Konflikt

Putins Atomwaffen im Ukraine-Krieg: So groß ist die Gefahr

| Lesedauer: 5 Minuten
Christian Kerl
EU prüft neue Sanktionen gegen Russland

EU prüft neue Sanktionen gegen Russland

Nach der russischen Teilmobilisierung und Drohungen mit dem Einsatz von Atomwaffen haben die Europäische Union und die G7-Staaten weitere Sanktionen gegen Moskau in Aussicht gestellt.

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Was steckt hinter Putins Drohungen zum Atomwaffeneinsatz? Welche Waffen und Optionen er hat und was ihn jetzt noch abhalten könnte.

Brüssel. Nach der neuen Drohung von Russlands Präsident Wladimir Putin mit einem Atomwaffeneinsatz ist der Westen alarmiert. „Wir beobachten das sehr genau“, sagt Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und warnt Moskau vor „beispiellosen Konsequenzen“. US-Außenminister Antony Blinken erklärt: „Wir nehmen die Drohung sehr ernst.“ Wie gefährlich ist Putins Atomwaffen-Arsenal?

Das sind Putins Atomwaffen:

Russland verfügt über etwa 6000 Atomsprengköpfe, etwas mehr als die USA. Rund 2000 Sprengköpfe sind sofort einsatzbereit – in Langstreckenbombern oder auf Raketen von kurzer bis interkontinentaler Reichweite. Sorgen machen westlichen Militärs jetzt vor allem die 2000 taktischen Atomwaffen: Sie sind für den Einsatz mit geringer Reichweite gedacht, oft nicht mehr als hundert Kilometer. Die Sprengkraft ist deutlicher geringer als bei strategischen Bomben, Ziele wären etwa Truppen oder militärische Infrastruktur des Gegners.

Auch die USA haben solche Waffen, aber viel weniger als Russland. Strategen auf beiden Seiten glauben, taktische Atomwaffen könnten eingesetzt werden, ohne dass es gleich zu einem globalen nuklearen Schlagabtausch kommen müsste – sicher ist das nicht. Der militärische Nutzen gilt als begrenzt, der Schaden wäre womöglich nicht viel größer als bei einem schweren konventionellen Angriff etwa mit Thermo-Bomben. Aber die psychologische Wirkung könnte enorm sein.

Wie Atomwaffen eingesetzt werden könnten:

Die russische Strategie sieht den Einsatz von Nuklearwaffen für den Fall vor, dass die Existenz des Landes auf dem Spiel steht. Was das genau bedeutet, ist offen. In westlichen Hauptstädten gilt ein Atomschlag gegen Nato-Länder, der wohl zum dritten Weltkrieg führen würde, als extrem unwahrscheinlich – aber es gibt die Befürchtung, dass Putin im Ukraine-Krieg notfalls mit Nuklearwaffen einen ukrainischen Vormarsch auf jene besetzten Gebiete in der Ostukraine abwehren will, die in Kürze von Russland annektiert werden oder wie die Krim schon länger besetzt sind.

So klar sagt es Putin zwar nicht, aber der Kreml schürt die Furcht mit Andeutungen, um den Westen von weiterer Militärhilfe abzuhalten. Womöglich wird Putin in diesen Gebieten jetzt Atomwaffen oder die Trägerraketen stationieren, glaubt der Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, Stefan Meister.

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US-Strategen haben das Szenario durchgespielt, Russland werde eine Atombombe über dem Schwarzen Meer zünden – ohne viele Opfer, aber genug, damit die Ukraine im Schock kapituliert. Der Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, winkt ab: „Es ist schwer vorstellbar, dass selbst ein Atomangriff den ukrainischen Widerstandswillen brechen kann.“

So groß ist aktuell die Gefahr:

Westliche Geheimdienste verfolgen sehr genau jede Bewegung um die Atomwaffen-Depots und die Abschuss-Einrichtungen, nicht nur per Satelliten-Überwachung. Doch heißt es im Nato-Hauptquartier, bislang gebe es keinerlei Anzeichen, dass Russland den Einsatz von Atomwaffen vorbereite – abgesehen davon, dass die nuklearen „Abschreckungskräfte“ Russlands seit Kriegsbeginn in Alarmbereitschaft sind, Stufe zwei von vier Eskalationsstufen. Ist mit Putins neuem Kurs das Risiko gestiegen?

Militärexperte Carlo Masala winkt ab: „Die Gefahr hat sich nicht erhöht.“ Putin sei kein Selbstmörder. Klar ist: Der Einsatz würde Putins Regime weltweit auch bei bislang neutralen Staaten isolieren, auch in Russland dürfte es Widerstand geben, der Westen würde die Ukraine noch viel stärker aufrüsten – und eine radioaktive Wolke könnte auch über russisches Gebiet ziehen. Militäranalysten des amerikanischen Instituts for Study of War betonen, Putin habe in seiner Rede keine Ankündigung gemacht, die demnächst annektierten Gebiete unter den nuklearen Schutzschirm Russlands zu stellen.

So fällt die Reaktion des Westens aus:

Wie die Nato auf einen Atomwaffeneinsatz in der Ukraine reagieren würde, ist Geheimsache, um Putin im Ungewissen zu lassen. Die Regierungschefs der Nato-Staaten haben aber in einer streng geheimen Runde in der Bündnis-Zentrale mögliche Reaktionen besprochen. In Militärkreisen heißt es vage, die genaue Antwort hänge von den Umständen ab – würden Nato-Länder durch radioaktiven Fallout belastet, könnte dies auch als direkte Bedrohung verstanden werden.

Ein direkter Kriegseintritt der Nato-Länder gilt aber als ausgeschlossen, ein atomarer Gegenschlag erst recht. Doch könnte die Nato die Ukraine nicht nur mit deutlich mehr Waffenhilfe unterstützen, sondern auch mit militärischen Spezialeinheiten zur Dekontamination- dann wären westliche Soldaten im Land. Militärische Schutzausrüstung gegen einen atomaren oder chemischen Angriff hat die Nato schon geliefert.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.