Andreas Heinzel dürfte in den nächsten Tagen immer erst sehr spät nach Hause kommen. Ein zusätzlicher Job wird seinen Arbeitstag deutlich verlängern. Der Tempelhofer Verwaltungsangestellte ist einer von rund 1800 Interviewern, die in Berlin die am Montag beginnende Volkszählung durchführen werden. „Ich bin Erhebungsbeauftragter“, sagt Heinzel. Mit seiner Tätigkeit in der Finanzverwaltung will der 57-Jährige deshalb erst mittags beginnen und dafür länger arbeiten, damit er vormittags als Volkszähler unterwegs sein kann. An Haustüren klingeln wird Heinzel allerdings nicht. Er ist für Mehrpersonenquartiere zuständig, zu denen Wohngemeinschaften, Obdachloseneinrichtungen und die Justizvollzugsanstalt gehören.

Dort müssen die Einrichtungsleiter den Volkszählern Auskunft geben. Heinzel soll 33 Einrichtungen zwischen Mitte und Steglitz-Zehlendorf besuchen. Er schätzt, dass er dazu mindestens eine Woche brauchen wird. Es könne aber auch länger dauern. „Das hängt davon ab, ob ich die Listen selbst erstellen muss oder die Einrichtungen online über die Daten verfügen“, sagt Heinzel. Für beide Fälle ist er gewappnet. Alle Interviewer sind vom Amt für Statistik geschult worden.

Umstrittene Fragen sind nicht dabei

Auch Kevin Kühnert war dabei. Der 21-jährige Student hat die Adressen, die er in den kommenden Wochen besuchen soll, vor ein paar Tagen vom Statistischen Landesamt zugeschickt bekommen. Er besucht 100 Haushalte in Steglitz und hat dafür drei Wochen Zeit. „Das sollte man schaffen“, sagt der Student der Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität. Er will die zu Befragenden nicht mit seinem Besuch überraschen, sondern sie vorher kontaktieren. „Ich werde drei bis vier Tage vor dem Termin ein Kärtchen in den Briefkasten werfen mit einem möglichst präzisen Vorschlag, damit die Leute nicht den ganzen Tag auf mich warten müssen“, sagt Kühnert.

Er habe vom Zensus gehört und sich im Internet beworben. „Für einen Studenten ist das eine gute Möglichkeit, sich etwas dazuzuverdienen. Für jeden ausgefüllten Bogen erhält er 7,50 Euro. Kühnert findet die Idee gut, solides statistisches Material zu erheben, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. „Als politisch interessierter Mensch unterstütze ich die Volkszählung“, sagt der 21-jährige stellvertretende Vorsitzende der Jusos in Berlin. Im Gegensatz zur Volkszählung im Jahr 1987 im Westteil der Stadt seien dieses Mal auch keine umstrittenen Fragen dabei. Für die bis zu maximal 60 Fragen, die er stellen muss, rechnet er maximal 25 Minuten pro Haushalt. Trifft er auf einen jungen Single, der weder über einen großen Haushalt verfügt, noch auf ein langjähriges Berufsleben zurückblickt, reichen ihm fünf bis zehn Minuten zur Beantwortung aller Fragen.

An diesem Montag beginnt in ganz Deutschland die erste Volkszählung seit vielen Jahren. In der alten Bundesrepublik wurde die Bevölkerung zuletzt 1987 gezählt, in der DDR liegt der letzte Zensus 30 Jahre zurück. Seither wurden die Daten zur Bevölkerungsstruktur der Deutschen einfach fortgeschrieben – anhand von Sterbe- und Geburtenzahlen, von Migration und Meldedaten. Die Einwohnerzahl von knapp 82 Millionen ist für Deutschland also nur geschätzt. Organisiert wird das Großprojekt Volkszählung von den statistischen Landesämtern. Das wichtigste Ziel des Zensus 2011 besteht darin, die genaue Bevölkerungszahl in Städten und Gemeinden zu ermitteln. Erfragt werden unter anderem auch Angaben zu Wohnung, Erwerbstätigkeit, Religion und Herkunft.

Wegen der unterschiedlichen Wohn- und Lebensverhältnisse werden bei der Volkszählung in Berlin viel weniger Menschen befragt als in Brandenburg. In der Hauptstadt werden die Volkszähler bei 126.000 zufällig ausgewählten Bürgern klingeln. Das sind rund vier Prozent der Berliner Bevölkerung. In Brandenburg sollen hingegen 300.000 Einwohner und damit zwölf Prozent der Bevölkerung befragt werden.

Alle Angaben unter Datenschutz

Darüber hinaus erhalten alle 220.000 Berliner und 560.000 Brandenburger Immobilienbesitzer einen Fragebogen per Post. Bei der Gebäude- und Wohnungszählung geht es um die Art der Gebäude, das Baujahr und wie viele Wohnungen es darin gibt. Dazu wird nach Größe, Zahl der Räume, Bewohnern und der Ausstattung etwa mit Bad und Heizung gefragt. Schließlich sind die Volkszähler auch in Gemeinschaftsunterkünften wie Gefängnissen und Wohnheimen unterwegs. Für Berlin geht es dabei um etwa 67.000 Plätze in solchen Unterkünften, für Brandenburg um etwa 55.000.

Bei den Interviewern handelt es sich zumeist um Freiwillige aus der öffentlichen Verwaltung, erklärt Karsten Wenzel, Zensus-Koordinator für Berlin. „Sie tragen einen speziellen Ausweis bei sich.“ Aber auch viele Studenten haben sich als Volkszähler beworben. Grundsätzlich konnte sich jeder für diese Aufgabe melden, der mindestens 18 Jahre alt und nicht vorbestraft ist. Während einer Schulung haben die Kandidaten die Fragebögen kennengelernt. Auch wurde geprüft, ob sie leserlich schreiben.

Befragt werden immer alle Menschen, die in einem Haus an einer zufällig bestimmten Adresse wohnen – bei einem Plattenbau können das Hunderte sein, bei einem Einfamilienhaus nur wenige. Die Ausgewählten müssen die Interviewer nicht in die Wohnung lassen, sie können auch per Post oder online antworten. Alle Angaben unterliegen dem Datenschutz.

Bürgerrechtler des Arbeitskreises Zensus wollen sich dennoch gegen die Zählung wehren. Beim Landesverfassungsgericht reichten sie Beschwerde gegen das Berliner Zensus-Ausführungsgesetz ein. Mit Einführung der sogenannten Steueridentifikationsnummer seien die Melderegister bereits von falschen Einträgen bereinigt worden, sagt Sandra Müller vom Arbeitskreis. „Es muss also keine Volkszählung geben, denn die Daten sind bereits auf dem neusten Stand.“

Eine Klage von Datenschützern gegen das Bundes-Zensusgesetz war vom Bundesverfassungsgericht aber nicht angenommen worden. 1983 hatte Karlsruhe noch die Fragebögen zur damals geplanten Volkszählung verworfen. Viele Bürger boykottierten daraufhin die Erhebung im Jahr 1987 trotz überarbeiteter Fragen. Laut dem für den Zensus 2011 verabschiedeten Bundesgesetz ist allerdings jeder befragte Bürger zur Teilnahme verpflichtet. Wer nicht mitmacht, muss mit einem Zwangsgeld rechnen. „Wir bleiben hartnäckig“, kündigt Zensus-Koordinator Wenzel an.