Seit dem 24. Februar tobt der Ukraine-Krieg – genau sechs Monate lang. Die Gefechte haben sich zu einem zermürbenden Stellungskrieg entwickelt. Welche Gebiete hat Russland erobert? Wie hoch ist die Zahl der Opfer? Was will der russische Präsident Wladimir Putin, was der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj? Eine Bilanz.
Wie weit ist Russland in die Ukraine eingedrungen?
Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wurden rund 20 Prozent des Territoriums der Ukraine besetzt. Im Donbass, dem traditionellen Industrierevier, kontrollieren russische Kräfte die gesamte Region Luhansk und rund 60 Prozent der Region Donezk. Im Süden haben die Russen nördlich der Krim eine Landbrücke zwischen der Stadt Cherson und dem russischen Festland errichtet.
Welche strategisch wichtigen Städte hat Russland erobert – welche nicht?
Mariupol und Melitopol: Mit der Einnahme der beiden Städte im Süden haben die Russen den Zugang zum Asowschen Meer abgeschnitten. Cherson konnten die Russen ebenfalls erobern – eine strategisch wichtige Stadt, die Richtung Odessa führt. Ein Großteil der kürzlich begonnen Getreide-Exporte der Ukraine läuft über Odessa. Anfang März kontrollierten die russischen Truppen die Mittelstadt Enerhodar mit dem anliegenden Atomkraftwerk Saporischschja, die größte Nuklearanlage in Europa.
Charkiw, die zweitgrößte ukrainische Stadt im Osten des Landes, hatten die Russen zunächst besetzt, mussten sie aber später wieder räumen. Ihnen gelang es nicht, die Hauptstadt Kiew einzunehmen. Sie mussten sich Ende März unter gewaltigen Verlusten zurückziehen.
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Wie viele Soldaten wurden getötet?
Moskau veröffentlicht offiziell keine Zahlen. Nach Schätzungen des US-Verteidigungsministeriums wurden seit Beginn der Ukraine-Invasion bis zu 80.000 russische Soldaten getötet oder verwundet. „Diese Zahl muss man in Relation setzen zu ungefähr 250.000 russischen Zeit- und Berufssoldaten in der Ukraine – dazu wenige Wehrpflichtige. Das hieße, dass die Russen etwa ein Drittel ihrer professionellen Kräfte verloren hätten. Das ist im Grunde genommen ein Overkill und zeigt, dass die Russen nicht mehr groß vorankommen“, sagte der ehemalige Bundeswehrgeneral Hans-Lothar Domröse unserer Redaktion.
Auch die Ukraine hat hohe Opferzahlen. Der Oberkommandierende der Armee, Walerij Saluschnyj, sprach von fast 9000 toten Soldaten. Nach Angaben von Verteidigungsminister Olexij Resnikow werden pro Tag bis zu 500 Soldaten verletzt. Hochgerechnet auf sechs Monate Krieg hieße dies: bis zu 90.000 Verwundete.

Wie verliefen die sechs Monate Krieg bislang?
Der russische Präsident Wladimir Putin ging von der irrigen Annahme aus, er könne die Ukraine in einem Blitzkrieg einnehmen. „Die Erwartungen Putins, dass ein Großteil der ukrainischen Armee wie nach der Krim-Annexion 2014 nicht kampfbereit wäre, haben sich nicht erfüllt. Das hat zu erheblichen militärischen Fehlern geführt. Die Russen haben auf sechs Angriffsachsen parallel operiert – ohne Schwerpunktbildung“, sagte Wolfgang Richter von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) unserer Redaktion.
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Ende März haben die Russen ihre Kampftaktik umgestellt. Sie haben sich auf den Donbass konzentriert und auf ihre Überlegenheit bei der Artillerie gesetzt. Die Ukrainer haben die offene Feldschlacht vermieden und sich in den Städten verschanzt. Dies hat den russischen Angriff erheblich verzögert.
In den letzten Wochen haben auch die Ukrainer ihre Marschroute geändert: Sie versuchen zwar weiterhin, dem Gegner möglichst viele Verluste zuzufügen. „Doch ziehen sie sich nun rechtzeitig auf vorbereitete rückwärtige Stellungen zurück, um einer Niederlage und dem Verlust ganzer Verbände wie in Mariupol zu entgehen“, bilanziert SWP-Experte Richter, ein ehemaliger Oberst der Bundeswehr.
Mittlerweile verfügen die ukrainischen Kräfte auch über die Kapazität, begrenzte Gegenoffensiven zu starten. Die US-Mehrfachraketenwerfer vom Typ Himars, die Panzerhaubitze 2000 sowie die ersten Gepard-Luftabwehrpanzer aus Deutschland versetzten sie in die Lage, weit hinter der Frontlinie russische Munitionsdepots, Gefechtsstände oder Brücken zu zerstören.
Was sind die Kriegsziele von Russlands Präsident Wladimir Putin?
Der Kremlchef wollte die Ukraine ursprünglich „entnazifizieren“ und „entmilitarisieren“. Im Klartext: Installierung einer moskaufreundlichen Regierung in Kiew, Entwaffnung oder zumindest neutraler Status der Ukraine. Seine Maximalziele dürfte Putin kaum erreichen. Dennoch deutet alles darauf hin, dass er weitere Geländegewinne anstrebt.
Das Problem: Es fehlt an Personal. „Die Russen versuchen, eine heimliche Mobilmachung zu organisieren. So viele Menschen wie möglich sollen inoffiziell für die Streitkräfte verpflichtet werden. Das ist aber nur begrenzt erfolgreich: Der personelle Nachschub an die Front ist momentan relativ gering, die Männer sind zudem nicht gut ausgebildet“, sagte Carlo Masala, Lehrstuhlinhaber an der Hochschule der Bundeswehr in München, unserer Redaktion.
Was sind die Kriegsziele des ukrainischen Staatschefs Wolodymyr Selenskyj?
Angesichts hoher Verluste gab sich Selenskyj Ende März noch kompromissbereit. Seine Vorschläge: Verzicht auf einen Nato-Beitritt, Verhandlungen über einen Sonderstatus des Donbass sowie die Verschiebung der Lösung der Krim-Frage um 15 Jahre. Heute zeigt sich Selenskyj unnachgiebig: Er fordert die Rückgabe des gesamten ukrainischen Territoriums, einschließlich der Krim. Mit Hilfe schwerer Waffen aus Europa und den USA eroberte die ukrainische Armee im Süden Dutzende Dörfer in der Region Cherson zurück.
Zuletzt gibt es auch immer wieder Explosionen und Attacken auf einen russischen Luftwaffenstützpunkt und andere Militäreinrichtungen auf der Krim. „Kaum jemand hätte erwartet, dass die Ukrainer die Krim überhaupt ins Visier nehmen“, analysiert Masala. „Bei einigen russischen Munitionsdepots, die auf der Krim in die Luft geflogen sind, kann man davon ausgehen, dass Partisanen vor Ort waren.“
Masala rechnet damit, dass die Ukrainer in den kommenden Wochen neben den Aktivitäten der regulären Armee ihre „Taktik der Nadelstiche“ intensivieren werden.
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Wie stehen die Chancen auf einen Waffenstillstand?
Die Militärexperten schwanken zwischen einem Schuss Optimismus und tiefer Ernüchterung. „Ich hoffe, dass beide Präsidenten im Herbst erkennen, dass sie jeweils ihr strategisches Maximalziel nicht erreichen können. Das wäre der Moment für Verhandlungen über einen Waffenstillstand“, meint Ex-Bundeswehrgeneral Domröse.
„Aus meiner Sicht ist das Ende der Materialschlacht absehbar. Zumal die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass sie zu einer wesentlichen Änderung der operativen Lage führen wird“, glaubt SWP-Mann Richter. Politologe Masala ist pessimistischer: „Die Dauer ist völlig offen. Der Krieg wird sich auf jeden Fall bis ins nächste Jahr hineinziehen.“
Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.





















































































































































































































