Late Night

Guttenbergs Tribunal und Boettichers Beichtstunde

Ein Abend der gestrauchelten Politiker: Maybrit Illners Talkrunde zerlegt Guttenberg, Markus Lanz will von Boetticher wissen, was ihn zur Facebook-Liebesaffäre trieb.

Es ist der Abend der grandios Gestrauchelten 2011. Eine Art ZDF-Jahresrückblick aus dem Abgrund. Erst Karl-Theodor zu Guttenberg bei Maybrit Illner, dann Christian von Boetticher bei Markus Lanz. Hoffnungsträger. Höhenflieger. Tiefgestürzte. Kopfhochhalter. Bloß-nicht-unterkriegen-Lasser. Buch schreiben. Talkshow gehn. Da wird aus Liebe Neugier. SPD und CSU verbünden sich. Und einer hat doch schon wieder geschwindelt.

Guttenberg, das ist ein Unterschied, muss nicht mehr persönlich erscheinen, damit man über ihn redet. Weshalb die Frage aller Fragen an diesem Fernsehabend nur Boetticher beantworten kann. Warum drängt es einen – gerade geteert, gefedert – jetzt schon wieder ins Rampenlicht? Verhauen und immer noch ein wenig verbeult. Warum tut man sich das an?

Die Antwort kommt ein bisschen umständlich und vernuschelt, aber unterm Strich will Boetticher sagen, dass er gerne möchte, dass sich die Menschen selbst ein Bild von ihm machen. Und nicht das glauben, was über einen in der Zeitung steht und was immer, ganz zwangsläufig, nicht alle Wahrheit ist.

Da will man doch, wenn ohnehin schon alles Schlechte am Licht ist, nun aber bitte auch die guten Seiten zeigen. Hey, wir leben noch! Es gibt ein Leben nach dem Amt! Und außerdem, sagt von Boetticher, seien drei Monate, in denen man sich nicht öffentlich äußere, doch eine ziemlich lange Zeit.

Einspruch. Das sieht das Guttenberg-Tribunal, zu dem sich Maybrit Illners Sendung nach kurzer Aufwärmrunde entwickelt hat, nun aber ganz anders. Demut ist stumm, sie spricht auch nicht mit dem „Zeit“-Chefredakteur. Und außerdem schämt man sich länger als drei Monate, auch länger als neun wie Guttenberg.

Guttenberg – eine Art "Lothar Matthäus der Politik"

Zwei Jahre zum Beispiel, das sei ja schon was. Wie immer in diesen Tagen wird dann der Grüne Cem Özdemir, der mal ein paar Bonus-Meilen verballert hat, als Positivbeispiel für angemessen langes Füßestillhalten vorgezeigt. Alle nicken.

Sogar Adelsfachfrau Alexandra von Rehlingen, die eigentlichen den Guttenbergs zur Seite stehen sollte an diesem Abend, dieser Rolle aber nicht wirklich gerecht wird.

Auch Wilfried Scharnagl, mit allen Affärenwassern gewaschener Weggefährte von Franz-Josef Strauß, guckt zwar immer sehr skeptisch, kapituliert angesichts diverser vorgehaltener Anti-CSU-Zitate aus der Feder Guttenbergs aber sehr frühzeitig.

Er bildet stattdessen mit SPD-Mann Thomas Oppermann und Politik-Lästermaul Hajo Schumacher, der auch für Morgenpost Online schreibt, eine mediale Dreierkette, die sich fies-flapsig die Bälle gegenseitig in den Fuß spielt. Man ist sich sehr einig, dass:

1. Guttenberg nie wieder ein Buch herausgeben sollte.

2. Politisch weder genial noch gefährlich ist, sondern bestenfalls gaga und geschäftstüchtig. Eine Art Lothar Matthäus der Politik. Hat zwar mal richtig gut gespielt, ist aber nicht mehr ernst zu nehmen.

Insofern hat es also sein Gutes, wenn man noch persönlich in den Talkshows erscheint, wenn das eigene Leben verhandelt wird. Man hat dann zumindest die Chance, das Schlimmste zu verhindern. Klappt aber auch nicht immer.

Boettichers Neugierde im Chat und anschließendes Herzklopfen

Christian von Boetticher hatte jedenfalls ziemlich zu kämpfen mit Markus Lanz, der recht genau wissen wollte, wie das denn nun damals gewesen ist mit dessen 15 Jahre alter Facebook-Freundin. Vom Chat ins Bett. Was ihn denn da so getrieben habe? “Neugierde”, antwortet Boetticher, und dass das “Herz ein wenig stärker zu schlagen begonnen” habe anschließend.

Als Vorstufe jener “schlichten Liebe” vermutlich, die Boetticher bei seiner Rücktrittspressekonferenz als Verbandelungsgrund benannt hatte. Aber so weit kommt es an diesem Abend dann doch nicht mehr. Man will es eigentlich auch gar nicht so genau wissen.

Eher schon, ob es denn nun eigentlich jene berühmten “Mails” gegeben hat, die Boettichers einstiger Ziehvater Peter Harry Carstensen zu lesen bekommen habe im Zusammenhang mit Boettichers Affäre.

Geschichten und Geschichtchen, die sich das Liebespaar schrieb und in denen diverse Politiker nicht so gut weggekommen sein sollen. Carstensen, immerhin Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, streitet das strikt ab, Boetticher behauptete bei Lanz das Gegenteil. Einer muss da ja schwindeln. Oder etwas in den falschen Hals bekommen haben.

Vielleicht sollten die beiden die Dinge noch mal grundsätzlich klären. Spätestens vor der nächsten Talkshow.