Kommentar

Berlin ist Corona-Hotspot: Jetzt hilft nur noch Kontrolle

| Lesedauer: 5 Minuten
Julia Emmrich
Was ist ein Corona-Risikogebiet?

Was ist ein Corona-Risikogebiet?

Die Bundesregierung prüft fortlaufend, inwieweit Gebiete als Risikogebiete einzustufen sind. Wer sich in einem solchen Gebiet aufhält und nach Deutschland einreist, muss sich auf bestimmte Pflichten einstellen.

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Die Bundeshauptstadt muss in der Coronavirus-Pandemie endlich erwachsen werden und Regeln durchsetzen. Sonst droht Berlin der Lockdown.

Berlin. 
  • Berlin reiht sich in die Liste der europäischen Corona-Risikogebiete ein und steht dort neben Metropolen wie Madrid oder Paris
  • In vier der zwölf Bezirke liegt die Zahl der Neuinfektionen in den letzten sieben Tagen über der kritischen Grenze
  • Berlin ist ein Superspreader – allein deshalb, weil Berlin die Hauptstadt ist, deshalb müssen die Regeln besser kontrolliert werden, fordert unsere Autorin

Die Liste der Corona-Risikostädte wird länger: Madrid. Paris. Prag. Wien. Brüssel. Budapest. Lissabon. Amsterdam. Wer fehlt noch in der Reihe? Genau: Berlin. Auch die deutsche Hauptstadt gehört mittlerweile zu den europäischen Metropolen mit Risikostatus. Während Berlin in der ersten Welle der Corona-Pandemie halbwegs glimpflich davonkam, breitet sich das Virus jetzt vor allem im dicht besiedelten Zentrum rasant aus.

In vier der zwölf Bezirke liegt die Zahl der Neuinfektionen in den letzten sieben Tagen über der kritischen Grenze, die Alarmglocken der Bundesregierung schrillen bereits durchdringend. Denn: Berlin ist keine Provinzstadt, in der die Corona-Lage kurz mal aus dem Ruder lief. Berlin ist auch kein dünn besiedelter bayerischer Landkreis, der das Infektionsgeschehen in zwei, drei Gemeinden nicht in den Griff bekommt.

Fahrlässiges Verhalten gefährdet die ganze Stadt

Berlin ist ein Superspreader – allein deshalb, weil Berlin die Hauptstadt ist. Neben dem Hin und Her von Millionen Touristen produziert der Regierungsbetrieb einen immensen Verkehr rein und raus: Abgeordnete, Parteienvertreter, Lobbyisten, Wissenschaftler, Verbandsvertreter kommen und gehen Tag für Tag. Hinzu kommt: Berlin ist Studentenstadt, Partymetropole, Hauptstadt der Clubszene – und Wohnzimmer für alle, denen es anderswo viel zu streng zugeht.

Das ging so lange gut, solange die Fallzahlen niedrig waren. Ein paar Dutzend aktive Fälle in einer Stadt mit knapp vier Millionen Einwohnern? Kein echtes Problem. Doch das sieht heute anders aus: Beinahe täglich kommt ein neuer Risikobezirk dazu – und längst sind nicht mehr alle Infektionsketten auf einzelne große Partys oder Familienfeiern zurückzuführen.

Reiserückkehrer haben das Virus aus dem Urlaub mitgebracht, die Quarantäne wurde mal besser, mal schlechter kontrolliert. Hinzu kommt: Die Schulen sind wieder im Normalbetrieb, Restaurants und Bars verzichten oft auf strenge Maßnahmen, private Feiern sind immer noch in vergleichsweise großem Rahmen erlaubt, Partys in Privaträumen können praktisch kaum kontrolliert werden.

Jeder in der Hauptstadt kann mittlerweile Geschichten erzählen von Menschen, die sich fahrlässig verhalten, die Testergebnisse nicht abwarten, die Risikoreisen verschweigen.

Berlin auf dem Weg in den nächsten Lockdown?

Und die Berliner Politik? Streitet über strengere Regeln, schafft es aber nicht einmal, die bestehenden zu kon­trollieren. Und lässt sich zum Teil nicht mal helfen: Der Corona-Hotspot Friedrichshain-Kreuzberg lehnt es ab, dass Bundeswehrsoldaten im Kampf gegen das Virus den Mitarbeitern des Gesundheitsamts beim Testen und Nachvollziehen der Kontaktketten unter die Arme greifen. Absurd.

Wer dagegen wissen will, wohin falsch verstandene Liberalität führt, muss bloß nach Paris schauen: Die Infektionszahlen schießen in die Höhe, die Intensivstationen sind zu 35 Prozent mit Corona-Patienten belegt.

Corona-Lage in Paris verschlechtert sich
Corona-Lage in Paris verschlechtert sich

Aus Angst vor dem kompletten Kontrollverlust geht die französische Hauptstadt wieder mit großen Schritten Richtung Lockdown: Von diesem Dienstag an müssen Bars und Cafés schließen, Messen werden abgesagt. Besuche in Altenheimen werden eingeschränkt, Einkaufszentren müssen die Zahl ihrer Kunden begrenzen.

Schleswig-Holstein lässt Berliner nicht mehr rein

In Berlin beginnen an diesem Wochenende die Herbstferien. Doch viele müssen jetzt umplanen: Schleswig-Holstein will keine Berlin-Touristen aus Risikobezirken ins Land lassen. Auch andere Bundesländer beobachten das Infektionsgeschehen in der Hauptstadt mit Sorge.

Noch kann Berlin das Steuer herumreißen. Dazu muss die Partyhauptstadt endlich erwachsen werden. Und das heißt: an Regeln erinnern, Regeln kon­trollieren und Regelverstöße schnell und spürbar bestrafen. Das ist das Einzige, was jetzt hilft.

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