Geburten-Tief

Statistiker sehen in in weniger Kindern kein Problem

2011 wurden in Deutschland insgesamt 663.000 Kinder geboren - so wenig wie nie. Statistiker aber keinen Grund zu düsteren Interpretationen.

Es war die gute Nachricht des Jahres 2010. Ein kleiner Geburtenboom hatte die Nation erfasst. 678.000 Kinder kamen zur Welt. Und das war im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 1,9 Prozent. Immerhin. Doch nur ein Jahr später ist die Zahl der Geburten mit 663.000 schon wieder auf ein Rekordtief abgesackt. Nie zuvor wurden in der Geschichte der Bundesrepublik weniger Kinder geboren. Und doch bleibt Olga Pötzsch vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden gelassen, vielleicht auch, weil die Zahlen nur vorläufig sind: „Das sind ganz normale Schwankungen“, sagte Pötzsch. Nicht der Rede wert. Und schon gar kein Grund zu düsteren Interpretationen – meint zumindest die Statistikerin.

Insgesamt ist die Zahl der Geburten seit 1964 rückläufig. In jenem Jahr wurden knapp 1,36 Millionen Kinder geboren. Es war der bislang geburtenstärkste Jahrgang der Nachkriegszeit. Seither zeigt der Trend nach unten. Daher ist auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) von dem aktuellen Rekordtief nicht wirklich überrascht. „Der Rückgang der Kinderzahl in Deutschland zeigt, wie wichtig eine nachhaltige Familienpolitik ist“, sagte Schröder. Insbesondere eine familienfreundliche Unternehmenskultur und der Ausbau der Kinderbetreuung spielten eine zentrale Rolle, wenn es darum ginge, die Rahmenbedingungen für Familien zu verbessern.

„Mit dem Elterngeld und dem Kita-Ausbau sind wir hier auf dem richtigen Weg“, sagte Schröder. Die Entscheidung für ein Kind sei aber von vielen Faktoren abhängig und zudem eine „zutiefst private Entscheidung“. „Was mich positiv stimmt, ist die Tatsache, das die Kinderwünsche im Vergleich zu 2010 erneut angestiegen sind.“ So gaben 53 Prozent der Kinderlosen unter 50 Jahren an, bestimmt ein Kind haben zu wollen. 28 Prozent möchten vielleicht Kinder. Und auch gut ein Drittel der Eltern wünschten sich im Jahr 2011 bestimmt oder vielleicht noch weitere Kinder.

Deutlicher Geburtenrückgang an 2020 erwartet

Dass die Geburtenzahlen in Deutschland trotzdem weiter sinken, liegt vor allem an der Altersstruktur der Bevölkerung. Es sind vor allem die Frauen im Alter von 26 bis 35 Jahren, die Kinder gebären. Doch diese Altergruppe ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich kleiner geworden, allein zwischen 1990 und 2010 um 1,5 Millionen Frauen. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung sank von 33 auf 26 Prozent. Bevölkerungsexperten sagen voraus, dass die Zahl bis 2020 zunächst noch relativ stabil bleibt, dann aber weiter schrumpfen wird. Die Frauen müssten in Zukunft doppelt so viele Kinder wie heute bekommen, damit die Geburtenzahlen insgesamt stabil bleiben – was unwahrscheinlich ist.

Der Bevölkerungsstatistiker Gerd Bosbach vom RheinAhrCampus Remagen hält es denn auch für völlig falsch, dass sich die Politik so stark an den Geburtenzahlen orientiert. „Ich sehe in weniger Kindern nicht das Problem“, sagte Bosbach. Im Nachbarland Frankreich sei die Geburtenrate zwar seit Jahren schon höher als in Deutschland, und doch gehe es der Wirtschaft dort nicht besser. Es komme nicht auf die absolute Zahl der Kinder an, sondern darauf, wie gut sie im Laufe ihres Lebens ausgebildet werden. Mehr Kita-Plätze, bessere Schulen und Ausbildungsplätze – darin sieht Bosbach die Lösung.

Schon seit mehr als 40 Jahren sterben in Deutschland mehr Menschen als geboren werden. Und dennoch ist die Bevölkerungszahl insgesamt gestiegen – was an der steten Zuwanderung liegt. Es sind vor allem auch junge und gut ausgebildete Fachkräfte, die nach Deutschland kommen und so den Mangel an Arbeitkräften ausgleichen. Für 2011 ermittelten die Wiesbadener Statistiker ein Einwohnerplus von fast 100.000 Personen.