Kursumlija

Südserbische Stadt ist fest in Frauenhand

Die Gemeinde Kursumlija ist die ärmste ganz Serbiens. Eine resolute Bürgermeisterin will die Region nun zur "serbischen Schweiz" machen.

Foto: Thomas Roser

Ausgeräumte Schaufenster und leere Fensterhöhlen zieren die trostlose Fabrikfassade an der Kosovo-Straße. Zu jugoslawischen Zeiten hätten in der Textilfabrik Konfekcija noch 500 Menschen gearbeitet – „heute niemand mehr“, berichtet der Spielwarenhändler Zoran.

Morgens stellt der ergraute Serbe seine Planschbecken und Plastikbälle vor dem Laden aus, abends holt er die unverkäufliche Ware wieder herein. „Die Jungen ziehen in die Großstädte, und die, die bleiben, haben keine Jobs – und kein Geld.“ Der Kosovokrieg, die Krise und „sehr schlechte Privatisierungen“ hätten der Stadt den Garaus gemacht, sagt Zoran. „Kursumlija ist eine tote Stadt.“

Das Rathaus von Kursumlija ist fest in Frauenhand

Große Holz-, Metall- und Textilkombinate, drei Heilbäder und der Handel mit dem nahen Kosovo hatten den früheren Eisenbahnknotenpunkt Kursumlija einst groß gemacht. 53.000 Einwohner zählte die Landgemeinde mit ihren 89 Dörfern noch Anfang der 60er-Jahre. Heute sind es gerade noch 19.000 Seelen, die Kommune liegt in allen serbischen Sozialstatistiken auf dem letzten Platz.

Ausgerechnet dort, im patriarchalisch geprägten Südserbien, wagen nun Frauen einen Neuanfang: Seit im Dezember die Chemie-Lehrerin Vesna Jakovljevic neue Bürgermeisterin wurde, ist das Rathaus von Kursumlija fest in Frauenhand.

Die Verwaltungsspitze ist mittlerweile zu 90 Prozent von Frauen besetzt. „Eher zufällig“ sei das Rathaus in weibliche Hände geraten, von einer „Strategie“ oder Quotenregel könne keine Rede sein, beteuert Jakovljevic. „Ausschlaggebend waren allein die fachlichen Qualitäten – und die Persönlichkeit.“

Ex-Bürgermeister wollte mit Hungerstreik Bleiben erzwingen

In ganz Serbien gebe es gerade mal elf Bürgermeisterinnen, erzählt die rothaarige Frau. Lange sei auch sie nur Beobachterin des traurigen Niedergangs ihrer Geburtsstadt gewesen. Doch vor den letzten Wahlen habe sie realisiert, dass es nun Zeit sei, „für die Stadt, in der ich lebe, selbst etwas zu tun“.

Auf der Liste der proeuropäischen Demokratischen Partei gelangte die zweifache Mutter in den Stadtrat. Ihr von einer rechten Koalition gestützter Vorgänger weigerte sich jedoch, für seine Nachfolgerin das Rathaus zu räumen, und ging sogar in einen Hungerstreik.

Erst als die Regierung in Belgrad intervenierte und zeitweilig die Konten der Kommune sperrte, endete die Besetzung. Die 47-Jährige bezog ihre Amtsräume mit dreimonatiger Verspätung. Männer würden in der Politik wohl etwas mehr „auf ihre persönlichen Interessen“ schauen, kommentiert Jakovljevic den damaligen Konflikt: „Frauen gehen da anders heran, haben mehr das Ganze im Blick – und stellen ihre persönlichen Bedürfnisse sicher nicht an erste Stelle.“

Hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Geburtenrate

Als „Serbiens Blinddarm“ bezeichnet die Bürgermeisterin mit Galgenhumor ihre abgelegene, direkt an den Kosovo grenzende Geburtsstadt. Es sei „sehr schwer, Gastgeberin in einem leeren Haus zu sein“, sagt Jakovljevic: „Die Stadt ist sehr arm – und ihre Probleme sind sehr groß.“

Die Arbeitslosenquote liegt bei 45 Prozent, der Durchschnittslohn beträgt umgerechnet 180 Euro. Nur 15 Prozent der Straßen sind asphaltiert. Wegen der Abwanderung ist die Geburtenrate auch dieses Jahr wieder um 20 Prozent gesunken.

Trotz ihrer klaren Luft und warmen Heilquellen erklärte die Tageszeitung „Blic“ die verarmte Landgemeinde im vergangenen Jahr gar zur Kommune mit den „schlechtesten Lebensbedingungen“ des Landes.

Frauen sind "hartnäckiger und verantwortungsvoller"

Zu jugoslawischen Zeiten hatte der Nationale Pensionsfonds noch Zehntausende von Patienten jährlich nach Kursumlija zur Kur geschickt. Doch gerade, als die Kommune vor fünf Jahren eine neue Zufahrtsstraße zu dem vor den Stadttoren gelegenen Bäderzentrum fertiggestellt hatte, stellten die Betreiber dessen Betrieb endgültig ein.

Heute wuchern Sträucher in den Becken und auf dem Dach des größten Heilbads der Stadt. „Wenn wir die Mineralbäder wiederbeleben könnten, würde das hier sehr viel bewegen“, sagt die Bürgermeisterin. „Aber als Kommune sind unsere Mittel begrenzt. Wir benötigen Hilfe von außen.“

Als „hartnäckiger und verantwortungsvoller“ preisen selbst männliche Verwaltungsangestellte ihre weibliche Führungsriege. In Belgrad hat die emsige Rathausmannschaft auch schon einige Zuschüsse für die Altenpflegestation, die neue Sporthalle und die Mülldeponie lockergemacht.

Die Kontakte der kommunalen Koalitionäre zu ihren Parteizentralen in Belgrad seien zwar „gut“, so Jakovljevic: Doch noch hätten sich diese nicht in „bedeutender Hilfe“ ausgezahlt.

Durch Kosovo-Abspaltung verloren Landwirte ihre Kunden

Zu schaffen machen der Kommune in Serbiens „Zonenrandgebiet“ auch politische Hindernisse. 105 Kilometer lang ist die gemeinsame Grenze des Kreises mit dem Kosovo. Schon der Kosovokrieg 1999 war für Kursumlija ein schwerer Schlag.

Seit sich die Ex-Provinz 2008 zum Ärger Belgrads unabhängig erklärte, ist der Handel der Stadt mit dem Kosovo gänzlich erlahmt – und die sogenannte administrative Linie zum größten Entwicklungshemmnis von Kursumlija geworden.

Die Stadt und die Landwirte des Kreises hätten ihre wichtigsten Absatzmärkte verloren, klagt die Bürgermeisterin: „Uns wäre daran gelegen, dass es zumindest auf lokalem Niveau wieder zu einer Normalisierung der Beziehungen zum Kosovo kommt.“

Aber trotz der trostlosen Perspektiven will sich die Hoffnungsträgerin von Kursumlija ihren Optimismus nicht nehmen lassen. Es gebe kaum eine schönere Ecke in Serbien, die so viel Entwicklungspotenzial habe. Eifrig schmiedet die energische Kommunalpolitikerin denn auch Pläne zum Ausbau des Öko-Tourismus und von kleineren Wasser- und Solarkraftwerken in der an Flüssen und Sonne reichen Gemeinde. Kursumlija könne zur „serbischen Schweiz“ werden.

"Viele wissen einfach nicht mehr, was sie tun sollen"

Eigentlich beherberge Kursumlija einen sehr fröhlichen und positiven Menschenschlag, sagt Jakovljevic. Doch die Leute gingen schon sehr lange durch sehr schwierige Zeiten: „Viele wissen einfach nicht mehr, was sie tun sollen.“

Als Frau falle es ihr leichter, sich in die Nöte ihrer Mitmenschen hineinzuversetzen. Ihre schwerste Aufgabe sei es aber, das Bewusstsein ihrer Mitbürger zu ändern – und ihnen zu etwas mehr Optimismus zu verhelfen: „Wir müssen schließlich gemeinsam alles versuchen, dass es hier besser – und endlich wieder gut wird.“

Den Spielwarenhändler Zoran hat die umtriebige Bürgermeisterin allerdings wohl schon verloren. „Die in der Verwaltung haben gut reden“, sagt er desillusioniert und winkt müde ab. „Als Beamte arbeiten sie beim Staat – und werden wenigstens noch bezahlt.“