Als Loris Alaya an diesem Tag ans Telefon geht, hört man ihre Tochter Teresa im Hintergrund quengeln. Ob alles okay sei. Nein, ihre Tochter sei immer noch krank, und sie und ihr Ehemann Rafaat wüssten nicht so richtig, was sie tun sollen. Es ist Sonntag, alles hat zu.
Eine Stunde später in ihrer Einraumwohnung drückt gerade das fiebersenkende Mittel die Temperatur des elf Monate alten Mädchens etwas runter. Die Anzeige sagt 39,6 Grad. Noch immer. Loris Alaya ist ratlos. Zum aller ersten Mal sei ihre Tochter krank. Im Unterton hört man heraus, dass die Frau damit vielleicht ein bisschen die Situation, in der sie sich nun seit zweieinhalb Wochen befindet, verflucht. Aber sie und ihre Familie wollten ja weg, sagt sie kurz darauf.
Ihr 25-jähriger Ehemann Rafaat Alaya hätte zum Militär gemusst. In den Krieg. Sie wollten sich nicht einfach so alles nehmen lassen. In Syrien, wo sie herkommen, gibt es nicht die Wahl. Wer der ersten militärischen Aufforderung nicht folgt, wird persönlich abgeholt. Also verkaufte Familie Alaya aus Damaskus alles, was sie hatte – Auto, Wohnung, Kleidung – und verließ ihr Heimatland. So wie Millionen andere Menschen auch.
Sie hat merkwürdige Flecken
Teresa lacht plötzlich, sie freut sich über das unbekannte Gesicht im Raum. So krank kann sie nicht sein, sagt ihre Mutter fragend, mit Blick zu ihrem Mann. Doch die Stimmung schlägt schnell um. Teresa weint, lacht, schreit, krümmt sich. Und dann zittert sie am ganzen Körper. Loris Alaya tastet den kleinen Oberkörper ab. Das Mädchen hat merkwürdige Flecken – schau mal, sagt sie zu ihrem Ehemann. Rafaat Alaya ist Zahnarzt. Mit Kinderkrankheiten kennt er sich nicht aus.
Seit ein paar Tagen wohnen sie zu dritt im Norden von Berlin. Es ist eine Ladenwohnung im Erdgeschoss eines Wohnhauses. Die Vorhänge sind daher dauerhaft zugezogen. In das Zimmer fällt kaum Tageslicht. Auch die Luft ist knapp hier drin. Die Wohnungstür ist die einzige Möglichkeit, etwas Sauerstoff zu bekommen. Hochbett, Kommode, eine Art Ecksofa aus Matratzen, kleines Bad, kleine Küche. Diese Unterkunft können sie exakt zwei Monate und 20 Tage bezahlen, das haben sie ausgerechnet. Danach sind die Hostel-Gutscheine, die sie vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) bekommen haben, aufgebraucht.
1600 Euro stehen ihnen insgesamt zur Verfügung. Wo sie dann unterkommen werden, wissen sie noch nicht. Aber erstmal muss Teresa wieder gesund werden. Gerade als Loris Alaya das sagt, übergibt sich ihre Tochter in den Armen ihres Vaters. Das dritte Mal in kurzer Zeit, sagt sie. Kommt das nicht vom Stillen? Bäuerchen? Nein, das ist nicht normal. Loris Alaya ist gerade 22 Jahre alt, doch jede Mutter spürt, wenn mit ihrem Kind etwas nicht stimmt.
Man sieht ihr an, was sie miterlebt hat
Würde man eine Frau in ihrem Alter neben sie stellen, die nicht aus einem Kriegsgebiet über den Libanon, die Türkei, Griechenland, dabei lange Strecken über das Mittelmeer innerhalb von 16 Tagen bis nach Deutschland fliehen musste, würde man im Vergleich vermutlich nicht denken, dass auch Loris Alaya genauso jung ist. Man sieht ihr an, dass sie in den vergangenen Wochen viel miterlebt haben muss. Dabei ist sie nicht minder schön. Sie hat einen sehr starken und besonderen Ausdruck im Gesicht. Und das, obwohl sie gerade mit verschmierter Wimperntusche und ihrem kranken Kind auf dem Sofa sitzt.
Sie sieht sich nicht gerne so. Schau mich an, sagt sie, blickt an sich herunter. Zu Hause habe sie auf ihr Aussehen geachtet: Schminke, hübsche Kleidung. Jetzt ist es anders, die Prioritäten sind andere. Als sie mit dem Flugzeug aus Athen in München landeten, fühlten sie sich freier denn je, sagt Loris Alaya. Händchen haltende Menschen, respektvoll, aufgeschlossen. Jeder darf tragen und sagen, was er will. Irgendwann wolle auch sie wieder schön aussehen. Ihr kompletter Besitz besteht gerade aus Spenden. Sie und ihr Mann tragen Leggings und Jogginghose. Bei Stretchhosen spielt die Größe keine Rolle.
Loris Alaya erinnert ein bisschen an die Jungfrau Maria eines gemalten Marienbildnisses. Teresa ist das heilige Kind in ihren Armen. Um den Hals trägt die Frau ein goldenes Kreuz. Die Alayas sind Christen, daher auch der christliche Name ihrer Tochter. Im syrischen Pass des Mädchens steht ein anderer. Es sind vier Buchstaben: Trez. In der Behörde in Damaskus hätten sie den Namen nicht verstanden oder gar nicht erst gekannt. Loris Alaya muss mittlerweile darüber schmunzeln. In Deutschland versteht ihn hingegen jeder.
Vorsichtshalber ins Krankenhaus
Rafaat Alaya hört eine Sprachnachricht auf seinem Handy ab. Die Stimme einer Bekannten der jungen Familie. Sie ist Deutsche und hat ihnen sehr geholfen in den vergangenen zweieinhalb Wochen, nachdem sie in Berlin ankamen. Ohnehin hatten sie viel Glück, sagt Loris Alaya. Sie haben schon viele Menschen, die meisten sogar in ihrem Alter, getroffen, die sogar zu Freunden wurden. In einem sehr deutlichen Englisch sagt die Frau am Handy, die Familie soll mit Teresa am besten noch heute ins Krankenhaus fahren. Vorsichtshalber.
Loris Alaya ist fasziniert von der Stärke, die sie von Deutschen gegenüber all den Flüchtlingen bisher erlebt hat. Vor allem aber sind es die freiwilligen Helfer. Über zehn Tage habe die Familie vor dem Landesamt gestanden – täglich von sieben am Morgen bis elf Uhr abends. Nachts konnten sie beim Bruder von Rafaat unterkommen, der schon wenige Tage vor ihnen ankam.
Die schlimmsten Stunden während der Flucht waren die auf einem kleinen Boot mit 52 anderen Menschen auf dem Weg von der Türkei auf die griechische Insel Kos. Rafaat Alaya sagt, er habe sich die ganze Zeit selbst ohrfeigen müssen, um bei Sinnen zu bleiben. Er habe sich machtlos gefühlt wie noch nie, sagt er. Auf der Insel mussten sie ewig warten.
Fünf Tage auf der Straße geschlafen
Fünf Tage schliefen sie auf der Straße. Kein Essen, kein Trinken. Nur die kleinen Kekse, die es zum Kaffee gibt, hätten sie ab und an aus Cafés für Teresa besorgt. Wie giftige Insekten wurden sie von den Menschen angegafft und schließlich von der Polizei zum Hafen gescheucht. In den Sommermonaten werden dort Feste zu Ehren der Schutzheiligen gefeiert. Touristensaison, kein Platz für Flüchtlinge. Sie hatten Glück: Eine Christin half ihnen. Sie organisierte einen Schlafplatz, bis ein Schiff sie rüber nach Athen fuhr.
Von den 10.000 Euro, mit denen sie in Damaskus starteten, blieben ihnen exakt 50 Euro bei ihrer Ankunft in Deutschland. Schlepper, Hintermänner, Flüge. Über die Flucht reden sie nicht gerne, noch nicht mal miteinander. Den Kloß im Hals bei Loris Alaya hört man sofort, schon wenn sie daran denkt. Verdrängung aus Selbstschutz.
Eine Stunde später in der Notfallambulanz für Kinder. Rafaat Alaya trägt Windeln und eine Zettelwirtschaft in einer Klarsichtfolie bei sich. Da ist alles drin. Versicherung, Ausweis, Asylantrag. Die Familie hat immer noch keine Papiere bekommen. Die Schwester bei der Anmeldung ist freundlich. Loris Alaya hat Englische Literatur studiert, doch in einer fremden Sprache beschreiben, wie es ihrem Kind geht, ist nicht einfach. Sie dürfen Platz nehmen. Der Arzt werde gleich kommen.
Teresa muss in der Klinik bleiben
Nachts schickt sie eine Nachricht: Sie müsse bei Teresa im Krankenhaus bleiben. Am nächsten Morgen auf der Station liegt die sichtlich erschöpfte Mutter neben der schlafenden Teresa auf dem Bett. Das Mädchen hat eine Harnwegsinfektion, bekommt Antibiotikum durch die Vene. Loris Alaya fühlt sich sicher, sagt sie. Nur wollte ihr Mann schon morgens wiederkommen, er durfte nicht über Nacht bleiben. Sie teilen sich ein Handy, daher könne sie ihn nicht erreichen. Nach anderthalb Stunden kommt er. Er habe verschlafen, sagt er. Ohne Handy, keine Uhr. Sie müssen lachen. Teresa auch.





