Pro: So geht gute Satire
Jan Böhmermann hat behauptet, er habe das Video gefälscht, in dem Griechenlands Finanzminister Janis Varoufakis den Mittelfinger in Richtung Deutschland ausstreckt. Er hat in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ ein Video vorgeführt, das vorgab, ein Making-of der Fälschung zu sein – mitsamt einem Mittelfingerdouble und einem Experten für visuelle Effekte, der am Bildschirm am linken Arm des Ministers herumhantierte. Das alles passte wunderbar zu der dubiosen Behauptung von Varoufakis, jemand habe das Video verändert.
Dann stellte sich heraus, dass tatsächlich Böhmermann der Fälscher in der Angelegenheit war und Varoufakis weiterhin der Lügner. Das ZDF erklärte, es habe sich dabei um Satire gehandelt. Einige fanden das gar nicht lustig und warfen dem Moderator vor, er habe eine ohnehin schon undurchsichtige Debatte noch zusätzlich vernebelt.
Nichts könnte falscher sein.
Gute Satire macht etwas sichtbar. Sie macht auf etwas aufmerksam, das man bislang nicht gesehen hat oder sehen wollte. Und Böhmermann hat gleich zwei Dinge sichtbar gemacht, die vielleicht für Journalisten unangenehm sind, aber deshalb nicht weniger wahr. Das ist zum einen der nachdenklich stimmende Trend, sich auf Nebensächliches zu konzentrieren und der Komplexität großer Themen auszuweichen. Nach der Jauch-Sendung ging es plötzlich kaum noch um die Zukunft Griechenlands im Euro-Raum, sondern um einen ausgestreckten Mittelfinger. Das ist gewiss viel einfacher zu erzählen, und es erzielt auch die besseren Einschaltquoten. Es ist aber leider auch ziemlich irrelevant.
Zum anderen spielte Böhmermann mit einer Eigenschaft, die bei Journalisten nicht weniger ausgeprägt ist als bei anderen: Was wir glauben wollen, das glauben wir in der Regel auch. Wenn eine Geschichte eine irre Wendung nimmt, wünschen wir uns, dass sie stimmt. Diese Schwäche hat sein Video gezeigt. Und ziemlich lustig war es außerdem. Felix Müller
Kontra: Viel zu viel Klamauk um nichts
Satire ist ein schwierig Ding. Ist sie nicht brillant, wird sie schnell missverstanden. Und auch nicht alles taugt, auf die Schippe genommen zu werden. Das gilt selbst in Zeiten wie den unseren, da alles erlaubt scheint. Dabei spielt es keine Rolle, wie ernst das Thema ist. Hauptsache, man kann andere der Lächerlichkeit preisgeben und im Netz wie im Fernsehen Quote machen. Die auf YouTube verbreitete Stinkefinger-Satire ist ja nur ein Beispiel für unsere vermeintlich grenzenlose Spaßgesellschaft.
Es beginnt schon damit, dass sich Günther Jauch fragen lassen muss, ob der Stinkefinger von Yanis Varoufakis der Diskussion seiner Talkshow wirklich dienlich war. Ist es am Ende wirklich so euroentscheidend, ob ein echter oder manipulierter Mittelfinger Verachtung gegenüber Deutschland signalisierte, ob Athens Finanzminister fingertechnisch gelogen hat oder ihm Unrecht widerfuhr? Diese bis zur gefälschten Satire medial hochgegeigte Posse bleibt letztlich eine Petitesse.
Wer den Griechen wirklich der Lüge überführen wollte, hätte nur zuhören und nachhaken müssen. Der hatte bei Jauch doch glatt behauptet, Griechenland habe nur „unbedeutende kleine Liquiditätsprobleme.“ Keiner in der Talkrunde fragte nach. Gestern gab Athens Vize-Regierungschef zu, sein Land habe sehr wohl ein „Liquiditätsproblem“. Allein heute muss Griechenland Schuldtitel über fast zwei Milliarden Euro ablösen. Was schert das wahre Problem, wenn mit Klamauk besser zu punkten ist?
Satire hat ihren Platz, aber hat sie auch einen Freifahrtschein? In Oliver Welkes ZDF- Wochenshow werden jeden Freitag aufs Neue Politiker als Tölpel, Phrasendrescher und Garanten für Peinlichkeiten vorgeführt. Wer will bezweifeln, dass derartige Verachtung Politikverdrossenheit nährt und damit an den Grundlagen unseres Gemeinwesen nagt? Verwunderlich allein, dass sich noch ernst zu nehmende Politiker finden, sich von Welke zum Deppen machen zu lassen. Heute Abend CDU-Generalsekretär Tauber. Jochim Stoltenberg



