Kommentar

Griechenland steht vor seiner letzten Chance

Am Montag trifft sich Tsipras mit Merkel in Berlin. Und sollte erste Beweise konkreten Handelns präsentieren. Denn mit den EU-Partnern ist nicht länger zu spaßen, kommentiert Jochim Stoltenberg.

Foto: Francois Mori / AP

Stinkefinger oder nicht – die hochgegeigte Posse darüber, ob Athens Finanzminister Janis Varoufakis die Deutschen tatsächlich beleidigt hat, ist hoffentlich final beendet. Und macht den Blick wieder frei für das, worum es wirklich geht. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Rettung Griechenlands vor der Staatspleite, die Sicherung des Euro und damit siamesisch verbunden die Einigung Europas als größtes Friedenswerk der Nachkriegszeit. Die Hoffnung, dass Vernunft und Ernsthaftigkeit wieder die Oberhand gewinnen, ist seit dem Sondertreffen der wichtigsten Entscheider innerhalb der EU mit Griechenlands Ministerpräsidenten Alexis Tsipras in Brüssel gewachsen.

Warum nicht gleich so? Diese Frage drängt sich auf, nachdem der linke rebellische Regierungschef aus Hellas in dieser Runde das Versprechen abgelegt hat, die gemeinsamen Vereinbarungen und alle damit verbundenen Auflagen nun endlich doch zu befolgen. Da wollte auch Finanzminister Varoufakis nicht länger schmollen und versprach „sofortiges und konstruktives“ Mitmachen. Es bleibt beiden auch gar nichts anderes übrig, wollen sie weiter Hilfsgelder kassieren und ihr Land vor der Insolvenz bewahren.

Angesichts des Tricksens und Täuschens in den vergangenen Wochen bleibt allerdings abzuwarten, wie ernst die beiden Herren es diesmal meinen. Haben sie endlich begriffen, dass sich die Euro-Gruppe nicht von ihnen erpressen lässt, und wirken aktiv bei der Eigenrettung mit? Oder wollen sie nur einmal mehr Zeit gewinnen, um ihren linken Träumereien zu folgen? Bei seinem Antrittsbesuch am Montag in Berlin wird Tsipras von der Kanzlerin in eindringlichen Worten hoffentlich bestätigt bekommen, dass mit den EU-Partnern nicht länger zu spaßen sei.

Europa scheitert, wenn der Euro scheitert

Es ist Athens letzte Chance. Natürlich kann von der neuen Regierung nicht erwartet werden, innerhalb weniger Wochen nach der Wahl das Land um- zukrempeln, überfällige Reformen in Taten umzusetzen. Aber zumindest eine konkrete, an Realitäten orientierte Reformliste vorzulegen und erste Beweise konkreten Handelns zu präsentieren – das ist das Mindeste, was die Partner erwarten dürfen, bevor sie weitere Milliarden lockermachen.

Die Bundeskanzlerin hat dieser Tage ihr Credo bekräftigt, wonach Europa scheitert, wenn der Euro scheitert. Recht hat sie. Wenn die Griechen unbelehrbar bleiben, müssen sie ohne Euro auskommen. Weil das vereinte Europa zu schicksalhaft ist, als dass es an einem Währungsignoranten untergehen darf.

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