Zerrissene Akten

Computer fügen ab 2012 das Stasi-Puzzle zusammen

Im Herbst 1989 liefen bei der Stasi die Reißwölfe heiß. So heiß, dass Stasi-Offiziere Akten sogar per Hand zerrissen. Bürgerrechtler konnten aber Tausende Säcke mit Schnipseln sicherstellen. Nun werden sie wieder zusammengefügt – per Computer.

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Nach jahrelanger Vorbereitung sollen zerrissene Stasi-Akten ab 2012 probeweise per Computer rekonstruiert werden. „Die Entwicklung steht kurz vor dem Abschluss - im nächsten Jahr soll die Testphase beginnen. Dann werden Papierschnipsel aus zunächst 400 Säcken richtig gepuzzelt“, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn.

„Wir hoffen auf neue Erkenntnisse über das Wirken der Stasi - gerade über die letzte Phase der DDR, in der sie noch versuchte, die friedliche Revolution zurückzudrängen“, sagte der frühere DDR-Oppositionelle. So seien bei dem Test Papiere von Schreibtischen der Hauptabteilung XX des Ministeriums für Staatssicherheit dabei, die für die politische Opposition zuständig war. Ausgewertet werden sollen auch Restbestände von 90 Säcken aus der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), verantwortlich für die Auslandsspionage der Stasi. Die HVA hatte einen Großteil ihrer Unterlagen beiseitegeschafft.

Im Herbst 1989 retteten Bürgerrechtler Tausende Säcke mit Unterlagen vor der endgültigen Vernichtung. Stasi-Offiziere zerrissen zum Schluss Akten per Hand, weil Reißwölfe heiß gelaufen waren. Derzeit setzen noch zwölf Mitarbeiter im bayerischen Zirndorf Stasi-Papiere per Hand zusammen. In 16 Jahren seien so rund eine Million Aktenblätter rekonstruiert worden. Mehr als 15 000 Säcke mit unerschlossenen Akten-Schnipseln warteten aber noch. „Wie es nach der Testphase weitergeht, wird der Bundestag entscheiden“, sagte Jahn.

Der Bund habe für 2011/2012 zusätzlich rund zwei Millionen Euro für das Projekt bereitgestellt, sagte der Bundesbeauftragte, der das Amt im März übernommen hatte. Rund sechs Millionen Euro hatte der Bund bereits 2007 genehmigt. Das Vorhaben hatte sich aber wegen technischer Komplikationen verzögert.

Geplanter Personalabbau voraussichtlich ausgesetzt

Jahn will die Behörde für die Stasi-Unterlagen mit derzeit etwa 1650 Mitarbeitern zum Dienstleister für die Gesellschaft ausbauen. „Es dauert noch zu lange, bis Antragsteller ihre persönlichen Akten einsehen können - ich bin nicht zufrieden mit den Wartezeiten“, sagte Jahn, der 1983 gegen seinen Willen aus der DDR abgeschoben worden war. Im Schnitt müsse man sich zwei Jahre gedulden, bis die Behörde die Papiere bereitstelle.

Jetzt würden Mitarbeiter innerhalb der Behörde umgesetzt. Auch der geplante Personalabbau solle voraussichtlich ausgesetzt werden, damit sich mehr Kräfte um die Anträge kümmern könnten, hob der 58-Jährige hervor. Seit Jahresbeginn seien rund 54 000 Anträge auf Akteneinsicht gestellt worden. 33 000 Anträge stammten von Menschen, die dies zum ersten Mal taten. „Viele sagen, sie hätten den Abstand gebraucht. Auch erwachsene Kinder wollen nun wissen, wie die Stasi in das Leben ihrer Familien eingegriffen hat“, sagte der Bundesbeauftragte.

Zum 21. Jahrestag der Deutschen Einheit bemerkte Jahn, „ich spüre, wie weit wir schon gekommen sind - junge Leute fragen nicht mehr Ost oder West“. Bei den Älteren gehe es um Respekt. „Es ist wichtig, uns gegenseitig zu informieren und uns Biografien zu erzählen.“ Es müsse aber immer wieder gefragt werden, wer für das Unrecht in der DDR verantwortlich war. „Es stellen sich noch zu wenige der Vergangenheit“, sagte Jahn.