Reserve

Brandenburgs geheimes Lebensmittellager für den Notfall

800.000 Tonnen Lebensmittel lagern in Deutschland – streng geheim in 150 Hallen. Morgenpost Online war in einer „irgendwo in Brandenburg“.

Foto: Reto Klar

Irgendwo in Brandenburg – der Ort, an dem Deutschland ganz auf Nummer sicher geht, ist geheim. Immerhin bekommt die Reporterin nicht die Augen verbunden, wird aber aufgefordert, bitte zu schreiben, das Lebensmittellager befände sich „irgendwo in Brandenburg“, rund 100 Kilometer von Berlin entfernt. Der Weg führt an Dutzenden von Straßendörfern mit verlassenen Kaufhallen vorbei.

Klaus Müller ist Oberprüfer der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Er steht vor einem flachen Klinkerbau mit Wellblechtüren. Seit acht Jahren kontrolliert er die Zustände in den rund 150 geheimen Lagern staatlicher Lebensmittelvorräte, in denen über Deutschland verteilt 555.000 Tonnen Weizen, 75.000 Tonnen Roggen und 100.000 Tonnen Hafer gelagert werden. Zur sogenannten zivilen Notfallreserve gehören auch Kondensmilch sowie Reis, Erbsen und Linsen in vielen Zehntausend Jutesäcken.

Die Idee, große Mengen Nahrungsgüter für Krisenzeiten zu horten, stammt aus den 60er-Jahren, als der Ost-West-Konflikt tobte. Der Kalte Krieg ist seit 30 Jahren vorbei, aber offenbar hat lange Zeit niemand daran gedacht, das Konzept für die Krisenplanung anzugleichen. Strenge Auflagen haben die Lager: Sie dürfen nicht in der Nähe von Großstädten und in der Nachbarschaft „kritischer Objekte“ sein, wie Müller es nennt – Atomkraftwerken etwa oder Großtankstellen.

Außer den Mitarbeitern der Bundesanstalt für Ernährung und des Bundesministeriums weiß niemand, wo diese Lager sind. Plünderungen sollen mit dieser Strategie vermieden werden. Der Reis aus Italien, die Linsen aus Kanada, die Erbsen aus Ungarn – Müller verspricht Eins-a-Ware. Die Kosten für Kauf, Lagerung und Verwaltung der Lebensmittel belaufen sich für die Jahre 2001 bis 2010 auf rund 150 Millionen Euro. Macht etwa 20 Cent pro Jahr für jeden Bundesbürger. „Das ist wie eine Haftpflichtversicherung“, sagt Müller, „man hofft, dass man sie nicht braucht.“

Hoher finanzieller Aufwand

Müller sperrt die Wellblechtür eines ehemaligen Militärlagers der DDR-Armee auf. In der rund 30 Meter breiten Halle ist es dunkel, er schaltet das Neonlicht an und gibt den Blick frei auf drei Meter hohe Türme aus Jutesäcken, 30 Stück übereinander. Es riecht feucht-würzig. Knapp 800.000 Tonnen Lebensmittel lagern so in ganz Deutschland, macht pro Bürger etwa zehn Kilo. Wer sich auf 500 Gramm Getreide am Tag beschränkt, kann sich mehrere Monate lang aus der Notfallreserve ernähren. „Es geht nicht darum, ob es schmeckt oder nicht“, sagt Müller, „es geht darum, dass die Ernährung gewährleistet ist.“ Doch was stellt man mit einem Sack Hafer an, wenn eine Krise ausbricht? Um allein den eingelagerten Hafer weiterzuverarbeiten, würde es rund ein halbes Jahr dauern, kalkulierte der Bundesrechnungshof. Außer Tschechien und Ungarn verfügt kein anderes EU-Land über derartige Lebensmittelvorräte – und auch diese beiden Länder lagern nur einen Bruchteil der deutschen Vorräte ein.

Daher hagelte es jüngst Kritik. Die oberste Finanzkontrollbehörde bemängelte veraltete Vorgaben und das Missverhältnis zwischen finanziellem Aufwand und Gewinn für die Bevölkerung. Die Krisenplanung berücksichtige weder die Bevölkerungsentwicklung noch das aktuelle ernährungsphysiologische Wissen. Und: Ein Szenario mit einer anhaltenden Unterbrechung der Versorgung der Bevölkerung sei in den vergangenen 30 Jahren immer unwahrscheinlicher geworden. Vor 13 Jahren wurden das letzte Mal ein paar Hundert Tonnen der Vorräte gebraucht und in das Kosovo gebracht.

Müller stört das nicht. Er betrachtet die gelben Klebestreifen an der Decke. Hängen Motten daran? Er raschelt am Zipfel eines Erbsensacks. Ja, das hört sich hell und trocken an. Müller ist zufrieden. Das ist feinste Ware, trocken, hellbraune Färbung, geruchsneutral. Unter den Paletten ist alles sauber – Reinlichkeit ist für eine optimale Lagerung das A und O. Alle zehn Jahre wird das Getreide „gewälzt“, es wird verkauft. Angeblich reißen sich die Händler darum, weil es nirgends auf dem Markt eine so gute Qualität in so großen Mengen gibt. Müller sagt, es seien gerade erst wieder ein paar Tausend Tonnen mit Gewinn verkauft worden.

Rohstoffe halten länger

In der Halle nebenan breitet sich ein vier Meter tiefer Teppich mit Weizenkörnern aus, den man auf einem schmalen „Laufsteg“ aus Holzlatten betreten kann. Aus den hier gelagerten 6000 Tonnen Weizen kann man rund 5000 Tonnen Mehl gewinnen. Macht rund fünf Millionen Brote. Das ist eine gute Quote, auch wenn das Korn erst gereinigt, gebürstet und gemahlen werden muss. Der Vorteil davon, Rohstoffe zu lagern, liegt in der Haltbarkeit. Mehl verdirbt nach einem Jahr; Getreide hält zehn Jahre und länger. Auch Fachleute könnten oft nicht unterscheiden, ob das Getreide zwei oder zehn Jahre alt ist, sagt Müller. Dennoch hat das Landwirtschaftsministerium nun auf die Kritik reagiert. Eine Projektgruppe aus Bund und Ländern prüft, wie es mit der Lagerhaltung weitergeht. Soll auf Fertignahrung umgestellt werden? Das wäre teurer, schließlich ist die Haltbarkeit geringer, und jedes Jahr müsste „gewälzt“ werden.

Ängerungen geplant

Die Schweiz etwa hat einen anderen Weg gewählt: Mit bestimmten Handelspartnern hat das Land Verträge abgeschlossen, die im Notfall eine bestimmte Menge an Lebensmitteln zur Verfügung stellen. Das Ministerium prüft nun, ob das Konzept des Nachbarlandes übernommen wird. Ein Ergebnis soll Ende 2013 vorliegen – frühestens. So lange werden die verschiedenen Krisenszenarien durchgespielt. Es soll also eine Verschlankung der Maßnahmen geben, so viel steht fest. Müller ist damit nicht zufrieden. „Man kann sich leicht hinstellen und behaupten, eine solche Vorratslagerung sei Geldverschwendung“, sagt er. „Aber vielleicht kommt doch einmal die Zeit, in der wir die Nahrungsmittel brauchen.“