Berliner Spaziergang

Elisabeth Herrmann: Mord ist ihre Leidenschaft

Elisabeth Herrmann gehört zu den erfolgreichsten Kriminalautoren. In ihrem neuesten Buch lässt sie einen Antiquar in der City West sterben.

Der neue Krimi der Schriftstellerin Elisabeth Herrmann, „Totengebet“, erscheint am 15. Februar

Der neue Krimi der Schriftstellerin Elisabeth Herrmann, „Totengebet“, erscheint am 15. Februar

Foto: Massimo Rodari

Die Sonne bricht durch die graue Wolkendecke. Herrliches Wetter. Aber wir müssen heute über Mord reden. Elisabeth Herrmann steht neben mir, und sie verdient ihr Geld damit. Wir sind hier nicht zum Spaß, wir sind am Tatort – ihrem Tatort. An der jüdischen Synagoge in der Pestalozzistraße. Der Antiquar Rudolph Scholl ist in der Nähe zu Tode gekommen. Aus seiner Wohnung im dritten Stock klatschte er auf den Asphalt.

Zwei Jahre ist es her, dass sich Elisabeth Herrmann zum ersten Mal hier umgesehen hat. Die Synagoge hat sie besucht, ist die Straße rauf und runter gegangen, hat in die Schaufenster der Antiquariate geschaut, an der Ecke eine Buchhandlung entdeckt – und da oben den Balkon. Dann hat sie das alles zusammengemixt, nicht penibel detailgetreu natürlich, schriftstellerische Fantasie muss schon sein. Das gilt vor allem für die Hauptsache, den Mord. Ein brutaler Mord in der Pestalozzistraße taucht in keinem Berliner Polizeibericht auf. Der passiert nur in Elisabeth Herrmanns neuem Krimi „Totengebet“, der am 15. Februar erscheint.

„Frauen schlachten nicht ganz so wollüstig wie Männer“

Dressed to kill ist die Krimiautorin mit den blonden Haaren heute nicht. Passend zum sonnigen Tag trägt sie einen fröhlich leuchtenden lachsfarbenen Mantel, der angenehm aus der üblichen dunkeltraurigen Winterkleidung auf Berlins Straßen heraussticht. Lassen weibliche Krimiautoren eigentlich anders morden als ihre männlichen Kollegen? „Grundsätzlich glaube ich, dass Frauen nicht ganz so wollüstig schlachten wie Männer das gerne tun. Frauen machen das eher psychologisch, Männer mit dem Hackebeil.“

Sie ist mittlerweile eine der erfolgreichsten Kriminalautoren Deutschlands. Allein ihr Verlag Random House, in dem ihre Bücher jetzt erscheinen (früher bei Rotbuch und bei Ullstein), zählt insgesamt 700.000 verkaufte Exemplare. Sie schreibt auch Jugendbücher, aber heute wollen wir über ihre Krimis reden – die Geschichten um den Anwalt Joachim Vernau und die Polizistin Sanela Beara. Letztere ist leicht durchgeknallt, aber ehrgeizig. Vernau, den sie im aktuellen Fall zum fünften Mal auf Verbrecherjagd schickt, hat sie eine charakterliche Spannweite zwischen leichtfüßig und hartnäckig mitgegeben.

Jan Josef Liefers verkörpert den Anwalt im Fernsehen

In ihrer umgebauten Besenkammer zu Hause in Schmargendorf tüftelt Elisabeth Herrmann an ihren Krimis. Das Drehbuch schreibt sie gleich mit. Denn die Fälle werden im ZDF gezeigt. Vernau wird von Jan Josef Liefers gespielt, der demonstriert, dass er sich nicht bloß in Münster, sondern ebenso wunderbar auf dem Berliner Asphalt bewegen kann. Als im Januar 2014 „Die letzte Instanz“ ausgestrahlt wurde, zählte der Mainzer Sender 7,7 Millionen Zuschauer, die höchste Quote für einen Montagsfilm.

Wir stehen vor der Buchhandlung an der Ecke. Ein junger Mann schließt gerade auf. Ich erkläre, wer Frau Herrmann ist und frage, ob wir drinnen ein Foto machen dürfen. „Wir haben geschlossen“, erklärt er lapidar und schiebt noch ein „Nächste Woche“ hinterher. Hm, soviel Zeit haben wir nicht. Elisabeth Herrmann murmelt: „Seltsamer Mensch, wo liegt das Problem?“

Teile der Geschichte spielen in einem Kibbuz

Ganz am Anfang stand die Idee, ihren neuen Roman in der jüdischen Gemeinde spielen zu lassen. Im Laufe der Recherche stellte sie fest, dass das kompliziert werden könnte. Vielleicht war es ihr auch nicht ganz geheuer. Sie ist keine Jüdin, und wer über Deutsch-Jüdisches schreibt, muss mit Empfindlichkeiten rechnen. Sie überlegte es sich anders, denn: „Ich würde mir niemals anmaßen, aus dem Inneren der Jüdischen Gemeinde etwas zu erzählen.“

Ganz davon verabschiedete sie sich aber nicht. Neben Berlin wählte sie Israel als Schauplatz. Dort lässt sie ihren Helden ermitteln, gleichzeitig lässt sie ihre Geschichte in einer anderen Zeit spielen, geht 30 Jahre zurück in einen Kibbuz, in dem deutsche Freiwillige arbeiten. Vertrauteres Terrain – hier schwingt eigenes Erleben der Autorin mit. Anfang der 80er-Jahre war sie selbst in einem Kibbuz, drei Monate lang. Die deutschen Freiwilligen besuchten auch ältere Leute, die den Holocaust überlebt hatten. „Das war nicht sehr herzlich“, erinnert sie sich. Aber es gab auch die Zeltlageratmosphäre im Kibbuz. Sie lernte das Pokerspiel und Ian kennen, einen Iren. Ihre Stimme gerät jetzt ein bisschen ins Kippen, aber dann lächelt sie.

Selbsttherapie auf Reisen

Und das moderne Israel, das in ihrem Buch einen großen Platz einnimmt, wie empfindet sie das? Sie liebe Tel Aviv, sagt sie, weil die Stadt so lebendige Viertel, so eine tolle Ausgehszene hat. Mittlerweile hätten viele Franzosen dort Geschäfte eröffnet. „Das sind die Juden, die sich nach dem Attentat auf ‚Charlie Hebdo‘ gesagt haben, wir sind hier nicht mehr sicher. Wenn man bedenkt, warum sie gekommen sind, ist es grauenhaft. Dass wir in einer Zeit leben, in der Juden wieder unsicher leben und Europa verlassen müssen, das hätte ich nie gedacht.“

Wir spazieren weiter, und Elisabeth Herrmann erzählt, dass sie zwischen ihrem 21. und 26. Lebensjahr viel auf Reisen war. Mit dem Zug durch Thailand, ein halbes Jahr in Marokko gelebt. „Ich war damals sehr introvertiert“, sagt sie. Reisen seien dagegen das Beste gewesen. „Keiner wusste, dass ich todschüchtern war und ganz große Probleme hatte, mit Menschen zurechtzukommen. Wenn ich unterwegs neue Leute kennengelernt habe, war ich einfach eine andere – vielleicht war es eine Art Selbsttherapie.“

Sie führte damals ein Tagebuch, das sie für ihren Roman wieder hervorgeholt hat. So kehrte etwas aus der eigenen Geschichte in ihr Bewusstsein zurück. Wie der Ire Ian, den sie nie wiedergesehen hat. Was eigentlich ganz gut ist. „Solche Dinge sollte man ruhen lassen, die sollten nicht durch die Realität noch mal überprüft werden.“

Für die Autorin ist der Kurfürstendamm das Herz Berlins

Wir stehen jetzt am Kurfürstendamm, hier ist neben Berlin-Mitte Vernaus Revier. Gegenüber der Clausewitzstraße deutet sie auf ein großes graues Haus, in dem sich Büros, Läden und Wohnungen befinden. In so einem Gebäude könnte Vernau an seinem fünften Fall arbeiten. Er ist etwas klamm und deshalb zur Untermiete in der Kanzlei eines Freundes untergekommen.

„Hat Vernau was von Ihnen?“, frage ich. Sie beschreibt ihre Romanfigur als einen, der nicht immer rücksichtsvoll ist, manchmal Wahrheiten sagt, die weh tun, der einen gewissen Witz, ja Sarkasmus hat und das Leben liebt. Das sei seine männliche Seite. Aber daneben gebe es eine weibliche: Mitgefühl und ein großes Herz für kleine Leute. Diese beiden Seiten fänden sich auch bei ihr, „aber nicht alles von meinen Seiten kommt in Vernau durch“. Ich merke, diese Frau, die so unverblümt morden lassen kann, ist auch mit einem gewissen diplomatischen Geschick ausgestattet.

Für Elisabeth Herrmann ist der Kurfürstendamm das Herz Berlins. „Er war es und wird es immer bleiben. Wenn irgendwas die Menschen bewegt, kommen sie hier zusammen. Das war so, als die Mauer fiel und als wir Fußballweltmeister wurden.“

Früher war sie mal Betonbauerin und Maurerin

Sie ist 1984 nach Berlin gekommen. Einen Neuanfang, eine Wendung im Leben habe sie sich erhofft. Frankfurt am Main, bis dahin ihre Heimat, war ihr zu klein geworden. „Ich hatte das Gefühl, ich muss raus.“ Wenn sie von Hessen spricht, wirkt es ein bisschen zwiespältig. „In Frankfurt musste ich wirklich kämpfen, dass ich Leute kennenlerne, dass ich irgendwo anerkannt werde, dass ich ein Umfeld bekomme. Das ist wirklich Arbeit.“ Aber dann erzählt sie vom Feuerwehrball zu Fasching in Lindheim, und das klingt ausgelassen. Um Mitternacht steigt man mit dem maskierten Partner, der einen gerade beim Tanz im Arm gehalten hatte, auf ein Stuhlpaar. Er zieht die Maske ab und küsst sie. „Zehn Minuten zuvor war man noch nervös gewesen. Man wusste ja nicht, mit wem man auf dem Parkett unterwegs war.“

Ihr Vater, ein Diplomingenieur, „kam aus dem ärmsten Arbeiterbezirk Frankfurts und hatte nur den einen Wunsch, sich hochzuarbeiten“. Die Mutter war die Tochter eines Friseurmeisters. Die Eltern versuchten ihren vier Kindern Bildung mitzugeben. Sie bekamen Bücher geschenkt, wurden ins Theater und zu Konzerten mitgenommen.

Trotzdem lernte Elisabeth erst mal Bauzeichnerin, machte Praktika als Betonbauerin und Maurerin („Meine Mauerbögen waren wirklich die schönsten“), bis sie feststellte: „Ich bin leider technisch nicht begabt.“ Dann die Jahre des Reisens, das Abitur auf dem Abendgymnasium und schließlich Berlin.

Wie viele junge Leute, die in den 80er-Jahren aus Westdeutschland hierher zogen, nahm sie erst eine Wohnung in Neukölln. Ein Zimmer in der Karl-Marx-Straße, ohne Dusche und mit einem Ofen, der um fünf Uhr morgens ausging. Ins Stadtbad Neukölln konnte sie für 1,50 Mark 30 Minuten lang: Zehn Minuten ausziehen, zehn Minuten duschen, zehn Minuten anziehen. Das war noch ein anderes Neukölln als das heutige hipsterhafte. Auch ich erinnere mich: In den Fenstern standen kleine Porzellanfiguren neben eingetopften Kakteen, auf den Hinterhöfen klopften morgens Hausmeisterinnen den Staub von den Teppichen, die Lokale waren eher derb als szenig.

Elisabeth Herrmann war 25 Jahre lang Journalistin

In Berlin begann sie beim Rundfunk als Reporterin und verlor ihre Zurückhaltung. „Ich war 25 Jahre Journalistin, da gewöhnt man sich eine gewisse Scheu ab.“ Eines Tages stieß sie auf die Geschichte von Zwangsarbeiterinnen, die in der Nazizeit in deutschen Familien gearbeitet hatten. Ein bis dahin weitgehend unbeachtetes Thema, das „aber niemand haben wollte. Das war frustrierend“. Doch etwas drängte sie, es aufzuschreiben. Keinen epischen Familienroman, das traute sie sich nicht zu. „Dann habe ich mich an das dramaturgische Gerüst eines Kriminalromans geklammert.“

Es wurde ein langer Weg, bis „Das Kindermädchen“, der erste Fall aus der Vernau-Reihe, erschien. Trotz zahlreicher Absagen verlor sie nicht den Mut. Schließlich veröffentlichte der Rotbuch Verlag das Buch. Hermann heimste eine Nominierung für den Glauser ein, einen der wichtigsten Krimipreise im deutschsprachigen Raum.

Fürchtet man sich eigentlich weniger oder mehr, wenn man Krimiautorin ist? „Ich glaube, das bleibt gleich. Wer unerschrocken ist, bleibt unerschrocken. Wer furchtsam ist, bleibt furchtsam.“ Und sie – ist sie furchtsam? „Jein, ich bin vorsichtig, den Umständen angemessen. Ich versuche, mich so zu verhalten, dass ich umsichtig bin. Richtig ängstlich bin ich eigentlich nicht, ich probiere auch gern Neues aus.“

Hatte sie schon mal Mordgedanken? „Ja, ich hatte einen Chef, da war das jeden Tag so. Meine allererste Buchidee war: Wie beseitige ich meinen Chef?“

Ein Kino in Charlottenburg, das es leider nicht mehr gibt

In der Giesebrechtstraße bleiben wir jetzt stehen. Vor uns, im Haus mit der Nummer vier, ist ein Biosupermarkt eingezogen. Bis Ende 2011 wurden hier Filme gezeigt, „Die Kurbel“ hieß das Kino. Elisabeth Herrmann macht dessen Schließung noch heute traurig. Mit ihrer Tochter besuchte sie oft die Nachmittagsvorstellungen. Als die Leinwand dann abgebaut war, hätten das viele beklagt. Herrmann fragte sie: Wo wart ihr an den Abenden, als man nur zu zehnt im Kinosaal saß? Und: „Das Kino ist eine Kulturinstitution, die muss man schützen.“

Die Veränderung des Stadtbildes spiegelt sich auch in Herrmanns Romanen wider. Vor 15 Jahren war ihr Held Vernau in einem Prenzlauer Berg unterwegs, in dem es noch Ruinen gab. „Das ist jetzt vorbei.“

Veränderung. Elisabeth Herrmann verließ vor mehr als 30 Jahren Frankfurt und ließ sich auf ihre neue Heimat ein. „In Berlin ist man gut aufgehoben.“ Sie schreibt Romane aus dem Bauch der Stadt heraus, mit einem Selbstverständnis, als ob sie hier geboren worden wäre.

Manchmal, beim Fußball, schimmert noch ihre alte hessische Verbundenheit durch. Wenn sie Eintracht Frankfurt anfeuert. Das bringe, erzählt sie, dann die Tochter gegen sie auf, denn die ist in Berlin geboren – und Herthanerin.