Zensus 2011

Volkszählung - Osten befürchtet weniger Einwohner

Wie viele Karteileichen wirklich in den Meldeämtern liegen, wird die Volkszählung zeigen. Sollten die Bundesländer weniger Einwohner vermelden, drohen ihnen Finanzkürzungen und politische Folgen.

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Das hatten die Statistiker nicht erwartet. Um sich auf die Volkszählung vorzubereiten, hatten die Experten einen Probezensus durchgeführt. Die Auswertung der Ergebnisse lieferte allerdings Zahlen, denen auch die Wissenschaftler zunächst nicht trauen wollten: Viele Menschen waren aus dem Testgebiet einfach verschwunden. In den Melderegistern standen noch die Daten von Personen, die schon lange fortgezogen oder verstorben waren. Als die Statistiker die Testergebnisse auf ganz Deutschland hochrechneten, mussten sie sich erst einmal die Augen reiben. Stimmt die Hochrechnung, leben in Deutschland 1,3 Millionen Menschen weniger als bisher angenommen.

Erst wenn die Ergebnisse der diesjährigen Volkszählung vorliegen, wird klar sein, wie viele Karteileichen es tatsächlich in den Meldeämtern der Republik gibt. Die Initiatoren gehen davon aus, dass es mehr als eine Million sind. Nicht nur die Wissenschaftler, sondern auch Bundesländer und Kommunen warten gespannt auf die Daten, denn eine Revision der Einwohnerzahlen könnte für sie erhebliche finanzielle Folgen haben. Denn die Einwohnerzahl entscheidet darüber, wie viel Geld Städte und Länder aus dem Finanzausgleich bekommen. Dabei geht es um sehr viel: Fiskalexperten gehen davon aus, dass 2010 im Rahmen des Länderfinanzausgleichs knapp sieben Milliarden Euro von reichen zu finanziell schwächeren Bundesländern gewandert sind. Dazu kommen noch die Geldflüsse aus dem kommunalen Finanzausgleich: Er sorgt in den Flächenländern dafür, dass wohlhabendere Städte Kommunen in strukturschwachen Regionen unterstützen.

Bereits die letzte Volkszählung im Jahr 1987 hat diese Geldströme erheblich beeinflusst: Ein Jahr nach Bekanntwerden der Ergebnisse wurden Zahlungen im Wert von einer Milliarde Euro umgeleitet, heißt es beim Statistischen Bundesamt. Im kommunalen Finanzausgleich waren es noch einmal 700 Millionen Euro. Dieses Mal dürften die Verschiebungen weitaus profunder sein, denn bei der Volkszählung 1987 wurden nur 77.000 Karteileichen entdeckt.

Damals stellte sich beispielsweise heraus, dass die bayerischen Meldeämter lange Zeit für die Stadt München eine zu hohe Einwohnerzahl angenommen hatten –- sie lagen sieben Prozent über der tatsächlichen Zahl. Und im Fall des Städtchens Roth bei Nürnberg überschätzten die Statistiker die tatsächliche Einwohnerzahl sogar um 18 Prozent, im Fall von Göttingen um 14,5 Prozent.

Die Ergebnisse des diesjährigen Zensus könnten besonders den ostdeutschen Ländern Kopfschmerzen bereiten. Die letzte Volkszählung fand dort 1981 in der damaligen DDR statt, 30 Jahre ist das her. Nach der Wende zogen viele Menschen von dort in den Westen, und Statistiker gehen davon aus, dass viele sich nicht abgemeldet haben. Für die ostdeutschen Länder wäre der Bevölkerungsverlust besonders schmerzlich, denn sie bekommen viel Geld aus dem Finanzausgleich. Und Berlin erhielt im vergangenen Jahr sogar voraussichtlich fast drei Milliarden Euro aus dem Transfersystem. Gerade in Berlin könnte der Verlust an Einwohnern aber auch besonders groß sein. Zwar stellte sich bei der letzten Volkszählung 1987 heraus, dass in West-Berlin sieben Prozent mehr Menschen lebten als zuvor angenommen. Aber diesmal droht das gegenteilige Ergebnis: Die Stichproben vor dem diesjährigen Zensus lassen vermuten, dass in dem Stadtstaat viel weniger Menschen leben als bisher angenommen.

Andere Städte werden positiv überrascht werden: „Es kann passieren, dass eine Stadt, die jetzt zu wenige Kindergartenplätze hat, weil das Geld knapp ist, nach dem Zensus ein paar Millionen mehr zur Verfügung hat, weil die Bevölkerung größer ist als angenommen“, sagt Gert Wagner, der Vorsitzende der Zensuskommission, die das Statistische Bundesamt bei der Volkszählung berät.

Die ungleich verteilten Verluste hätten für einige Länder nicht nur finanzielle, sondern auch handfeste politische Folgen: Wie viele Sitze ein Bundesland im Bundesrat hat, hängt von der Größe der Bevölkerung ab. Würde sich etwa herausstellen, dass in Hessen 61.000 Menschen weniger leben als bisher bekannt, verlöre das Land einen von fünf Sitzen in der Länderkammer. Bisher liegt die offizielle Einwohnerzahl bei 6,037 Millionen. Fällt die Zahl auf unter sechs Millionen, müsste der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier einen der Sitze abgeben. Für die schwarz-gelbe Bundesregierung wäre das keine gute Nachricht, sie verlöre weiter an Rückhalt in der Länderkammer.

Der Grund für den Menschenschwund: Seit der letzten Volkszählung sind in Westdeutschland 24 Jahre vergangen und in Ostdeutschland sogar 30 Jahre. Seitdem sind viele Menschen durch das Raster der Einwohnermeldeämter gerutscht. Aber dass die Diskrepanz so groß ist, verblüfft selbst Experten. „Das wundert mich“, sagt etwa Klaus-Heiner Röhl, Leitender Volkswirt am Institut der deutschen Wirtschaft Köln. „Mir ist unverständlich, warum die anhand der Melderegister fortgeschriebenen Zahlen so schlecht sind.“

Dabei gibt es aber viele Gründe, warum nicht alle Menschen, die hierzulande leben, in den Registern auftauchen. Vor allem Menschen aus dem Ausland, die nach Deutschland ziehen und sich hier anmelden, vergessen häufig, sich wieder abzumelden, wenn sie das Land verlassen. Häufig steckt dahinter vermutlich auch Absicht: „Einige Ausländer, die das Land wieder verlassen, melden sich bewusst nicht ab“, sagt ein Statistiker.

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