Sonderbare Fragen

Zensus-Fragen sorgen in Berlin für Verwunderung

Seit dem 9. Mai läuft die Volkszählung. In Berlin gab es dabei bisher keine großen Proteste oder Probleme. Einige Fragen aber sorgen bei den Befragten für Verwirrung. Zum Beispiel ob ausländische Streitkräfte im Haus wohnen.

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Mit diesem Nebeneffekt der Volkszählung hatte Kevin Kühnert nicht gerechnet: „Der Zensus kann auch zur Familienforschung anregen“, erzählt der 21-Jährige, der im Moment als freiwilliger Helfer für die Volksbefragung in Berlin unterwegs ist. „Manche Leute müssen für die Beantwortung der Fragen erst einmal ihre eigene Familiengeschichte erforschen.“

Vor allem die Fragen nach dem Migrationshintergrund führten dabei zu „lustigen Recherchearbeiten“ in den Familien, erzählt Kühnert. Denn der Staat möchte es genau wissen: Sind Sie nach 1955 nach Deutschland gekommen? Oder sind die Eltern in dieser Zeit eingewandert? Wann und woher genau? Nur wenige Migranten der zweiten Einwanderergeneration wissen diese Daten auf Anhieb exakt, hat Kühnert festgestellt. „Da muss dann erst einmal nachgefragt werden – und einige haben plötzlich richtigen Ehrgeiz entwickelt, mehr über ihre Familiengeschichte herauszufinden.“

Insgesamt hat Kühnert seit dem Zensus-Startschuss am 9. Mai einen guten Eindruck gewonnen. „Die Leute sind nett und freundlich, bitten einen fast immer in die Wohnung und geben bereitwillig Auskunft“. Kühne ist in Steglitz unterwegs, arbeitet derzeit etwa 100 Adressen ab. Er vereinbart Termine, kommt mit dem Fragebogen für die Volkszählung vorbei, führt die Befragung durch. Nach 15 Minuten hat er meist schon erfasst, wer im Haushalt wohnt, dazu Familienstand, Religion, Bildung und Berufstätigkeit der Bewohner. In zwei Wochen werde er mit seinen Adressen fertig sein, schätzt Kühnert.

„Der Zensus ist gut angelaufen“, heißt es auch in der Pressestelle des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg. Die Berliner seien insgesamt recht auskunftsfreudig. „Nur eine Besonderheit ist vielen Interviewern aufgefallen“, erzählt eine Sprecherin. „Im Westteil der Stadt bittet man die Helfer eher in die Wohnung, im Ostteil lässt man sich häufiger den Fragebogen an der Haustür aushändigen und füllt selbst aus.“ Woran das liegen könnte, darüber möchte das Amt keine Mutmaßungen anstellen.

1800 Zähler sind unterwegs

Viele der etwa 1800 Helfer, die in Berlin insgesamt knapp 130.000 Haushalte befragen, seien erstaunt gewesen, wie nett sie von den Berlinern aufgenommen wurden, berichtet Karsten Wenzel, der als Koordinator beim Landesamt für die Befragungen in der Hauptstadt verantwortlich ist. „Es läuft besser, als ich gedacht habe.“ So habe es bisher auch nur wenige Fälle von Betrugsversuchen und Missbrauch der Befragung gegeben. In Tempelhof etwa seien falsche Fragebögen in Briefkästen geworfen worden, bei denen auch nach sexuellen Vorlieben gefragt wurde. Der Schwindel flog jedoch angesichts der absurden Fragen schnell auf. „Selten gibt es den Fall, dass jemand behauptet, im Rahmen der Volkszählung auch Kontodaten zu erfragen“, sagt Wenzel. Diese Betrugsversuche seien „im Rahmen des Normalen“. Auch die Berliner Polizei sagt, dass es rund um den Zensus bisher keine besonderen Vorkommnisse gegeben habe.

In anderen Bundesländern lief die Volkszählung weniger ruhig ab. In Bayern versuchten Betrüger systematisch, als Trittbrettfahrer des Zensus an Konto- und Vermögensdaten der Bevölkerung zu kommen. Dann tauchte ein gefälschter Brief auf, angeblich vom Bundeskriminalamt (BKA) abgeschickt, der davor warnte, am Zensus teilzunehmen. In Nordrhein-Westfalen beschweren sich immer wieder Bürger über falsche Adressen und überzählige Fragebögen, die ihnen für die Gebäudezählung zugesandt werden.

Von Behördenseite wird dagegen meist ein positives Bild vom Start der Bürger-Inventur gezeichnet. Der „Arbeitskreis Zensus“ – die Kritiker der Volkszählung – trauen dem nicht und haben daher jetzt ein unabhängiges Beschwerdetelefon für Bürger eingerichtet.

Zu Verwunderung bei den Befragten führen bisher vor allem die Fragen der Volkszähler. Vor allem bei der Gebäudezählung, die alle 17,5 Millionen Haus- und Wohnungseigentümer in Deutschland mitmachen müssen, gibt es Irritationen. Da wird zum Beispiel gefragt, ob die Wohnung eine Toilette, ein Bad oder eine Dusche habe. Wozu? „Das hat einen EU-Hintergrund“, klärt Karsten Wenzel auf. „Es gibt Länder in Europa mit weniger hohen Standards als in Deutschland.“ Und da die Befragung in allen EU-Ländern durchgeführt werde, sei am Ende eine Vergleichbarkeit hergestellt.

Und dann will das Amt für Statistik auch noch wissen, ob ausländische Streitkräfte im Haus leben. „Die Frage klingt in der Tat lustig“, räumt Wenzel ein. „Aber dieser Personenkreis gehört nicht zur deutschen Wohnbevölkerung und soll hier nicht mitgezählt werden – auch wenn es in ganz Deutschland nur einige wenige sind.“ Mit der Gebäudezählung solle schließlich auch der Wohnungsbedarf in Deutschland überprüft werden. Und der Bedarf für eine Wohnung fremder Armee-Angehöriger oder Diplomaten bestehe allein in ihren Herkunftsländern, so Wenzel.