Checkpoint Charlie

Warum Berlin ein Museum des Kalten Krieges braucht

Der Checkpoint Charlie ist derzeit nur noch Disneyland. Ein Platz ohne Würde. Ein Plädoyer für ein Museum des Kalten Krieges an diesem Ort.

Foto: Christian Schroth

Es war rund ein Dutzend feierlich gestimmter Herren – nur eine Dame war dabei –, die am 22. Juni 1990 unter einer schwebenden Holzbaracke einen Moment der Weltgeschichte genossen. Noch immer war die schwankende Baracke des „Allied Checkpoint Charlie“ mit den Farben der USA, der britischen Flagge und dem Blau-Weiß-Rot der französischen Trikolore geschmückt, aber sie hatte Dienstschluss. Der Kalte Krieg war vorbei.

Heute drängen sich an diesem historischen Ort Besucher aus aller Welt. Doch sie werden enttäuscht. Der alliierte Checkpoint Charlie, jahrzehntelang im Brennglas der Weltpolitik, ist nur noch Disneyland. Vor den Sandsäcken einer Barackenkopie lassen sich Kleindarsteller in Uniform für zwei Euro mit Touristen fotografieren, für ein Aufgeld mit Fahne. An Verkaufsständen werden Militärmützen und Currywurst feilgeboten. Es ist ein Platz ohne Würde.

Über die Grenze geschmuggelt

Hier rasten nach dem Mauerbau amerikanische und sowjetische Panzer aufeinander zu, hier wurden Flüchtlinge versteckt in Wagen mit ausländischen Kennzeichen über die Grenze geschmuggelt. Ein paar Meter entfernt starb Peter Fechter, durchsiebt von den Schüssen der DDR-Grenzsoldaten. Die Tragik der Geschichte verliert sich in diesem Getümmel.

Nur das schon im Juni 1963 eröffnete Haus am Checkpoint Charlie bietet einen historischen Überblick und ist – wenn auch meist überfüllt – ein Ruhepunkt auf dem Rummelplatz. Gäbe es nicht diese über ein halbes Jahrhundert von Rainer Hildebrandt und seiner Frau Alexandra zusammengetragene Sammlung, wäre dieser Ort ohne ernsthafte Information über die Mauerzeit, denn der Senat sah lange keinen Anlass zum Handeln.

Erst seit 2006 sind auf einer Brache großflächige Fotos mit Erklärungstexten aufgestellt. Bei Regen fällt der Geschichtsunterricht aus. Ab September wird eine „Black Box“ für den Bau eines Museums des Kalten Krieges werben. Ohne Dank an den im Jahr 2004 verstorbenen Ausstellungs-Pionier Hildebrandt, der als kalter Krieger beschimpft wurde, weil er das Elend des Kalten Krieges beschrieb, würde das neue Museum seiner Aufgabe nicht gerecht.

Die Initiatoren dieses neuen Museumsprojekts, das mit 3000 Quadratmetern geplant ist, kommen aus einem Kreis um den ehemaligen US-Botschafter James D. Bindenagel, dem ehemaligen Präsidenten der Tschechischen Republik Vaclav Havel, dem Freund Berlins John C. Kornblum, dem letzten Außenminister der aus freien Wahlen hervorgegangenen DDR-Regierung Markus Meckel und Geschichtswissenschaftlern aus Deutschland und den USA. Ihre Idee ist jetzt offizielle Senatspolitik. Das Haus soll 2015 eröffnet werden, falls alle Grundstücksfragen geklärt sind. Es soll das Schicksal der Metropole in den Dimensionen der Weltpolitik sichtbar machen. Viele Bewohner sind viel zu jung oder zugezogen. Für sie lebt Berlin nur in der Gegenwart. Aber so kann ein Bürger sich nicht mit seiner Stadt identifizieren.

Nur wenige teilen noch die Erinnerung an das Brummen der „Rosinenbombern“, die während der Blockade die Westsektoren mit Kartoffeln, Zucker, Mehl und Briketts versorgten. Man muss über 60 Jahre alt sein, um sich an den Aufstand der Arbeiter auf der Stalinallee 1953 zu erinnern, der von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurde. Selbst der Mauerbau und der Mauerfall sind für viele nur Buchstabenwissen.

Heute traben im Mauerpark die Jogger neben bunt bemalten Mauerresten bergauf. Der Platz ist inzwischen ein Inbegriff der Berliner Idylle: „Grillen erlaubt“, „Studentenbuffett 4,-- €“. Berlin lebt von Gegensätzen. Von der Aussichtsplattform der Gedenkstätte geht der Blick auf ein Stück erhaltene Grenzanlage – tote Fläche, unüberwindbar, eingezwängt in Beton, in der Mitte ein geharkter Postenweg.

Die Teilung Europas und der Stadt in eine westliche und eine sowjetische Einflusszone war im Sommer 1945 vor den Toren Berlins auf der Potsdamer Konferenz im Schloss Cecilienhof bestätigt worden, und nach dem missglückten Versuch, mit der Blockade West-Berlins den Einfluss der Sowjets auch auf die Westsektoren zu sichern, trafen Ost und West auf den Schlachtfeldern in Korea und Vietnam aufeinander. Chruschtschows Drängen Ende der 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts, West-Berlin als „Freie Stadt“ aus dem westlichen Einflussgebiet herauszubrechen, läuft parallel zu dem Ringen um Einfluss auf das sozialistische Kuba. Damals stand der atomare Schlagabtausch kurz bevor. Der Bau der Mauer betonierte schließlich die Grenzen zwischen den Blöcken. Mit der friedlichen Revolution in der DDR und dem Mauerfall wurde der Kalte Krieg überwunden und Europa vereint.

Lebendiger Geschichtsunterricht

Diese Verknüpfungen Berlins mit der Welt will das Museum des Kalten Krieges erzählen. Und zwar an dem Ort, der bis heute alle Besucher magisch anzieht. Von hier aus kann die Geschichtsmeile, die die Berliner CDU sich wünscht, die Besucher gut ausgestattet mit Wissen zu den andere Gedenkstätten führen – zum Tränenpalast, zum Flughafen Tempelhof und dem künftig dort platzierten Alliiertenmuseum mit Original-Checkpoint-Charlie-Baracke. Die ganze Stadt bietet lebendigen Geschichtsunterricht.

Das Museum des Kalten Krieges wird das in vielen Sprachen tun – nicht nur mit Rundgängen im Schnelldurchlauf, sondern mit Kursen für Besucher aus aller Welt und verknüpft mit Forschungsschwerpunkten an Berliner und internationalen Universitäten. So kann Berlin anschaulich Zeugnis geben von einer Epoche, die die Welt entscheidend geprägt hat. Und die Besucher kehren mit reicher Erfahrung aus Berlin in ihre Heimat zurück.

Der Autor, Professor Ernst Elitz, ist Gründungsintendant des Deutschlandradios und Mitglied im Beirat der Stiftung Zukunft Berlin.