Ministergattin

Martina de Maizière tritt in die Öffentlichkeit

Martina de Maizière, Frau des Verteidigungsministers, war bislang nur wenigen bekannt. Jetzt tritt sie aus dem Schatten ihres Ehemanns heraus.

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Da sei „diese ungeheure Traurigkeit in den Augen der Angehörigen“ gewesen, die den Sohn, den Bruder, den Freund in Afghanistan verloren hatten. Martina de Maizière nahm das sehr mit, als sie ihren Mann zu den Trauerfeiern für gefallene Soldaten begleitete, erst Anfang Juni in Hannover, dann eine Woche später in ihrer Heimatstadt Detmold.

Thomas de Maizière (CDU) war damals seit gerade drei Monaten Bundesverteidigungsminister und damit oberster Chef von 200.000 Soldaten; einen von ihnen beerdigen musste er bis dahin nicht.

"Das ist eine große Verantwortung"

„Mein Mann ist mehr als ein Fachminister“, sagt Martina de Maizière. Er sei der IBuK, der Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt für Tausende Männer und Frauen, die per Bundestagsbeschluss in gefährliche Einsätze geschickt werden.

„Das ist eine große Verantwortung, und ich finde es wichtig, das auch zu zeigen.“ Dabei wolle sie ihm nun zur Seite stehen, indem sie sich ehrenamtlich engagiere. „Ich möchte den Scheinwerfer in der Öffentlichkeit mehr auf die Soldaten und ihre Familien lenken“, sagt die 56-jährige Diplomsozialpädagogin.

„Die Bundeswehr gehört zu uns, das ist kein Fremdkörper, den wir nach Afghanistan schicken und der anschließend einfach wieder hinter den hohen Kasernenmauern verschwindet.“

Forschungsabteilung für psychisch kranke Soldaten

In welcher Form sie sich überhaupt engagieren kann und wird, will die Frau des Ministers in den nächsten Wochen erst noch genauer herausfinden. Mit ihrer „Lagefeststellung“ hat sie in dieser Woche am Bundeswehrkrankenhaus Berlin begonnen, wo vor zwei Jahren offiziell das Traumazentrum eröffnet wurde, mit einer eigenen Forschungsabteilung und 30 Betten für psychisch kranke Soldaten.

Mit dieser Einrichtung reagierte das Bundesverteidigungsministerium auf die seit 2006 steigenden Zahlen von Soldaten, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden. Einer Studie zufolge sind es etwa zwei Prozent aller deutschen Soldaten, die in Afghanistan stationiert waren.

PTBS ist mittlerweile ein halbwegs bekanntes Kürzel, aber längst nicht die einzige Krankheit, die Soldaten nach einem Einsatz bekommen können. „Etwa jeder Vierte leidet an anderen psychischen Folgen wie Alkoholsucht oder Persönlichkeitsstörungen“, erklärt Oberstarzt Peter Zimmermann, der Leiter des Traumazentrums, beim Besuch der Ministergattin. Martina de Maizière nickt.

Eigene sozialpädagogische Praxis in Dresden

Sie sei schon „ein bisschen in dem Thema zu Hause“. Das zeigt sich schon daran, dass sie in ihren Fragen ganz selbstverständlich Fachwörter benutzt wie Resilienz für die Widerstandsfähigkeit gegen psychische Erkrankungen oder triggern für das Auslösen von traumatischen Erinnerungen.

Als Supervisorin und Coach betreibt die Frau des CDU-Politikers ihre eigene sozialpädagogische Praxis in Dresden und arbeitet beispielsweise mit dem Traumanetz Sachsen zusammen.

„Ich bin aber in keiner Weise therapeutisch ausgebildet“, betont die 56-Jährige. Als Therapeutin wolle sie auch nicht tätig werden, vielmehr als Zuhörerin, als Multiplikatorin, als Botschafterin für ein lange vernachlässigtes Thema. Deshalb fängt sie nun an, Fragen zu stellen:

Wie werden die Soldaten auf die Auslandseinsätze vorbereitet? Wie überprüft man ihre psychische Stabilität? Wer kümmert sich um die Angehörigen zu Hause? Bei der Betreuung von Familien ist die Bundeswehr allerdings sehr auf andere Träger angewiesen, auf das Sozialwerk etwa oder die Militärseelsorger.

Eine kleine gelbe Schleife als Zeichen der Solidarität

In den vergangenen zehn Jahren sind mehr als 110.000 deutsche Soldaten im Afghanistan-Einsatz gewesen. 52 Kameraden starben dort, mehr als 300 kehrten mit körperlichen Wunden zurück, mehr als 2000 mit seelischen Problemen. Sie staune immer wieder, wie wenige Menschen darüber genauer Bescheid wüssten, sagt Martina de Maizière.

Oder über die Parlamentsarmee an sich, über die Folgen der Einsätze, über die Nebenerscheinungen für Hunderttausende Angehörige. Selbst im Freundeskreis sei das so – „obwohl dort schon mehr Fragen gestellt würden, seit mein Mann Verteidigungsminister ist“.

Martina de Maizière trägt, seit ihr Mann in diesem Amt ist, häufiger eine kleine gelbe Schleife am Revers, als erstes sichtbares Zeichen für ihre Solidarität mit Soldaten. Ihr Mann trage meist eine andere Anstecknadel, sagt sie, die mit dem Spruch: „Wir. Dienen. Deutschland.“

Neuen Nachwuchs gewinnen

Damit will der Verteidigungsminister Nachwuchs für seine von der Wehrpflicht befreite Bundeswehr gewinnen. Junge Leute sollten es als Ehre empfinden, in den Streitkräften zu arbeiten, so wünscht er es sich. Andererseits sollten sich diese Frauen und Männer auch darauf verlassen können, dass man sich um sie kümmert, wenn bei diesem Dienst fürs Vaterland Schreckliches passiert.

„Tod und Töten, Verwundung und Versehrtheit gehören zur Einsatzrealität“, heißt es dazu in einer neuen Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, die sich auf Gespräche mit Soldaten in Afghanistan stützt. Militärisch-handwerkliche Fähigkeiten allein reichten nicht mehr aus, heißt es in der Studie „Generation Einsatz“.

Vielmehr würden Soldaten heute „enorme soziale, intellektuelle und psychische Leistungen“ abverlangt. Diese neue Einsatzrealität verlangt auch dem obersten Dienstherren künftig mehr ab, mehr Fürsorge.

"Das war meine eigene Idee"

Nun war es nicht etwa so, dass Thomas de Maizière seine Frau am Abendbrottisch angesprochen hätte: „Du, es gibt da noch eine große Baustelle“ oder „Ich brauch da mal ein bisschen Unterstützung“. „Das war meine eigene Idee“, betont Martina de Maizière.

„Ich bin schließlich auch die Schwiegertochter einer Frau, die jahrelang erlebt hat, was es bedeutet, mit einem Kommandeur verheiratet zu sein.“ Der Vater ihres Mannes, Ulrich de Maizière, war von 1966 bis 1972 der vierte Generalinspekteur der Bundeswehr.

Dessen Frau Eva, ihre Schwiegermutter, habe sich damals auch sehr für die Familien von Soldaten engagiert, erzählt Martina de Maizière. „Mir wurde dieses Thema quasi eingeimpft.“

"Ich möchte verstehen, wie ein Arbeitssystem funktioniert"

Bereits im Februar wird sie ihre „Bestandsaufnahme“ fortsetzen: Sie begleitet ihren Mann auf dessen Dienstreise in die USA und sieht sich dort – jenseits vom offiziellen Programm – zum Beispiel das Walter Reed National Military Medical Center an, das bekannteste Militärkrankenhaus des Landes, in dem die US-Streitkräfte ihre Einsatzverwundeten behandeln.

In den nächsten Wochen will sie dann die „Szene“ kennenlernen, all die unterschiedlichen Organisationen und Vereine, die sich um versehrte Soldaten und deren Familien kümmern.

„Ich möchte verstehen, wie ein Arbeitssystem funktioniert, wie die Einzelnen miteinander wirken, welche Kultur des Miteinanders es gibt“, erklärt Martina de Maizière auf ihrer Internetseite . Sie wolle das System von außen betrachten und so eine andere Perspektive bekommen als diejenigen, die mittendrin stecken. Beim „System Bundeswehr“ kann sie ihrem Mann damit vermutlich auch helfen.