"Zeit"-Chef di Lorenzo

Guttenberg in einer Linie mit Honecker und Ceausescu

Viele "Zeit"-Leser kritisierten das Guttenberg-Interview als PR-Aktion für den Freiherrn. Der Chefredakteur wehrt sich: Tabus nur für Verbrecher und Terroristen.

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Es war ein journalistischer Coup erster Güte, keine Frage. Aber zu welchem Preis? "Zeit"-Chefredakteur "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo muss sich nach dem Interview-Buch mit Karl-Theodor zu Guttenberg Fragen nach seiner journalistischen Unabhängigkeit gefallen lassen. Nach monatelangem Schweigen hatte Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit di Lorenzo Rede und Antwort gestanden.

"Vorerst gescheitert", so der Buchtitel, gemeint ist der Freiherr. Nun scheint di Lorenzo dieser Titel auch persönlich einzuholen, dass meinen jedenfalls viele "Zeit"-Leser. Denn die Zeitung zum Buch gab's obendrauf. Eine PR-Aktion für den abgedankten Freiherrn sei das, mutmaßen viele. Denn die "Zeit" veröffentlichte Interview-Ausschnitte in ihrer Druckausgabe als Front-Aufmacher und Portal für eine wuchtige Vier-Seiten-Strecke.

Leser rebellieren gegen die "Zeit"

In Hunderten von Kommentaren hagelte es dafür Kritik auf der Website der "Zeit". Tenor: Warum diese Werbeaktion für einen Abschreiber? Wo bleibt die journalistische Distanz des Fragestellers? Und überhaupt: Warum dieses Interview? Und es hagelte Abo-Kündigungen.

Nachdem Lorenzo bereits im Web-Auftritt der "Zeit" den Proteststurm zu dämpfen versucht hatte, erklärt er sich jetzt in einem dreiseitigen "Spiegel"-Interview zu Sache und Person, vor allem seiner eigenen. Seine Botschaft in Kurzform: Kritik an seinem Interview-Coup mute ihn teilweise "scheinheilig" an, das Buchhonorar könnte er ja spenden, und mit Honecker und Ceausescu habe die "Zeit" schließlich auch große Interviewstrecken hingelegt. Ebenfalls zum Missfallen der Leser.

Was er über Guttenberg nun aber alles in allem denke, will er nicht mehr sagen. Das war früher anders. Mitten in der Plagiatsaffäre hatte es di Lorenzo noch schade gefunden, wenn das "Talent" Guttenberg zurücktreten müsse.

Die journalistische Unabhängigkeit steht in Frage

Dass ihm seine journalistischen Unabhängigkeit abhanden gekommen sei – ein viel geäußerter Vorwurf –, bestreitet di Lorenzo im "Spiegel"-Interview. Er habe "gegenüber der Figur Guttenberg eine große Unabhängigkeit", sagt er. Im Übrigen habe die "Zeit" Guttenberg "nie hoch- oder runtergeschrieben" oder ihn auf dem Titel präsentiert wie etwa der "Spiegel".

Bemerkenswertes erfährt man auch zu den Entstehungsbedingungen von di Lorenzos Guttenberg-Buch. Auf die Frage, wo der "enorme Druck" hergekommen sei, das Buch auf den Markt zu bringen, nennt der "Zeit"-Chefredakteur den interviewten Guttenberg als Antreiber. Einen Zeitplan im Zusammenhang mit Comeback-Plänen des Freiherrn und der Einstellung des strafrechtlichen Plagiatverfahrens will di Lorenzo aber nicht erkennen.

Für das Interview "bis nach England geschwommen"

"Für eine Inszenierung eignet es (das Buch, d. Red.) sich nicht", stellt di Lorenzo fest. Für ihn sei das Buch "Mittel zum Zweck" gewesen, ein Exklusiv-Interview für seine Zeitung an Land zu ziehen, "für das – seien wir mal ehrlich – andere Kollegen durch den Ärmelkanal bis nach England geschwommen wären".

Nachdenklich macht der Proteststurm seiner Leser di Lorenzo aber schon. "Ich würde künftig, nach dieser Erfahrung, grundsätzlich überlegen, ob die Konstruktion so einer Kooperation sinnvoll ist", sagt er. Auf die Frage, ob er das Buch noch einmal machen würde steht der "Zeit"-Chefredakteur im Sturme fest: "Ich selbst freue mich nie, wenn Leser sich ärgern, aber in der Sache finde ich nach wie vor, dass es ein gutes, weil aufklärerisches Interview ist."

Ebenso wild entschlossen bei der freien Wahl seiner journalistischen Gesprächspartner hatte sich di Lorenzo auch schon in seiner Rechtfertigung bei "Zeit Online" gezeigt. "Einzig Verbrechern und Extremisten, die ihre Propaganda verbreiten wollten, wird keine vernünftige Zeitung ein Forum bieten. Guttenberg ist weder das eine noch das andere", schreibt er dort zur Besänftigung seiner aufgebrachten Leser.

Das Problem von di Lorenzos der Aufklärung verpflichteten Guttenberg-Interview ist aber ganz offenbar, dass wohl kaum ein "Zeit"-Leser erkennen kann, was der Freiherr denn stattdessen sein soll.