Oppositionsführerin

Julia Timoschenko wartet auf Arzt aus Berlin

Auch wenn im Konflikt um Timoschenko eine vorläufige Lösung gefunden worden ist, geht der Hungerstreik der Ex-Ministerpräsidentin weiter.

Der Macht-Poker um Julia Timoschenko geht in die nächste Runde. Zwar stimmte die in der Haft schwer erkrankte frühere ukrainische Ministerpräsidentin einer Behandlung im staatlichen Eisenbahnerkrankenhaus Charkiw vorläufig zu, wie am Freitag bekannt wurde. Doch der Hungerstreik der Oppositionsführerin geht weiter.

Der Chef der Berliner-Charité, Professor Karl Max Einhäupl, war zusammen mit Vertretern des Bundeskanzleramtes zum vierten Mal innerhalb von drei Monaten in die Ostukraine gereist. In einem Gespräch mit der vor rund zwei Wochen in den Hungerstreik getretenen Timoschenko sei vereinbart worden, dass am kommenden Dienstag ein Kollege Einhäupls aus der Charité mit einem Team zur Behandlung der Ex-Regierungschefin nach Charkiw kommen wird. Seine Patientin habe den Hungerstreik nicht beendet. „Bitte haben Sie Verständnis, dass ich keine weiteren Details dazu mitteilen kann. Wir möchten nichts kaputt machen“, sagte Einhäupl der dapd.

Die Einigung sieht vor, mit der Behandlung der 51-Jährigen in Charkiw zu beginnen. Gemeinsam mit ukrainischen Ärzten soll der Charité-Spezialist die seit Oktober 2011 erkrankte Politikerin therapieren. Einhäupl wird den Verlauf weiter begleiten. Wie lange die Behandlung Timoschenkos genau dauern wird, ist derzeit unklar. Als Minimum gelten zwei Monate.

Offenbar steht Timoschenko der jetzigen Lösung noch skeptisch gegenüber. Ihre Tochter Jewgenija sagte der dapd: „Meine Mutter möchte, dass der Charité-Arzt sie behandelt, vor allem auch bei sensiblen Dingen wie der Medikamentengabe, dem Verabreichen von Spritzen und bei körperlichen Untersuchungen. Zu den Medizinern des ukrainischen Gesundheitsministeriums hat sie kein Vertrauen.“

Tochter kritisiert Äußerung von Ministerpräsident

Die Tochter befürchtet, die ukrainische Behörden könnten den Krankenhausaufenthalt ihrer Mutter ausschließlich dazu nutzen, um ihre Verhandlungsfähigkeit wieder herzustellen. „Ich habe Angst, sie wollen meine Mutter einfach fit spritzen, damit sie ab dem 21. Mai wieder vor Gericht erscheinen kann“, sagte Jewgenija Timoschenko.

Die Tochter kritisierte die Äußerungen von Ministerpräsident Nikolai Asarow. Er hatte von seiner Pressestelle gestern über seine Facebook-Seite verlautbaren lassen, die internationale Gemeinschaft sollte die von Timoschenko aufgestellten Behauptungen nicht ungeprüft übernehmen. „Auf der einen Seite lassen Sie internationale Ärzte zu meiner Mutter, auf der anderen Seite wird die Situation so dargestellt, als ob wir Unwahrheiten verbreiten“, sagte Jewgenija Timoschenko.

Die Situation in der Ukraine ist kompliziert. Die Regierung des Landes wurde von den Boykottdrohungen zur Fußballeuropameisterschaft EURO 2012 und der internationalen Kritik beim Umgang mit der inhaftierten Timoschenko offenbar völlig unerwartet getroffen. In der vergangenen Woche hatten zahlreiche europäische Spitzenpolitiker eine Konferenz auf der ukrainischen Halbinsel Krim abgesagt, unter anderem Bundespräsident Joachim Gauck. Zudem hagelte es massenweise Absagen von politischer und gesellschaftlicher Prominenz für die Spiele der EURO 2012. So hatte die gesamte EU-Kommission angekündigt, nicht in die Ukraine zu reisen, solange Timoschenko weiterhin ohne medizinische Versorgung bleibt.