Kinderschutz

Neukölln wirbt mit Baby-Geschenken für Hausbesuche

Viele Eltern in Berlin-Neukölln öffnen dem Gesundheitsamt nur ungern die Tür - zum Nachteil ihrer Kinder. Der Bezirk will das jetzt ändern.

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Eigentlich sollen alle Berliner Familien mit Neugeborenen einen Besuch vom Gesundheitsamt erhalten. So sieht es das Netzwerk Kinderschutz vor. Doch etwa ein Drittel der Eltern lehnt dieses Angebot ab. Eine Verpflichtung gibt es nicht. Der Bezirk Neukölln plant nun, durch Begrüßungsgeschenke die Akzeptanz der Hausbesuche erhöhen.

Seit 2007 versucht der Senat, das Netzwerk Kinderschutz enger zu knüpfen. Dazu gehören die Erstkontakte mit Neugeborenen und seit 2010 auch das sogenannte verbindliche Einladungswesen für die Früherkennungsuntersuchungen bei den Kinderärzten in Zusammenarbeit mit der Charité. Doch das Netz hat immer noch große Lücken.

Berlinweit sind die Zahlen ähnlich

Im März konnte das Amt in Neukölln 84 Familien der 363 geborenen Kinder nicht erreichen. Im Februar scheiterte der vorgesehene Erstkontakt nach der Geburt bei 65 und im Januar bei 35 Neugeborenen. In Charlottenburg-Wilmersdorf konnte das Amt 371 von 590 Säuglingen in den ersten drei Monaten dieses Jahres zu Hause besuchen.

Berlinweit sind die Zahlen ähnlich. Im Jahr 2009 wurden 58 Prozent aller Säuglinge tatsächlich besucht. Zählt man Telefonate und Schriftverkehr dazu, gab es Kontakt zu 82 Prozent der Familien. Der Trend für 2010 sei gleichbleibend, heißt es aus der Senatsgesundheitsverwaltung.

„Wir machen enorme Anstrengungen, um die Quote der Hausbesuche nach der Geburt zu steigern“, sagte Falko Liecke, Jugend- und Gesundheitsstadtrat von Neukölln (CDU). Immerhin sei es gelungen, seit 2007 den Anteil der erfolgreichen Erstkontakte zu verdoppeln. Trotzdem bleibe in dem jetzigen System eine Lücke. Wenn wiederholte Versuche, die Familie zu besuchen erfolglos bleiben, seien die Mitarbeiter machtlos.

In diesen Fällen überprüft das Gesundheitsamt, ob die Kinder beim Kinderarzt an den Früherkennungsuntersuchungen teilgenommen haben. Sollte es auch hier eine Fehlanzeige geben, könne man nicht viel mehr machen, als erneut einen Hausbesuch zu versuchen.

Stadtrat Liecke will die Erstbesuche für die Familien attraktiver machen, und zwar durch kleine Geburtspräsente, so wie es sie in Dormagen gibt. Vor sechs Jahren wurde in der Stadt nördlich von Köln ein Frühwarnsystem zum Kinderschutz aufgebaut. Jedes Neugeborene erhält seither ein Begrüßungspaket mit einer Urkunde, kleinen Geschenken und einem Heft mit Hilfsangeboten. 99 Prozent der Familien nehmen das Angebot an.

Gutscheine für Babykurse

„Wir wollen weg vom Image der Kontrollbehörde“, so Liecke. Stattdessen sollen die Eltern wissen, dass es hier hilfreiche Angebote gibt. Vorstellbar seien beispielsweise Gutscheine für Babykurse, Rabattangebote oder gesponserte Geschenke wie Rauchmelder. Ideal wäre es, wenn künftig auch Familienhebammen die Besuche mit übernehmen würden. Die könnten dann auch Familien weiter betreuen, wenn sie Hilfe wünschen. Das bringe Kontinuität, und die Akzeptanz gegenüber Hebammen wäre größer als gegenüber dem Jugendamt, meint Liecke.

Das Modell Dormagen habe gezeigt, dass sich der Aufwand lohne, so der Stadtrat weiter. Bundesweit hat Dormagen die geringsten Ausgaben pro Einwohner bei den Hilfen zur Erziehung. Der Kinderschutzbund fordert schon lange, dass das Modell Dormagen zumindest in den Innenstadtbezirken konsequent umgesetzt wird. Ein ähnliches Projekt gibt es nur in Marzahn-Hellersdorf. Dort wird mit dem Begrüßungsanschreiben für jedes Kind, das ab dem 1.Januar 2010 geboren ist, ein Familienbildungsgutschein mitgeschickt.

Trotz der neuen Anreize spricht sich Liecke dafür aus, auch die Verbindlichkeit der Hausbesuche und der Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt gesetzlich zu forcieren. Wenn sich Eltern verweigern, soll es ein Bußgeld geben. Das allerdings würde eine berlinweite gesetzliche Regelung erfordern.

Monika Herrmann, Jugend- und Gesundheitsstadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg (Grüne) lehnt einen Zwang bei Erstkontakten dagegen ab. Allerdings spricht auch sie sich dafür aus, die Begleitung durch Familienhebammen mit sozialpädagogischer Zusatzausbildung allen Eltern vor und nach der Geburt anzubieten. Die Familienhebammen werden derzeit im Rahmen der Bundesinitiative „Frühe Hilfen“ für vier Jahre erprobt, unter anderem auch im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln.

Verpflichtung kaum durchsetzbar

Auch Thomas Isenberg, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus, glaubt, dass Sanktionen bei den frühen Hilfen im Präventionsbereich eher die Ablehnung gegen die Behörden noch zusätzlich verstärken würden. Zudem sei eine Verpflichtung rechtlich kaum durchsetzbar, so Isenberg weiter. Das hätten zahlreiche Gutachten bundesweit gezeigt. Darüber zu reden, wie die vorhandenen Möglichkeiten besser genutzt werden können, lohne dagegen mehr, so Isenberg.

Auch Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) spricht sich dafür aus, das Netzwerk Kinderschutz noch enger zu knüpfen. Dazu zähle beispielsweise, dass die Hotline Kinderschutz mehrsprachig angeboten werden solle. Familienhebammen sollen in Familien mit Schwierigkeiten schon vor der Geburt eingesetzt werden.

Die Staatssekretärin Emine Demirbüken-Wegener (CDU) in der Senatsverwaltung für Gesundheit befürwortet eine stärkere Verbindlichkeit der Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt.

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