Libyscher Bürgerkrieg

Gaddafis fünfte Kolonne terrorisiert Bengasi

Auch wenn Rebellen Bengasi kontrollieren, geben Gaddafis Schergen nicht klein bei. Auf den Straßen bangt die Bevölkerung um ihr Leben.

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Die Koalition aus mehrheitlich westlichen Staaten hat eine dritte Luftangriffswelle gegen Libyen geflogen. Die Kämpfe zwischen Rebellen und Gaddafi-Truppen gehen weiter.

Video: Reuters
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Nachts noch in Bengasi unterwegs zu sein habe sich als keine gute Idee erwiesen. "Wenn es hier dunkel wird, ist man nicht mehr sicher“, sagt Mohammed Kablan, ein 32-jähriger Zahnarzt. Er hatte sich freiwillig bei der Opposition gemeldet und unterstützt sie bei der Registrierung ausländischer Journalisten. "Jeder hier hat Angst. Nicht vor Gaddafi, sondern vor seinen Männern, die durch die Straßen ziehen und Leute abknallen und einschüchtern. Wenn Gaddafi einmal gestürzt ist, werden auch sie weg sein. Aber im Moment sind sie noch unter uns.“

Trotz gewaltiger militärischer Erfolge am Samstag, als Rebellen Gaddafis Truppen aus der Stadt vertrieben hatten, bleibt Bengasi eine Stadt mit Straßensperren, verbarrikadierten Geschäften und turmhohen Müllhaufen in den Gassen. Schlangen winden sich an Tankstellen, und wenn dann doch einmal ein Geschäft geöffnet hat, geben sich die Kunden einem wahren Kaufrausch hin. Seit Wochen funktionieren die Geldautomaten nicht richtig, Banken haben komplett dichtgemacht. Und Frauen sind aus dem Straßenbild ganz verschwunden.

Gewalt liegt in der Luft in Bengasi. Ständig sind Kampfgeräusche zu hören, und die Beteiligten weigern sich, Auskunft über die Hintergründe zu geben. Die meisten Männer tragen mindestens ein Messer bei sich, andere Pistolen und Kalaschnikows, an denen man die überzeugten Rebellen erkennt. Gewehrschüsse in der Nacht sind zur Regel geworden in Bengasi. Sonntagnacht artete ein Feuergefecht zu einem stundenlangen Duell in einer dunklen Hintergasse aus, bei dem Männer zwischen Autos hin und her rannten und Deckung suchten, während sie aufeinander schossen.

Ganz in der Nähe lösten Bomben helle Blitze aus und erschütterten den Grund. Das dumpfe Dröhnen von Flugabwehrgeschützen hallte in der schwach beleuchteten Gasse wider, die im Müll versank. Scheinbar wurde dabei niemand verletzt. Am Ende der Gasse, vor einem großen Hotel, entgingen ausländische Journalisten nur knapp einem Anschlag. Hugo Borga, ein italienischer Journalist, berichtet, er sei gemeinsam mit vier anderen Kollegen von einem Scharfschützen ins Visier genommen worden. Die Gruppe aus Journalisten war am Sonntagabend gegen zehn Uhr auf dem Weg zurück in ihr Hotel, ein bewaffneter Bodyguard begleitete sie. "Wir haben uns flach auf den Boden gelegt und darauf gewartet, dass es aufhört“, sagt Borga. "Auf uns wurde definitiv gezielt. Wir hatten den Eindruck, die Schüsse kamen aus einem leeren Schulhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite.“ Die Journalisten entkamen unversehrt.

Die Gewalt beschränkte sich am Sonntagabend nicht auf diesen Vorfall. "Gegen neun Uhr hielt ein Passat neben uns an und eröffnete das Feuer auf ein paar Männer, die gerade dabei waren, eine Straßensperre zu errichten“, erzählt ein libyscher Mann mit US-amerikanischem Pass, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Die beschossenen Männer feuerten zurück, woraufhin das Auto davonraste. "Ich habe keinerlei Auseinandersetzung zwischen den Männern gehört – es gab nur die Schüsse“, sagt der junge Mann, dessen Handy von Gaddafi-Schergen beschädigt wurde, nachdem er mit Pressevertretern gesprochen hatte.

Mitglieder der Opposition vermuten, dass Gaddafis loyale Truppen für die Einschüchterungsversuche und die Morde verantwortlich sind. Die sogenannte lejen thawrija, das Revolutionskomitee, firmiert unter vielen Namen. Einige nennen sie die Sicherheitspolizei, andere bezeichnen sie als die fünfte Kolonne. Khalid al-Sai’ih, bei den Oppositionsgruppen für militärische Fragen zuständig, sagte auf mehreren Pressekonferenzen, dass er diese fünfte Kolonne für die Morde am Al-Dschasira-Kameramann Ali al-Jaber vor zwei Wochen und am libyschen Blogger Mohammed Nabbus vor drei Tagen verantwortlich macht.

Die Gewalt beherrscht die Straßen, und es gibt scheinbar niemanden, der sie stoppen könnte. Gelegentlich sind auf den Straßen Verkehrspolizisten zu sehen, die Autofahrer anweisen. Aber für die öffentliche Sicherheit ist niemand zuständig. Viele Polizeiwachen wurden während der ersten Tage des Aufstands abgefackelt und stehen seither leer. "Wir werden bald damit anfangen, die öffentliche Sicherheitslage zu verbessern“, sagt Abdul Karim Bazama, der Vorsitzende des Übergangsrats. "Die Polizei hat die Straßen aufgegeben, als die Revolution begann. Seither bitten Sie uns selbst um Schutz, weil sie Angst haben vor den Soldaten.“ Bazama sitzt in einem Büro im Marasa-Gebäude, das dem Nationalen Rat als Zentrale dient. Auch wenn das Haus nur einen Steinwurf vom Gerichtsgebäude entfernt ist, in dem die Oppositionskräfte sitzen, liegen Welten dazwischen. Im Gericht patrouillieren jugendliche Rebellen die Gänge entlang, die Kalaschnikows im Anschlag.

Immer wieder werden festgesetzte Söldner abgeliefert. Aufgeregte Menschen wollen in den abgesperrten Bereich vordringen, und die Wachen haben alle Hände voll zu tun, sie davon abzuhalten. Als Gaddafis Truppen am Samstag Bengasi angriffen, verließen die Oppositionellen selbst das Gerichtsgebäude und tauchten unter. Im Gegensatz zu diesem alarmierten Treiben wirkt das Masara-Gebäude am Montag verlassen. Bewaffnete Wachen schließen die schmiedeeisernen Tore auf und lassen den Besucher ein. In seinem Büro bietet Bazama Heißgetränke an, die in eleganten Porzellantassen serviert werden.

Unpassenderweise läuft auf einem Fernsehgerät in der Ecke ein CNN-Interview mit Benjamin Netanjahu, der über die Proteste im Nahen Osten spricht. "Zu Zeiten des alten Regimes folterte und tötete die ‚lejen thawrija‘ Menschen“, sagt Bazama. "Jetzt verhaften wir sie und sperren sie an sicheren Orten weg.“ Nennen wollte er diese Orte nicht. Es kursieren allerdings unbestätigte Berichte von Augenzeugen, wonach Gaddafis Schergen noch auf der Stelle exekutiert worden sein sollen. Oppositionssprecher al-Sai’ih und Ghoga haben auf Pressekonferenzen eingeräumt, mehrere Anhänger Gaddafis seien bei Verhaftungen getötet worden, nachdem sie das Feuer eröffnet hatten. Al-Sai’ih erklärte kurz zuvor: "Wir sind eine Friedensbewegung und würden deshalb nie auf Gaddafis Kämpfer schießen – außer auf uns wird zuerst geschossen.“

Bazama sagte hingegen, Gaddafi-treue Truppen seien nicht immer vor den Revolutionären sicher. "Einige der Jugendlichen in der Revolution treffen ihre eigenen Entscheidungen, wenn sie diese Leute aufgreifen. Der Rat versucht, sich mit ihnen abzusprechen. Unsere Leute werden die Festnahmen korrekt vornehmen.“

Abdel Hafiz Ghogha, der Vizepräsident des Nationalen Übergangsrats, kündigte unterdessen auf einer Pressekonferenz am Montag an, dass die Stadt von kriminellen Elementen gereinigt würde. Ghoga erklärte, als die Opposition am 21. Februar Kontrolle über Bengasi übernahm, habe man alle Gaddafi-Anhänger festgenommen. Diejenigen, die bereut haben und um Vergebung baten, seien freigelassen worden. "Sie sind verschwunden und haben sich im Verlauf der vergangenen Wochen in Schulen verschanzt und Waffen gesammelt. Als Gaddafi näher rückte, haben sie sich zusammengerottet. Heute haben wir um zwölf Uhr in der Moschee angekündigt, dass Gaddafis Leute 24 Stunden Zeit haben, zu kapitulieren und ihre Waffen abzugeben. Wenn sie das tun, werden sie verschont und entgehen ihrer Bestrafung. Sollten sie sich weigern, werden wir sie wie Feinde der Revolution behandeln.“

Übersetzt aus dem Amerikanischen von Silke Mülherr.