Amoklauf

Morde in Hanau: Was wir bisher wissen – und was nicht

Ein Deutscher soll in Hanau aus rassistischen Motiven neun Menschen mit Migrationshintergrund getötet haben. Was wir bisher wissen.

Deutschland trauert: Entsetzen nach Schüssen von Hanau

Tobias R. glaubte offenbar an Verschwörungstheorien und soll aus rassistischen Motiven gemordet haben. Nach der Hass-Tat von Hanau tobt jetzt die politische Diskussion: über die Rolle der AfD und auch über das Waffenrecht.

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Berlin/Hanau. Anschlag im hessischen Hanau: Am späten Mittwochabend und in der Nacht zu Donnerstag sind neun Menschen mit Migrationshintergrund erschossen worden. Der mutmaßliche Täter war ein 43-jähriger Deutscher aus Hanau, der offenbar auch seine Mutter und dann sich selbst erschoss.

Es gibt ein Bekennerschreiben und ein Video: Nach der Auswertung sprach Generalbundesanwalt Peter Frank von einer offenbar „zutiefst rassistischen“ Gesinnung.

Anschlag in Hanau: Was wir bisher wissen

Die Opfer

In einer Shisha-Bar am Heumarkt in der Innenstadt von Hanau hat der Todesschütze fünf Menschen erschossen. An einer weiteren Shisha-Bar im Hanauer Viertel Kesselstadt tötete der Mann vier weitere Menschen.

Nach Angaben der Bundesanwaltschaft waren die neun Erschossenen zwischen 21 und 44 Jahren alt. Fünf von ihnen waren laut türkischer Botschaft in Berlin türkische Staatsbürger, die vier anderen waren Deutsche mit Migrationshintergrund. Es seien zudem sechs weitere Menschen verletzt worden, einer von ihnen schwer, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank.

In einer Wohnung fand die Polizei zwei weitere Leichen: die des mutmaßlichen Täters, des Deutschen Tobias R. (43), und die seiner 72 Jahre alten Mutter. Neben den Leichen lag laut Polizei eine Schusswaffe.

• Aktuell: Alle Entwicklungen nach dem Anschlag in Hanau in unserem Newsblog.

Die Tatorte

Am Mittwochabend fielen in der Hanauer Innenstadt gegen 22 Uhr die ersten Schüsse. Der erste Tatort ist eine Shisha-Bar am Heumarkt, einer Straße, die etwas am Rande der Innenstadt von Hanau mit seinen rund 100.000 Einwohnern liegt. Es ist eine Gegend mit Spielhallen, Wettlokalen und Döner-Imbissbuden. Hier sterben die ersten Menschen.

Der zweite Tatort ist fast in Laufnähe, mit dem Auto sind es bis dahin nur etwa fünf Minuten. Der Kurt-Schumacher-Platz im Stadtteil Kesselstadt liegt in einem Wohnviertel. Dort befindet sich im Erdgeschoss eines Wohnblocks eine Art Kiosk, mit der Aufschrift „24/7 Kiosk“ auf der großen Glasscheibe, auf einem Reklame-Leuchtschild steht „Arena Bar & Café“.

In einer Wohnung in der Hanauer Kesselstadt fand die Polizei dann die Leichen von Tobias R. und seiner Mutter.

Der Täter

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um den 43-Jährigen Deutschen Tobias R. aus Hanau. Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler war er nicht vorbestraft. Es gebe auch keine Verfahren mit politischem Bezug gegen ihn, teilte die Bundesanwaltschaft am Donnerstag in Karlsruhe mit.

Laut Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) war R. Sportschütze und hatte legalen Zugang zu Waffen.

Tobias R. hat früher auch an verschiedenen Orten in Bayern gelebt. Nach Angaben von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wohnte er zeitweilig in Oberfranken und in Oberbayern. „Zuletzt hat er sich wohl 2018 im südbayerischen Raum aufgehalten“, sagte Herrmann am Donnerstag in Friedberg im Landkreis Augsburg. Es habe aber damals keine Erkenntnisse gegeben, dass der Mann ein Extremist sei.

Der mutmaßliche Täter war in einem Frankfurter Schützenverein aktiv. Er sei Mitglied im Schützenverein Diana Bergen-Enkheim gewesen, sagte Thilo von Hagen, Sprecher des Deutschen Schützenbundes (DSB). Laut dem Verein selbst war Tobias R. ein „eher ruhiger Typ“, der in keiner Weise auffällig geworden sei.

„Er hat keinerlei ausländerfeindliche Sprüche geklopft“, sagte der Vorsitzende Claus Schmidt. Auch im Umgang mit Vereinsmitgliedern mit Migrationshintergrund habe R. kein auffälliges Verhalten gezeigt. Seit 2012 sei der 43-Jährige Mitglied im Verein gewesen. Er habe mit eigenen Waffen geschossen, was aber üblich sei. Dass Tobias R. im Internet wirre Gedanken und abstruse Verschwörungstheorien äußerte, sei nicht bekannt gewesen. „Mit dem konnte man sich ganz vernünftig unterhalten“, sagte Schmidt.

Das Tatmotiv

Der Tatverdächtige hinterließ laut dem Generalbundesanwalt Peter Frank auf seiner Internetseite „Videobotschaften und eine Art Manifest. Diese wiesen neben „wirren Gedanken und abstrusen Verschwörungstheorien eine zutiefst rassistische Gesinnung“ auf. Daraus ergäben sich „gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat“.

Es soll nun ermittelt werden, ob der mutmaßliche Täter Mitwisser oder Unterstützer gehabt habe, sagte Frank. Dafür würden dessen Umfeld und Kontakte im In- und Ausland überprüft. Mit den Ermittlungen sei das Bundeskriminalamt beauftragt worden.

Was wir nicht wissen

Es ist noch unbekannt, wie lange sich das Tatgeschehen hingezogen hat und wo sich der 43-Jährige vor der Tat aufgehalten hat. Auch die Identität der Getöteten und Verletzten wurde zunächst nicht öffentlich gemacht.

Unklar ist auch, auf welchen Plattformen der Mann unterwegs war. Und ob es Mitwisser oder Helfer gab. Auch das Verhältnis zu seiner erschossenen Mutter und seinem Vater ist ungeklärt. Der Vater, der von Polizisten ebenfalls in der Wohnung angetroffen wurde, in der die Leichen von Tobias R. und seiner Mutter gefunden wurden, blieb äußerlich unverletzt. Er wird nun von Ermittlern befragt.

Unbekannt ist auch, ob der mutmaßliche Täter eine psychische Erkrankung hatte.

Rechtsextremismus – Immer mehr Attacken

Bereits im vergangenen Jahr sorgte der Mord am früheren Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke für Entsetzen. Als Verdächtiger gilt der Rechtsextremist Stephan E., der den tödlichen Schuss auf Lübcke allerdings bestreitet.

Im vergangenen Oktober sorgte ein rechtsextremer Anschlag auf eine jüdische Synagoge in Halle für Schlagzeilen. Zwei Menschen kamen bei der rechtsextremen Attacke ums Leben.

Im Interview sagte der renommierte Terrorismusforscher Peter Neumann unserer Redaktion: Gegen Täter wie Tobias R. sind die Behörden machtlos.

(gem/dpa/afp)

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