Bundeswehr

Die seelischen Wunden der deutschen Soldaten

Die Zahl der Soldaten, die traumatisiert aus dem Einsatz zurückkehren, steigt. Für ein Gesetz zur besseren Versorgung Verwundeter zeichnet sich eine Bundestags-Mehrheit ab.

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Die Zahl der Soldaten, die nach einem Auslandseinsatz psychisch erkranken, läuft auf einen neuen Höchststand zu: Allein in diesem Jahr haben sich bis September 715 Männer und Frauen wegen einer einsatzbedingten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) in Einrichtungen der Bundeswehr behandeln lassen.

Im gesamten Jahr 2010 waren es 729 Fälle, allein 557 bedingt durch einen Einsatz in Afghanistan. Je härter die Gefechte der Isaf-Truppen dort geworden sind, desto mehr deutsche Soldaten haben auch seelische Folgen davongetragen. Das sagen Ärzte, und das beweist die Statistik: Die Zahl der PTBS-Fälle ist seit 2006 ständig gestiegen, von 55 auf 587 bis Ende September 2011. Im gleichen Zeitraum haben auch andere psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout zugenommen.

Verteidigungsauschuss will Job-Sicherheit für verletzte Soldaten

Die Abgeordneten des Deutschen Bundestags, der die Soldaten in Einsätze befiehlt, sehen darin eine besondere gesellschaftliche Verpflichtung und wollen diese nun auch in einem neuen Gesetz ausdrücken. Soldaten, die seit dem 1.Juli 1992 bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr verwundet worden sind, sollen künftig bessere Möglichkeiten der Weiterbeschäftigung erhalten .

Nach dem einstimmigen Beschluss des Verteidigungsausschusses, für den sich eine breite parlamentarische Mehrheit abzeichnet, sollen künftig Betroffene nach einer fünfjährigen Schutzzeit automatisch Berufssoldaten werden, also ein Recht auf einen lebenslangen Job bekommen, wenn ein Arzt ihnen eine 30-prozentige Minderung der Erwerbstätigkeit attestiert.

Bisher liegt dieser sogenannte Grad der Schädigung bei 50 Prozent. An dieser Hürde scheitern besonders oft seelisch kranke Soldaten. Und körperlich Verwundete müssen – überspitzt ausgedrückt – einen Arm oder ein Bein verloren haben, um mit 50 Prozent eingestuft zu werden.

Soldaten fühlen sich "wie geschärfte Munition"

Trotzdem wollte die Bundesregierung diese Hürde im neuen Einsatzversorgungsverbesserungsgesetz zunächst so hoch belassen. Obwohl der Bundestag bereits vor über einem Jahr gefordert hatte, sie auf 30 Prozent zu senken. Auf diesem Wert bestehen die Fraktionen von Union und FDP, und damit haben sie sich nun auch bei den übrigen Parteien und Fachpolitikern durchgesetzt.

Das verkündeten die Verteidigungsexperten Elke Hoff (FDP) und Ernst-Reinhard Beck (CDU) am Donnerstag. „Wir mussten wirklich dicke Bretter bohren“, sagte Hoff. So fühlten sich beispielsweise die Innenpolitiker immer auch für Polizisten verantwortlich, die ebenfalls in Auslandseinsätze gingen.

Letztlich sei es aber gelungen, klarzumachen, dass der Soldatenberuf ein Alleinstellungsmerkmal habe. Durch die langwierigen Folgen von Verwundungen entstünden bei den Betroffenen oft existenzielle Ängste, die zu Suizid oder zum Amoklauf führen könnten. „Mir erzählen Soldaten oft, dass sie sich wie geschärfte Munition fühlten“, berichtete Hoff. „So etwas müssen wir ernst nehmen.“

"Irrgarten an Zuständigkeiten" soll ein Ende haben

Zu Frust führt außerdem, dass die Betroffenen im Schnitt 15 bis 18 Monate darauf warten müssten, bis ihre Verwundungen überhaupt als Wehrdienstbeschädigung anerkannt werden; was Voraussetzung für die Leistungen nach dem Versorgungsgesetz ist. „Wenn wir nun das Verteidigungsministerium umbauen, müssen wir schnelle Betreuung aus einer Hand gewährleisten“, betonte der CDU-Politiker Beck.

„Wir dürfen die Betroffenen nicht weiter durch einen Irrgarten an Zuständigkeiten schicken.“ Nach dem Kampf in Afghanistan dürfe nicht ein zweiter Kampf gegen deutsche Behörden nötig sein, sagte auch Elke Hoff. „Der Geist dieses Gesetzes muss auch in der Verwaltung ankommen.“

Billigt der Bundesrat letztlich das Einsatzversorgungs-Verbesserungsgesetz mit den vorgeschlagenen Änderungen, käme noch eine weitere Erleichterung auf den Weg, die gerade traumatisierte Soldaten freuen dürfte. Diesen möchte man das bisherige Verfahren erleichtern, in dem sie selbst nachweisen müssen, dass eine seelische Schädigung aus einem Auslandseinsatz her rührt.

Kriterienkatalog von Verteidigungs- und Gesundheitsministerium

Dazu solle das Verteidigungsministerium gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium einen Katalog mit bestimmten Kriterien entwickeln, anhand derer klar wird, dass Soldaten, die an einem „bewaffneten Konflikt“ teilnehmen, besonders anfällig sind für psychische Folgen.

Das soll auch die Begutachtung von PTBS-Fällen überhaupt erleichtern. Bisher muss die Bundeswehr aus Mangel an eigenem Personal oft auf zivile Gutachter zurückgreifen, die sich meistens schwer vorstellen können, wie es ist, einen Menschen zu töten oder sterben zu sehen.

Am Freitag, 28. Oktober, soll der Bundestag abschließend über das Gesetz beraten, von dem derzeit rund 250 körperlich und mehr als 2000 psychisch kranke Soldaten profitieren würden. Anschließend entscheidet der Bundesrat darüber. Zum 1. Januar soll das Gesetz in Kraft treten.

Höhere Entschädigung für schwer verletzte Soldaten

Das Regelwerk sieht außerdem vor, dass Soldaten, deren Erwerbsfähigkeit um mindestens 50 Prozent gemindert ist, künftig eine höhere einmalige Entschädigungszahlung bekommen, die Summe soll von bisher 80.000 auf 150.000 Euro steigen. Das neue Gesetz bezieht außerdem Angehörige mit ein.

Hinterbliebene von Zeitsoldaten sollen bald die gleichen Ansprüche haben wie die von Berufssoldaten, die derzeit noch besser gestellt sind. Schließlich enthält der Gesetzentwurf auch einen neuen Stichtag: Bisher fielen nur Soldaten, die seit dem 1. Dezember 2002, dem Start des deutschen Afghanistan-Engagements, einen Einsatzunfall erlitten, unter das Versorgungsgesetz.

Dieses Datum wird auf den 1. Juli 1992 zurückgesetzt, damit umfasst das neue Gesetz auch den ersten Auslandseinsatz der Bundeswehr in Kambodscha.

Psychotraumazentrum am Bundeswehrkrankenhaus Berlin

Dass sich die Bundeswehr angesichts der steigenden Verwundeten-Zahlen auch verstärkt um das Thema bemüht, zeigt unter anderem die Einrichtung eines Psychotraumazentrums am Bundeswehrkrankenhaus Berlin vor rund anderthalb Jahren. Dieses Zentrum hat die Aufgabe, die Früherkennung von psychischen Erkrankungen weiterzuentwickeln, die Prävention voranzutreiben und die Behandlung der Soldaten zu verbessern.

„Wir merken beinahe tagtäglich, dass man uns und unserer Arbeit hier vertraut und Vertrauen ist ein wesentliches Element dafür, dass die Hemmschwelle bei den Betroffenen sinkt, sich in professionelle Behandlung zu begeben“, sagt Jens Kowalski, „Natürlich spiegeln sich aber in den steigenden Fallzahlen vor allem die vergangenen, teils schweren Gefechte in Afghanistan wider.“

Da in dem Militäreinsatz allerdings nicht alle Soldaten den gleichen Gefahren ausgesetzt sind, wollen die Forscher am Psychotraumazentrum sich jetzt verstärkt mit individualisierten Therapien beschäftigen. Beispielsweise ist ein Sanitäter in Afghanistan unmittelbar mit Tod und Verwundung konfrontiert, während der Kampfmittelbeseitiger stets die Gefahr einer Explosion fürchten muss.

„Die Berücksichtigung dieser Aspekte ist ein Schlüsselfaktor zur erfolgreichen Behandlung und auch zur Prävention von einsatzbedingten psychischen Belastungen“, sagt Kowalski. Vom 5. bis 8. Dezember richtet das Psychotraumazentrum dazu eine internationale Konferenz aus. Eingeladen sind zivile und militärische Wissenschaftler, Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter aber auch Seelsorger, militärisches Führungspersonal und andere Interessierte.