Boykott-Drohung

Im Fall Timoschenko melden sich nun auch Sportler

Der Fall Timoschenko beschäftigt nicht nur Politiker, sondern auch den Sport. Vitali Klitschko spricht sich gegen einen EM-Boykott aus.

Foto: DAPD

Eine mögliche Klage gegen den Umgang der ukrainischen Regierung mit Oppositionspolitikern hat für Außenminister Guido Westerwelle (FDP) keine Priorität. „Für mich ist jetzt das Wichtigste, dass wir eine Lösung für eine angemessene medizinische Behandlung von Frau Timoschenko finden“, sagte Westerwelle der Berliner Morgenpost. Der frühere Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier äußerte in dieser Zeitung jedoch sein Unverständnis, dass Deutschland die Ukraine nicht vor einem internationalen Gericht verklagt.

Westerwelle sagte dagegen, medizinische Hilfe für die inhaftierte Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko und die Situation anderer Gefangener mit gesundheitlichen Problemen sollten Priorität haben. „Alle weiteren Fragen stellen sich danach und sollten sorgfältig abgewogen werden.“

Papier hatte den Umgang der deutschen Politik mit dem Fall Timoschenko scharf verurteilt: „Deutschland könnte vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg die Ukraine verklagen. Dieser Weg wird wahrscheinlich deshalb nicht beschritten, weil er nicht als medienwirksam genug angesehen wird“, sagte Papier. „Stattdessen werden auch von deutschen Politikern abwegige Forderungen nach einem Boykott der Fußball-Europameisterschaft erhoben.“

Die Ukraine sieht sich im Fall Timoschenko zu Unrecht an den Pranger gestellt. Man dürfe nicht alles glauben, was die inhaftierte Oppositionsführerin von sich gebe, erklärte Regierungschef Nikolai Asarow auf seiner Facebook-Seite. „Jede Information, vor allem wenn es um aufsehenerregende Politik geht, sollte maximal geprüft werden mit verschiedenen Mitteln.“ Schläge oder Gewalt gegen Timoschenko habe es nicht gegeben.

Für die Bundesregierung geht es aber nicht allein um die Behandlung der früheren Regierungschefin. Vielmehr erwarte man von der Ukraine im Umgang mit Oppositionellen generell die Beachtung der Menschenrechte, sagte Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) der „Bild am Sonntag“.

Die Boykott-Drohungen gegen die teilweise in dem Land ausgetragene Fußball-Europameisterschaft begrüßte der für den Sport zuständige Innenminister ausdrücklich: „Die ukrainische Führung weiß, Europa schaut auf sie, und insofern ist die aktuelle Debatte im Sinne unseres Anliegens durchaus hilfreich.“ Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen ermahnte die Ukraine in der „Bild“-Zeitung, die Einhaltung der Menschenrechte zu gewährleisten.

Vitali Klitschko gegen Boykott

Der Box-Weltmeister und ukrainische Oppositionspolitiker Vitali Klitschko forderte die westlichen Politiker auf, Appelle zum Boykott der EM nicht zu befolgen und stattdessen in die Stadien zu kommen. „Ihr Missfallen an der Verletzung der Menschenrechte“ könnten sie dann an Ort und Stelle „direkt gegenüber den ukrainischen Machthabern äußern“, sagte er dem „Focus“. So werde die Weltöffentlichkeit auf die Missstände im Land aufmerksam. Timoschenko, erbitterte Gegnerin von Präsident Viktor Janukowitsch, war im vergangenen Jahr in einem international umstrittenen Prozess wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Kritiker sprachen von Rachejustiz.

Gegen einen Boykott der Fußball-EM wandte sich auch der Chef der SPD-Fraktion, Frank-Walter Steinmeier. Er sagte der WAZ-Mediengruppe: „Die sportlichen Wettbewerbe sollten nicht in den Dienst der Politik gestellt werden.“ Die Europameisterschaft sollte wie geplant in der Ukraine stattfinden. Damit würde auch den deutschen Spielern die Möglichkeit gegeben werden, „offen die Meinung zu sagen“. Er bleibe aber dabei, dass es einen Besuch hochrangiger Politiker in der Ukraine nur geben könne, wenn die Möglichkeit bestehe, mit Timoschenko zu sprechen.

Philipp Lahm kritisiert Ukraine

Auch ein Fußballspieler äußerte sich zum Fall Timoschenko: Philipp Lahm kritisierte die Regierung der Ukraine. „Meine Ansichten zu demokratischen Grundrechten, zu Menschenrechten, zu Fragen wie persönlicher Freiheit oder Pressefreiheit finde ich in der derzeitigen politischen Situation in der Ukraine nicht wieder“, sagte der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in einem Interview mit dem „Spiegel“. Wenn er sehe, wie das Regime Timoschenko behandele, „dann hat das nichts mit meinen Vorstellungen von Demokratie zu tun“, sagte Lahm.

Der Profi vom Rekordmeister FC Bayern München forderte die Europäische Fußball-Union Uefa und deren Präsidenten Michel Platini auf, sich deutlich zur Frage der Menschenrechte in der Ukraine zu äußern. „Ich glaube, dass er Position beziehen sollte“, meinte der Abwehrspieler. Ob Lahm im Falle einer Finalteilnahme bei der Siegerehrung dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch die Hand reichen würde, hält der Kapitän der DFB-Auswahl sich offen. „Das müsste ich mir dann ernsthaft überlegen“, sagte Lahm. „So viel ich weiß, machen die Siegerehrung in Kiew aber nur Uefa-Leute.“