Neue Doktortitel-Affäre

Koch-Mehrin geht - Ersatzmann steht bereit

Silvana Koch-Mehrin ist wegen angeblichen Plagiaten in ihrer Doktorarbeit zurückgetreten. Der erste Nachfolge-Kandidat hat seine Ansprüche angemeldet. Für die FDP ist der Zeitpunkt der Affäre problematisch - beim Parteitag am Wochenende wollen sich die Liberalen neu aufstellen.

Foto: Getty Images / Getty Images/Getty

Alexander Graf Lambsdorff steht bereit. Der FDP-Europaabgeordnete will nach dem Rücktritt von Silvana Koch-Mehrin wegen Plagiatsvorwürfen neuer Chef der FDP-Delegation im Europa-Parlament werden. „Ich habe meine Kollegen darüber informiert, das ich mich um die Nachfolge bewerben werde“, sagte Lambsdorff dem Bayerischen Rundfunk. Das ging schnell.

Koch-Mehrin war am Mittwochabend von allen politischen Ämtern zurückgetreten. Die 40-Jährige teilte in einer knappen schriftlichen Erklärung mit, sie wolle damit verhindern, dass ihre gesamte Familie durch die öffentliche Diskussion weiter belastet werde. Die FDP-Politikerin legte ihr Amt als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament, als Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und als Präsidiumsmitglied der FDP nieder. Die Universität Heidelberg prüft derzeit Vorwürfe, Koch-Mehrin habe in ihrer im Jahr 1999 eingereichten Dissertation an mehreren Stellen abgeschrieben.

So wenig von ihr zu hören war in den letzten Tagen, so schnell ging es zum Schluss: „Mit sofortiger Wirkung lege ich mein Amt als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament nieder“, hatte Silvana Koch-Mehrin am Mittwochabend mitgeteilt - zwei Tage vor dem Parteitag der FDP in Rostock verliert die Partei eine Frau von der Spitze. Und da hatte sich bei den Liberalen schon die Vorstellung entwickelt, jetzt habe man es endlich hinter sich mit all den Querelen um Namen und Posten.

Tagelang hat sich die Europa-Politikerin nicht zu den Vorwürfen geäußert. Klar: Ohne Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Plagiats-Affäre, ohne eine aufgeregte und vielstimmige Diskussion über Echt und Falsch und die Relevanz von Promotionen, ohne all das hätte es vielleicht gar keine Causa Koch-Mehrin gegeben. So aber waren alle Scheinwerfer an, das öffentliche Interesse war durch den just am Mittwoch amtlich gestempelten Betrug des damaligen CSU-Verteidigungsminister extrem hoch.

Die letzten Fäden der Parteitagsregie für Rostock wurden gerade gezogen, der designierte Parteichef Philipp Rösler brütete am Abend gerade über seiner Rede für die Hansestadt, da erklärte sich Koch-Mehrin. Die beiden hätten am Mittwoch miteinander gesprochen, hieß es am Abend aus der Parteiführung in Berlin. Dabei gab es offenbar Einvernehmen darüber, dass die Europaabgeordnete Konsequenzen aus ihrer Plagiatsaffäre zieht.

Laut Recherchen der Internet-Plattform Vroniplag finden sich in der Dissertation auf 63 von 201 reinen Textseiten (ohne Inhalts- und Literaturverzeichnis) unterschiedlich schwerwiegende Plagiate. Auf der Plattform - ein sogenanntes "Wiki", dessen Nutzer Inhalte lesen und auch bearbeiten können - wurden von einer Vielzahl von Internet-Nutzern mutmaßliche Plagiate in der Dissertation untersucht. Ursprünglich war Vroniplag eingerichtet worden, um die Dissertation "Regulierung im Mobilfunk" von Veronica Saß zu untersuchen, Tochter des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Ein Untersuchungsausschuss der Universität Kostanz war im Fall Saß zu dem Ergebnis gekommen, 'dass erhebliche Teile der Arbeit Plagiate darstellen', wie es in einer Mitteilung heißt. Die Dissertation trägt den Titel 'Regulierung im Mobilfunk',

Vroniplag legt dabei die selben Maßstäbe an wie das Wiki GuttenPlag , dessen Veröffentlichungen letztlich zum Rücktritt von Verteidigungsminister karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) führten. Dabei werden angeblich kopierte Passagen aus Koch-Mehrins Dissertation und die mutmaßlichen Originale gegenübergestellt. Die Verdachtsfälle werden untersucht, mutmaßliche Plagiate anschließend abhängig vom Ausmaß der angeblichen Kopie in verschiedene Klassen eingeteilt, vom "Komplettplagiat" über die "Verschleierung" (umformulierte Orginialtexte, deren Urheber nicht angegeben wurden) bis hin zum "Bauernopfer" (der Urheber wird nur für einen unbedeutenden Textteil ausgewiesen, während wesentliche Passagen ohne Nennung übernommen wurden).

Der aktuelle Stand bei Vroniplag datiert vom 6. Mai: Auf 63 Seiten finden sich demnach Plagiate, ein Anteil von 31,34 Prozent. In einem Zwischenbericht vom Apr il (PDF) hatten die Macher von Vroniplag zudem die Vermutung geäußert, Koch-Mehrin habe bewusst getäuscht: "Die zahlreichen textuellen Anpassungen der Plagiate sowie die Tatsache, dass Plagiate über die gesamte Dissertation hinweg zu finden sind, lassen darauf schließen, dass die Textübernahmen kein Versehen waren, sondern bewusst getätigt wurden." Demnach hat sich Koch-Mehrin bei 15 verschiedenen Quellen bedient. Dabei handele es sich "auffallend häufig um Artikel aus Handbüchern der Wirtschaftswissenschaft und der Wirtschafts- und Sozialgeschichte". Die bei Koch-Mehrin gefundenen mutmaßlichen Plagiate sind dabei, was Menge und Schwere angeht, nach bisherigem Stand weniger gravierend als es in den Doktorarbeiten von Saß und zu Guttenberg der Fall war. Saß etwa soll eine 40-Seiten passage komplett abgeschrieben haben.

Koch-Mehrin galt als das Gesicht der FDP in Brüssel. Bei Europawahlen war Silvana Koch-Mehrin das Zugpferd der Liberalen und führte sie nach langer Abstinenz wieder ins Europaparlament. Sie lächelte nicht nur bundesweit von Wahlplakaten. Die telegene Politikerin zog es auch oft in Talkshows. Doch obwohl sie der Öffentlichkeit sehr zugetan war, hatte die Vizepräsidentin des Europaparlaments zu den Dissertations-Vorwürfen beharrlich geschwiegen.

Entdeckt und gefördert wurde die Diplomatentochter vom scheidenden FDP-Chef Guido Westerwelle. 2004 hatte es die FDP ihrer Spitzenkandidatin Koch-Mehrin zu verdanken, dass sie nach zehn Jahren Abwesenheit wieder ins Europaparlament einziehen konnte. 2009 wiederholte sich der Wahlerfolg. Koch-Mehrin war Mitglied des Petitionsausschusses und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie.

Die Wirtschaftshistorikerin trat stets für die Demokratisierung der EU ein. Ihre Doktorarbeit, über die sie nun stürzte, befasste sich mit dem Thema „Die historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik. Die Lateinische Münzunion 1865-1927“ . Die dreifache Mutter, die mit einem Iren verheiratet ist, warb stets für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und sie schreckte auch nicht vor außergewöhnlichen PR-Auftritten zurück – so hatte sie sich von einer Illustrierten hochschwanger mit nacktem Bauch ablichten lassen.

Generalsekretär Christian Lindner sagte nach Koch-Mehrins Rückzug, die FDP nehme die Entscheidungen Koch-Mehrins „mit Respekt zur Kenntnis“ und danke ihr „für ihren langjährigen Einsatz für die liberale Sache“. Koch Mehrins Entdecker und Förderer Guido Westerwelle sagte: „Ich bedaure diese Entscheidung, aber ich respektiere die Gründe.“ Und er glaubt nicht, dass es das Ende für Koch-Mehrin ist. Er sei „zuversichtlich, dass sie die Europapolitik auch künftig weiter prägen wird“.

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