Ziviler Aufbau

Warum in Afghanistan kein Alltag einkehrt

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Mit Milliarden will der Westen Afghanistan auch zivil stabilisieren. Doch nach 30 Jahren Krieg fehlt dem Land das notwendige Personal.

Es ist noch früh am Morgen, aber vor dem Büro von Ayub Omer drängt sich bereits ein Dutzend Männer. Sie sind aus dem ganzen Distrikt Garmsir nach Hazarajoft gekommen, geschickt vom Ältestenrat ihrer Stämme und Clans, um mit dem Vize-Gouverneur zu reden. Über die Verteilung des Saatguts, über Pacht für das Land, das sich im tiefen Süden Afghanistan entlang des Helmand-Flusses hinzieht.

Ein Diener in weitem weißen Hemd und Pluderhose huscht durch die Gänge des Distriktrats und schenkt pausenlos Tee nach. Ayub Omer lehnt schlürfend in einem Sessel, sein Nokia-Handy klingelt ohne Unterlass. Zwischendurch erwidert der 33-Jährige mit nuschelnden Wortfetzen die Fragen der Ältesten.

Neben Omer sitzt ein Beamter des britischen Außenministeriums. Geduldig lässt er das Treiben über sich ergehen, bis der Gouverneur endlich mit ihm über das Saat-Programm redet. Ein nervenaufreibendes Thema. Obwohl seit Wochen versprochen, hat der Distriktrat den Platz noch nicht instand gesetzt, auf dem das Saatgut nächste Woche ausgegeben werden soll.

Und auch die Männer, die die Verteilung übernehmen, sind nicht ernannt. Der Gouverneur will zehn, der Brite nur drei. „Dann ist die Korruption wenigstens ein bisschen kontrollierbarer“, zischt der Beamte leise.

Eigentlich ist es der Brite, der hier das Sagen hat. Er hat das Saatgut, das Geld, das Militär, alles was dieser unvorstellbar arme Flecken mitten im Taliban-Land dringend braucht. Aber er hat keine Macht über das Tempo, in dem der Aufbau vorangeht. Wenn man überhaupt von Tempo sprechen kann. „Die Afghanen müssen die Verantwortung hier übernehmen, sagt der Beamte, dem es London nicht erlaubt, seinen Namen den Medien preiszugeben. „Nicht nur für die Sicherheit. Sondern vor allem für Verwaltung, Infrastruktur, für die Versorgung der Bevölkerung.“

Kein Vakuum riskieren

Das ist der Kern der Strategie von US-General David Petraeus, dem Oberkommandierenden der Nato-Truppe Isaf: Noch während das Militär die Kriegsregion stabilisiert, muss der nächste Schritt passieren: der Wiederaufbau und die Übernahme der zivilen Verantwortung durch die Afghanen, mit Hilfe der Isaf-Alliierten. Kein Vakuum riskieren.

Mehr als 130.000 Soldaten sollen den militärischen Part dieser Strategie in einem Einsatz umsetzen, der seit vergangenen Freitag länger dauert als der Krieg der Sowjets in Afghanistan: neun Monate und 50 Tage.

Doch dem Teil danach, dem „Halten und Aufbauen“, wie es im Nato-Jargon heißt, ist viel zu lange viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. Die Afghanen sind „Überlebende“, wie ein US-Diplomat sagt: „Sie richten sich nach demjenigen, der ihr Leben besser macht. Im Zweifel auch nach den Taliban.“

In dieser Woche jährt sich die Rede von Barack Obama in Westpoint. Der US-Präsident verkündete am 1. Dezember 2009 seine neue Marschroute: Aufstockung der Truppen um 30.000 amerikanische Soldaten, Beginn des Abzugs im Juli 2011. Mitte Dezember wird Obama die erste Überprüfung seiner Strategie vorlegen müssen.

Eine ehrliche Bilanz muss verhalten ausfallen – trotz 43 Milliarden Euro, welche allein die USA seit 2003 in den zivilen Wiederaufbau gesteckt haben. Ein Pentagon-Report bezeichnet die Fortschritte jüngst als „unausgewogen“, bei Sicherheit und Regierungsstrukturen gebe es nur „moderate“ Zugewinne. Die radikalislamischen Taliban schöpften Kraft daraus, dass die Bevölkerung mit dem Abzug der alliierten Truppen rechne. „Die Taliban sind nicht populär, aber sie nutzen den Frust der Menschen durch eine schwache Regierung aus“.

Ein mutiger Gouverneur geht gegen den Opiumanbau vor

Einer, der gegen diesen Frust kämpft ist Gulab Mangal. Seit bald drei Jahren ist der Paschtune Gouverneur der umkämpften Provinz Helmand. Von hohen Mauern geschützt, residiert Mangal im Gouverneurssitz von Lashkar Gah, der Hauptstadt Helmands. „Vor zwei Jahren noch konnte ich die blühenden Mohnfelder von meinem Fenster hier aus sehen. Oben auf den Hügeln saßen die Taliban, ständig beschossen sie unser Gebäude“, erzählt Mangal.

Der Mohnanbau ist einer der Gründe, warum in Helmand mit Abstand die meisten Isaf-Soldaten sterben. Afghanistan stillt 90 Prozent des weltweiten Opium-Bedarfs, mehr als die Hälfte davon kommt aus Helmand. „Der Mohn ist die Haupteinnahmequelle für Taliban, al-Qaida und andere Terrorgruppen. Wenn der Anbau zurückgeht, dann geht auch der Aufstand zurück“, sagt Mangal.

Deshalb greift der Gouverneur durch. Seit zwei Jahren bekommen die Bauern Weizensaat. Viele machen freiwillig mit, zumal der Preis auch wegen der Flut im benachbarten Pakistan nach oben ging. Jenen, die nicht mitmachen, drohen Gefängnis und Zerstörung ihrer Felder. Um ein Drittel hat Mangal den Mohnanbau bereits eindämmen können.

Doch für den Weizen brauchen die Bauern Sicherheit. Den Mohn kommen die Taliban gleich am Feld abholen, der Weizen muss auf den Markt. Mittlerweile gehen rund 100.000 Isaf-Soldaten in Afghanistans Süden auch in Gebiete, die zuvor unzugängliches Taliban-Land waren. Ist das kein Fortschritt? Nein, sagt Mangal überraschend. „Ich will nicht, dass die US-Truppen weiter vorrücken“, sagt der Gouverneur. „Dann sterben noch mehr Zivilisten. Dann dauert der Kampf länger und länger. Und unsere Leute werden den Taliban ihre Hand reichen.“

Der zivile Aufbau ist zäh

Doch der zivile Aufbau ist zäh wie die braune Paste der Mohnblüten. Welcher Beamte aus Kabul will schon in das gefährliche Helmand, um die Verlegung neuer Wasserleitungen zu beaufsichtigen? Wenn es überhaupt Personal gibt: 30 Jahre Krieg haben Afghanistan zwei Generationen gekostet, es gibt kaum ausgebildete 25- bis 40-Jährige für eine Verwaltungsebene, die vor riesigen Aufgaben steht. In Garmsir zum Beispiel sind seit zwei Jahren die neu geschaffenen Posten für Gesundheit und ländliche Entwicklung vakant.

Für Briten und Amerikaner, die den Süden Afghanistans mit Milliarden und unglaublichen Mühen zu stabilisieren versuchen, dürfen mehr als 2200 getötete Isaf-Soldaten und die vielen Opfer unter der Zivilbevölkerung nicht umsonst gewesen sein. „Aber heute nennen wir bald jeden, der nicht mit Kabul kooperiert, Taliban. Dabei kommt ein großer Teil des Widerstands von Stämmen, die traditionell ein miserables Verhältnis zur Zentralregierung haben“, sagt ein hoher westlicher Beamter. „Wir müssen einfach unsere Grenzen hier akzeptieren.“

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