Grüne

"Renate, du solltest nur bis 12 Uhr kämpfen"

Winfried Kretschmann hat Bilanz von 100 Tagen Grün-Rot in Baden-Württemberg gezogen. Mit dabei: Berlins Grüne Spitzenkandidatin Renate Künast. Autor Matthias Kamann fragt sich, ob das eine gute Entscheidung war.

Geplant ist es als Hilfe im Berliner Wahlkampf. Doch hinterher stellt sich die Frage, ob es der grünen Spitzenkandidatin Renate Künast nicht eher geschadet hat, dass sie gemeinsam mit ihrem Parteifreund Winfried Kretschmann in die Bundespresskonferenz gegangen ist, wo der baden-württembergische Ministerpräsident die 100-Tage-Bilanz seiner grün-roten Regierung zieht.

Besonders heftig stellt sich die Frage nach dem Schaden für Künast, als sie auf die sinkenden Umfragewerte der Berliner Grünen angesprochen wird. Entschlossen antwortet sie: "Wir werden bis 18 Uhr am 18. September kämpfen." Worauf Kretschmann sagt: "Renate, du solltest nur bis 12 Uhr am Wahltag kämpfen und dich danach auch mal ausruhen."

Mit Händen zu greifen ist da, was Künast von Kretschmann unterscheidet: Sie strahlt eine oft schroff wirkende Entschlossenheit aus, die ihr bislang in Berlin nicht allzu viele Sympathien einträgt, während Kretschmann Gelassenheit und väterliche Souveränität demonstriert: "Seriosität geht vor Geschwindigkeit" sagt er und fügt hinzu: "Ich bin sehr zufrieden."

Ob sie von Kretschmann etwas lernen könne, wird Künast dann gefragt. Doch sie antwortet: "Ich bin ich. Ich will gar nicht so werden wir er. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, wo ich immer kämpfen musste."

Der Unterschied zwischen Künast und Kretschmann, dessen Erfolg in Baden-Württemberg sie eigentlich in Berlin wiederholen will, zeigt sich auch in Umfragen. Kretschmanns Südwest-Grüne haben seit der Wahl am 27. März noch deutlich zugelegt und kommen nun laut Infratest Dimap auf 29 Prozent, während sie an den Urnen nur 24,1 Prozent erhielten. Hingegen gehen die Werte der Grünen in Berlin zurück. Mittlerweile liegen sie bei 22 Prozent gleichauf mit der CDU, während die SPD auf 31 Prozent enteilt ist.

Dass Künast ihre sinkenden Chancen trotz allen Kampfeswillens registriert, zeigt sich in der Bundespressekonferenz daran, dass sie ihren Anspruch aufs Rote Rathaus nicht mehr ausdrücklich formuliert: "Wir schicken uns in Berlin an, richtig loszulegen", sagt sie nur und betont neuerlich ihre inhaltlichen Schwerpunkte Bildung, Arbeitsplätze und Klimaschutz.

Was nach dem 18. September aus ihr persönlich werden soll, mag sie nicht sagen. Auch bei Koalitionsfragen bleibt einiges unklar. "Wir haben die inhaltlich größte Schnittmenge mit der CD..., mit der SPD", verhaspelt sich Künast.