, so erzählt ein Ermittler.

Und so sind es oft gar nicht die Ärmsten, die fliehen. Flucht in die EU muss man sich leisten können. Und oft bezahlen Menschen mit ihrem Leben. Tausende sind es auf dem Mittelmeer. Tausende in den Wüsten Afrikas oder den Lagern in Libyen.

Eine Mutter verliert ihr Kind – als es noch in ihrem Bauch ist

Elf Menschen sind es bisher an Polens Grenze zu Belarus. Doch nun droht die Kälte des osteuropäischen Winters, vor Ort fehlen Medikamente, Trinkwasser, Kleidung, berichten Hilfsorganisationen unserer Redaktion. Sie befürchten weitere Tote, wenn die Migranten dort weiter am Grenzzaun ausharren.

Einen Tag vor dem Tod von Geyal Dilêr Îsmaîl wurde im irakischen Erbil der 34-jährige Kurdo Khalid beerdigt. Er begleitete seinen jüngeren Bruder nach Minsk. Kurdo starb an einem Schlaganfall. In der polnischen Kleinstadt Bohoniki bestatteten Flüchtlingshelfer am Wochenende den 19 Jahre alten Ahmad al-Hasan. Er stammte aus Syrien, lebte viele Jahre in einem Camp in Jordanien. Al-Hassan ertrank im Grenzfluss Bug. Laut Medienberichten sollen ihn belarussische Grenzbeamte dort hineingestoßen haben.

Die kurdische Journalistin Alla Shaly erzählt von einem Besuch auf der Intensivstation eines polnischen Krankenhauses. Sie traf dort eine fünffache Mutter aus dem Irak. Die Frau war hochschwanger. Die Flucht kostet dem Baby das Leben. „Das tote Kind war mehrere Tage in ihrem Bauch“, erzählt Shaly. Es starb vermutlich schon in den Wäldern von Belarus.