Der Zugriff

Tod durch einen Kopfschuss – So starb Bin Laden

Ein Sonderkommando der Navy Seals hat Osama Bin Laden ausgeschaltet. 40 Minuten soll der nächtliche Kampf gegen den Staatsfeind Nummer eins der USA haben. Womöglich verriet die Ehefrau den Terrorpaten.

Die Jagd endete in dem pakistanischen Provinzstädtchen Abbottabad, etwa 50 Kilometer nördlich der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Die Details der Geheimoperation von US-Spezialeinheiten sind nur schemenhaft rekonstruierbar. Eine Eliteeinheit der Navy Seals, etwa zwei Dutzend Männer, näherten sich kurz nach Mitternacht am Montag (Ortszeit) in vier Helikoptern dem Versteck von Al-Qaida-Chef Osama Bin Laden in einer stark befestigten, äußerst luxuriösen Wohnanlage. Ein Nachbar sagte, dass die ersten Schüsse vom Dach der Anlage aus auf die Hubschrauber abgegeben wurden, bevor die Soldaten das Gebäude stürmten. Fenster barsten und hohe Flammen erhellten die Nacht, doch noch immer war den Menschen in Abbottabad nicht klar, was hier vor sich ging.

40 Minuten soll der Schusswechsel gedauert haben. Dabei wurde Amerikas Staatsfeind Nummer Eins angeblich zwischen 1.30 Uhr und zwei Uhr morgens durch einen Schuss in die Schläfe getötet. Seine Leiche nahmen die Soldaten mit. Außerdem sollen ein erwachsener Sohn des Al-Qaida-Chefs, eine Frau und zwei weitere Männer in dem Feuergefecht ums Leben gekommen sein. Die Frau sei von einem der Männer als lebender Schutzschild benutzt worden. Einer der Hubschrauber fing nach dem Beschuss aus der Wohnanlage Feuer und stürzte ab. Das US-Militär wird später bekanntgeben, dass der Helikopter eine technische Panne gehabt habe und deshalb abgestürzt sei.

Pakistan soll Aktion unterstützt haben

Der Einsatz, so betonten pakistanische Regierungssprecher, sei von US-Kräften geführt worden. Pakistanische Einheiten, gab ein anonymer Geheimdienstmitarbeiter aus Islamabad jedoch zu, hätten die Aktion insofern unterstützt, als sie das Gebiet weiträumig abgeriegelt hätten. Anderen Quellen zufolge habe Pakistan bis zum Zugriff der US-Einheit nicht gewusst, wo Bin Laden sich aufgehalten habe. Die US-Behörden, so ein Regierungssprecher in Washington, pflegten ihre Geheimdiensterkenntnisse nicht mit anderen Ländern zu teilen. Die „moralische Pflicht zu Handeln“ habe diese Verletzung der pakistanischen Souveränität gerechtfertigt.

Der Drahtzieher der Terroranschläge vom 11.September 2001 hatte sich mit seiner jüngsten Frau offenbar schon eine ganze Weile in dem dreistöckigen Gebäude in Abbottabad aufgehalten, so heißt es aus Washington. Angeblich, so Geheimdienstkreise, hatten seine Häscher diese heiße Spur bereits seit vier Jahren verfolgt. Sie hatten einen seiner engsten Vertrauten aufgespürt, einen Kurier, den bereits inhaftierte Terroristen identifiziert hatten. Im vergangenen August hatte der US-Geheimdienst das Haus des Kuriers in Abbottabad gefunden, wo er mit seinem Bruder und den beiden Familien lebte.

Der Wohnkomplex liegt auf einem abgelegenen Stück Land am Ende einer Lehmpiste. Das Gelände wird von bis zu sechs Meter hohen Mauern umschlossen, die mit Stacheldraht gesichert sind. Dazu trennen weitere Mauern einzelne Teile der Anlage vom Rest des Komplexes ab. Es gibt kaum ein Fenster nach draußen. Zwei Sicherheitstore kontrollieren jeden, der hinein oder hinaus will. Und, so berichten Quellen aus Washington, die Bewohner der Anlage waren so vorsichtig, dass sie in den vergangenen Jahren nicht einmal ihren Abfall für die Müllabfuhr herausgebracht, sondern alles selbst innerhalb der Mauern verbrannt haben. Außerdem gab es weder Telefon noch Internet, das Gelände war von der Außenwelt abgeschottet. Ein US-Beamter sagte: „Die extrem ausgefeilte Sicherheit, der Hintergrund der beiden Brüder und ihr Benehmen sowie die Örtlichkeiten der Wohnanlage selbst entsprachen genau der Vorstellung unserer Experten von einem Bin-Laden-Versteck.“

Ermittler aus den USA schlossen aus den unterschiedlichen Informationssplittern, dass offenbar noch eine dritte Familie in der Anlage lebte. Und diese Personen entsprachen vom Alter her genau den Angehörigen Bin Ladens, von dem Analysten seit Jahren annahmen, dass sie sich an seiner Seite aufhielten. Bin Ladens fünfte Frau Amal al-Saddah etwa, die der damals 43-Jährige 2000 aus dem Jemen kommen ließ. Damals war Amal gerade 17 Jahre alt. Einige Quellen vermuten, sie sei die Frau, die im Kugelhagel ums Leben kam. Teile des Hauses wurden bei dem Angriff total zerstört. Fernsehbilder zeigten zertrümmertes Mobiliar, Blutflecken auf Teppichen und verrußte Mauern.

Entgegen der bisherigen Einschätzung der meisten Experten hielt sich der 1,93 Meter große hagere Topterrorist nicht in den Stammesgebieten an der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan auf, sondern beinah unter den Augen der pakistanischen Behörden in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa, in einem hügeligen 100000-Seelen-Ort am Fuße des Himalaja, der bei Touristen aus Pakistan und bei Rentnern beliebt ist. Ganz in der Nähe befindet sich Pakistans wichtigste Armeeausbildungsstätte, die Militärakademie von Kakul. „Peinlich“, schreiben pakistanische Blogger, „die Pakistaner haben stets geleugnet, dass ihr Militär und der Geheimdienst ISI Bin Ladens Überleben möglich gemacht haben. Nun steht Pakistan entlarvt dar“.

Andererseits kann die Regierung in Islamabad angesichts wachsender anti-amerikanischer Stimmung vor Ort nicht allzu sehr mit ihrer Mithilfe bei der Jagd trumpfen. Entsprechend kurz sind ihre Reaktionen auf die Nachricht. „Diese Operation“, so ein Sprecher des Außenministeriums, „wurde von US-Truppen durchgeführt, gemäß der erklärten Politik der USA, dass die US-Streitkräfte Osama Bin Laden in direkter Aktion eliminieren, wo immer er in der Welt gefunden werde.“ Außerdem habe US-Präsident Barack Obama seinen pakistanischen Amtskollegen Asif Ali Zardari am frühen Montagmorgen angerufen und ihn über die „erfolgreiche Mission“ informiert. Pakistan spiele eine „signifikante Rolle“ im Anti-Terrorkampf, „wir hatten extrem effiziente Absprachen zum Austausch von Informationen mit verschiedenen Geheimdiensten, darunter dem amerikanischen. Wir werden weiterhin die internationalen Bemühungen gegen den Terror unterstützen“.

Pakistans Angst vor Anschlägen

Pakistans Regierung, so ein Informant aus Islamabad, überlegt sich genau, wie viel sie von ihrer Beteiligung an der Operation in Abbottabad preisgibt. International und vor allem bei ihrem wichtigen Verbündeten Washington gibt dieser Erfolg im Anti-Terrorkrieg zwar Punkte, aber im eigenen Land sind die islamistischen Tendenzen zunehmend hoch. Die Regierung will sich nicht noch mehr Feinde machen und Terroranschläge riskieren.

Jenseits der Grenze in Afghanistan wird die Tatsache, dass der Al-Qaida-Chef auf pakistanischem Boden gefunden wurde, nicht ohne eine gewisse Genugtuung aufgenommen. Präsident Hamid Karsai lobt den Erfolg im Kampf gegen den Terror, lässt es sich aber nicht nehmen, die Nachricht für seine Lieblingsbotschaft zu nutzen: der Terror darf nicht in afghanischen Dörfern bekämpft werden, schließlich komme er von jenseits der Grenze. Karsai, der durch die Militäroperationen der Nato in Afghanistan bei seiner Bevölkerung zunehmend unter Druck gerät, nutzt jede Gelegenheit, mit dem Finger auf Pakistan zu zeigen. „Die Welt sollte erkennen“, erklärte der Präsident in Kabul, „was wir bereits wiederholt all diese Jahre und jeden einzelnen Tag gesagt haben: der Krieg gegen den Terror darf nicht in den Häusern unschuldiger afghanischer Zivilisten gefochten werden. Der Krieg gegen den Terror sollte in den sicheren Häfen der Terroristen, ihren Zufluchtsorten und Trainingslagern.“

Die Leiche wurde US-Angaben zufolge bereits auf hoher See bestattet. Dem Al-Qaida Chef wurde diese „letzte Ehre“ – entsprechend der islamischen Sitte an einem geheimen Ort auf dem Meer zuteil. Bin Ladens Leiche sei „im Einklang mit den muslimischen Praktiken und Traditionen“ behandelt worden, hieß es. Doch was bedeutet das für eine Religion, die das Seebegräbnis eines Gläubigen nicht vorsieht, ebenso wenig wie eine Feuerbestattung? Nach den Vorschriften des Islam muss die Leiche eines Muslims möglichst noch am Sterbetag in islamischer Erde bestattet werden. Es dürfen nicht mehr als 48 Stunden zwischen dem Tod und der Bestattung vergehen, es sei denn, es herrschen Zustände höherer Gewalt.

Es bleiben Fragen, etwa, warum die Leiche Bin Ladens nicht unabhängigen Medizinern zur Identifizierung zur Verfügung gestellt wurde. Zwar behauptet die US-Regierung, erkennungsdienstliche Untersuchungen hätten die Identität einwandfrei festgestellt und Bin Laden sei auch kurz vor seiner Tötung von seiner Ehefrau identifiziert worden. Außerdem sei man im Besitz von Fotos eines Toten mit einer Schusswunde am Kopf, der, so ein Beamter, „nicht unerkennbar“ Bin Laden sei. Eine Erbgut-Analyse hat nach einem Bericht des US-Senders CNN sogar eindeutig bestätigt, dass Bin Laden tot ist. Aber all das wird Verschwörungstheoretiker kaum zum Schweigen bringen.