Umberto Eco versteht die ganze Aufregung um die von Wikileaks veröffentlichten Depeschen amerikanischer Diplomaten nicht. Für den italienischen Starautor („Der Name der Rose“) seien das alles nur kopierte Zeitungsinformationen, schreibt er in der französischen Zeitung „Libération“. „Früher versuchte die Presse zu verstehen, was sich im Geheimen der Botschaften tat; heute dagegen sind es die Botschaften, die vertrauliche Informationen von der Presse erbeten.“

In vielen Teilen der Erde ist man indes nicht so gelassen wie der berühmte Schriftsteller. Es scheint eher, als beginne sich Empörung und verletzte Eitelkeit in den Hauptstädten erst langsam, aber mit immer größerer Wucht zu entfalten. Inzwischen, so gab Wikileaks-Sprecher Kristinn Hrafnsson in London zu Protokoll, gäbe es Beschimpfungen und sogar Morddrohungen gegen den abgetauchten Wikileaks-Gründer Julian Assange. Der 39-Jährige Assange fürchte zu Recht um seine Sicherheit, er werde sich deshalb weiter versteckt halten, so sein Sprecher, der offenbar auf Aussagen des früheren republikanischen Gouverneurs von Arkansas, Mike Huckabee, Bezug nahm.

Huckabee hatte gefordert, dass der Verantwortliche für die Wikileaks-Enthüllungen wegen Verrats angeklagt und hingerichtet werden solle. In Kanada sagte ein Berater von Regierungschef Stephen Harper – offensichtlich ironisch – im Fernsehen, Assange sollte „getötet werden“, und US-Präsident Barack Obama könnte „eine Drohne nutzen“.

Dabei ist der Aufenthaltsort von Assange so ein großes Geheimnis offenbar nicht. Seit Oktober soll er in Südostengland sein, bei seiner Ankunft soll er Scotland Yard seine Kontaktdaten mitgeteilt haben. Sowohl die britischen als auch die schwedischen Behörden wüssten, wo sein Mandant derzeit sei, zitierte die Londoner „Times“ Assanges Rechtsanwalt Mark Stephens. Sie hätten ihn aber bislang wohl deshalb nicht festgenommen, weil es Formfehler in dem internationalen Fahndungsersuchen gebe. Im Übrigen habe sich sein Mandant wiederholt zum Gespräch angeboten.

Die internationale Polizeiorganisation hatte Assange wegen gegen ihn in Schweden erhobene Vergewaltigungsvorwürfe auf die Fahndungsliste gesetzt. Der Oberste Gerichtshof in Stockholm wies eine Klage des Australiers ab, den Haftbefehl aufzuheben. Nun bleibt er auf der „roten Interpol-Liste“ und ist international zur Fahndung ausgeschrieben. Assange soll bei einem Schweden-Besuch im August zwei Frauen bei insgesamt fünf Gelegenheiten vergewaltigt oder andere sexuelle Gewalt ausgeübt haben. Er bestreitet die Vorwürfe und sieht sie als Teil einer aus den USA gesteuerten Verschwörung gegen ihn.

Dokumente bleiben Gesprächsstoff

Es wird eng für Assange – und für sein Netzwerk, denn das US-amerikanische Internetunternehmen Amazon warf die Wikileaks-Dokumente von seinen Servern. Die Internetaktivisten hatten bei der Veröffentlichung der geheimen Depeschen auf den Amazon Web Service zurückgegriffen, um die gewaltige Anzahl der Anfragen bewältigen zu können. In der Nacht zum Donnerstag sprang der schwedische Provider Bahnhof.se in die von Amazon gerissene Bresche.

Die Dokumente bleiben Gesprächsstoff. Zum Beispiel in Frankreich. Häppchenweise bekommen die Franzosen täglich neue pikante Indiskretionen serviert, die Leben und Wirken ihres Präsidenten verhandeln. So erfuhr man zunächst, dass Nicolas Sarkozy von US-Diplomaten als dünnhäutiger „Kaiser ohne Kleider“ eingeschätzt wurde, der dazu neige, mit seinen Mitarbeitern „autoritär“ umzuspringen. Insbesondere nach der Trennung von seiner Gattin Cécilia sei er reizbar gewesen und habe gar einen „instabilen“ Eindruck gemacht.

Heiter stimmte dagegen die Anekdote mit dem Hasen: Bei einem Besuch des US-Botschafters habe Sarkozy diesem seinen damals neun Jahre alten Sohn vorstellen wollen, der gerade im Garten mit einem Hund spielte – und zugleich einen Hasen auf dem Arm gehabt habe. Louis kam dann ins Arbeitszimmer und setzte den Hasen auf den Boden, um dem Botschafter brav die Hand zu schütteln. Der Hund nutzte die Chance und begann den Hasen durch Sarkozys Büro zu jagen – und Sarkozy jagte den Hund.

Inzwischen sind allerdings auch Berichte von größerer politischer Brisanz durchgesickert. Sarkozy soll während der Georgien-Krise aus amerikanischer Sicht weit weniger erfolgreich mit den Russen verhandelt haben, als er selbst dies gern dargestellt hat. Eine Depesche, welche die damalige amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice am 23. August 2008 an die amerikanischen Botschaften verschickte, lässt eher darauf schließen, dass die Amerikaner den Franzosen – die zu dieser Zeit den EU-Vorsitz innehatten – bei den Verhandlungen bewusst den Vortritt ließen, um nicht selbst in direkte Konfrontation mit den Russen zu geraten.

Obwohl Sarkozy offenbar forsch verhandelte – er soll den russischen Außenminister Sergej Lawrow gar einmal am Revers gepackt und ihn einen „Lügner“ genannt haben, waren die Amerikaner mit den Ergebnissen nicht zufrieden. Das Waffenstillstandsabkommen, das Sarkozy zwischen Russland und Georgien aushandelte, war ihnen zu „schwammig“. Condoleezza Rice ließ Sarkozy daraufhin einen Brief mit nachträglichen Präzisierungen aufsetzen – den Moskau jedoch offiziell nie als Teil des Abkommens anerkannte. Nicolas Sarkozy hat sich von seinen russischen Verhandlungspartnern offenbar über den Tisch ziehen lassen.

Auch in Rom verbreiten die Depeschen nicht nur Frohsinn. Als „besten Freund Amerikas“ pries US-Außenministerin Hillary Clinton den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi zwar gerade erst, weil er „so zuverlässig wie niemand sonst über drei Administrationen hinweg auf unserer Seite stand“. Aber dann konnte der Premier bei Wikileaks nachlesen, dass er nach Einschätzung des ehemaligen US-Botschafters Ronald Spogli „unfähig, eitel und ineffektiv“ sei. Barack Obama aber, dem „jungen und unerfahrenen Präsidenten“, bot derselbe Premier dennoch ein wenig Nachhilfe an, vor allem für dessen Umgang mit Russland.

Berlusconi bewundert "Machostil und autoritäre Art“ von Putin

Keine Frage, dass der amerikanische Präsident einiges von dem gewieften „Cavaliere“ lernen könnte, vor allem jenseits der üblichen demokratischen Spielregeln. Entscheidende Abkommen mit Russland auf dem Energiesektor etwa habe der Premier fast völlig an seinem Außenminister vorbei mit seinem russischen Männerfreund Wladimir Putin persönlich eingetütet. Der Russe, dessen „Machostil und autoritäre Art“ Berlusconi bewundere, habe ihm dafür Anteile an diesem Deal versprochen plus die Illusion, Berlusconi könne als Mittler zwischen Russland und Amerika fungieren. Der Energieriese ENI habe darüber eine Bedeutung bekommen wie kein italienisches Ministerium. Diese Entwicklung habe Botschafter Spogli bei seinem Abschied im Februar wie ein „unverdauter Kloß“ im Magen gerumpelt.

Gut verdaut hingegen haben die arabischen Staaten den Wikileaks-Dammbruch. Den Medien Saudi-Arabiens war die beginnende Physiotherapie ihres Königs dann doch wichtiger. Anderswo in der arabischen Welt war das kaum anders. Wenn dort überhaupt über Wikileaks berichtet wurde, dann jedenfalls nicht über jene brisanten Depeschen, die die eigenen Herrscher betrafen. Dass die Regierungschefs von Bahrain, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gegenüber den USA in klaren Worten zu einem Militärschlag gegen den Iran gedrängt hatten, war den arabischen Medien jedenfalls nicht zu entnehmen.

Sogar der Fernsehsender al-Dschasira zeigte sich überraschend vorsichtig und verzichtete darauf, die inkriminierenden Zitate zu senden. Allerdings ist der in Doha beheimatete Sender auf die Gastfreundschaft des Emirs von Katar angewiesen – der aber hatte sich in den Depeschen besonders deutlich für einen Militäreinsatz gegen den Iran ausgesprochen. So stammt die einzige offizielle Reaktion aus der arabischen Welt bisher vom Chargé d’Affaires der Vereinigten Arabischen Emirate in Teheran. Sein Land unterhalte „gute Beziehungen“ zum Iran, versicherte er.

Wladimir Putin hingegen versteht sich auf beide Posen: die der offen-grimmigen Verärgerung und die der subtil-freundlichen Gegenattacke. Die Talkshow des legendären Larry King wählte der russische Premier für seine flexiblen Antworten auf jene Moskau mitunter desavouierenden Depeschen. Von einer „Kleptokratie“ an der Spitze eines „Mafiastaats“ mit einer korrupten und „gaunerhaften“ Elite ist in den Papieren die Rede. Geldwäsche, Waffenhandel, Brutalität und Zynismus seien alltäglich.

Hier die hehren USA, dort das düstere Kreml-Reich: Der äußerlich gelassene Putin ließ eine solche Schwarz-Weiß-Malerei nicht zu. Als King das Gespräch auf Afghanistan brachte, stichelte Putin, die Methoden der russischen Spezialkräfte dort seien wirksamer gewesen als die der US-Spezialkräfte heute. Und, „by the way“, weder die russischen Spezialkräfte noch Moskaus Geheimdienste hätten „Geheimgefängnisse organisiert, Leute entführt und gefoltert“.

Putin äußert sich freundlich über Obama

Gereizter fiel die Attacke des Premiers aus, als es um einen Batman-Robin-Vergleich zwischen ihm und dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedjew in den Depeschen ging. „Um ehrlich zu sein“, sagte Putin, „wir hätten nicht eine solche Arroganz, eine solche Unfreundlichkeit und unethische Art erwartet.“ Der Vergleich wolle verleumden.

Der Ministerpräsident ließ wissen, auch Russland habe „große Bedenken“ wegen mancher Tradition in der Politik der USA. Dort könnten Präsidenten gewählt werden, die nicht die Mehrheit der Wählerstimmen bekämen, attackierte er das Wahlmännersystem der USA. Wenn man darauf „unsere amerikanischen Freunde“ anspreche, heiße es: „Mischt euch nicht in unsere Angelegenheiten.“ Umgekehrt würde er raten, „sich nicht einzumischen in die souveräne Wahl des russischen Volkes“.

Über Barack Obama äußerte sich Putin freundlich. Er sei dem US-Präsidenten „dankbar“, der die Rhetorik gegenüber Russland gemäßigt und die Pläne für den Raketenschild modifiziert habe.

„Zum Schluss“ möge ihm der 77-jährige Moderator, der Mitte des Monats seine Sendung einstellt, eine Frage beantworten, schmeichelte Putin: „Warum geht der König?“ Damit dürfte er mehr Sympathie bei den Zuschauern geweckt haben als mit seinem ersten legendären Auftritt in „Larry King Live“ vor zehn Jahren. Damals hatte sich gerade das Drama um die gesunkene „Kursk“ ereignet, und auf Kings Frage, was mit dem russischen U-Boot passiert sei, sagte Putin nur: „Es sank.“ Und lächelte kurz.

Schlaflose Nächte sind der argentinischen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner sicher, seit jeder weiß, was US-Diplomaten von ihr denken: Man mache sich Sorgen um ihre „mentale Stabilität“ und frage sich ernsthaft, ob sie oft unter Medikamenteneinfluss stehe. Etwa 20.000 der Wikileaks-Dokumente beschäftigen sich mit Lateinamerika, zumeist aber nicht mit Kirchner, sondern mit Venezuelas Präsident Hugo Chávez – und dessen engen Beziehungen zum Iran. Keinen Zweifel lassen die Amerikaner daran, dass Chávez seinen eigenen Streitkräften misstraut und sich von kubanischen Sicherheitskräften rund um die Uhr bewachen lässt: „Die kubanischen Offiziere haben direkten Zugang zu Chávez und übergehen dabei systematisch ihre venezolanischen Kollegen.“

Alle sind mehr oder weniger wütend auf den Mann, der das alles angezettelt hat: Julian Assange. Aber wer ist dieser Mann? Er glaubt an die totale Transparenz – außer, wenn es um ihn selbst geht. Die australische Zeitung „Sydney Morning Herald“ hat eine ehemalige Mitbewohnerin aufgespürt, die anonym bleiben will. Sie hat Anfang 2007 mit Assange ein Zimmer in Melbourne geteilt.

Damals, erzählt sie, steckte Wikileaks noch in den Kinderschuhen. Das Haus in Melbourne war bewohnt von Computerbesessenen. Manchmal sei sie mitten in der Nacht aufgewacht und habe Assange immer noch vor dem Bildschirm kleben sehen. Oft habe er vergessen zu essen oder zu schlafen. Quer über die Wände und Türen habe er mathematische Formeln gekritzelt. Und in seinem Zimmer brannten rote Glühbirnen. Offenbar hatte er die Theorie, dass jeder Mensch, der plötzlich aufwacht und nur das sanfte Licht eines Lagerfeuers sieht, schnell wieder einschlafen könne.

Julian Assange wurde mit 18 Vater

Er habe nicht akzeptieren wollen, dass der Mensch mehrmals am Tag Nahrung zu sich nehmen müsse, und so habe er mit nur einer Mahlzeit in zwei Tagen experimentiert, um effizienter zu werden. Ein Besessener: „Er war immer extrem zielstrebig“, meint seine Zimmergenossin.

Im vergangenen Mai führte der „Herald“ mit Assange eines seiner seltenen Interviews, in dem es auch um sein Studium ging. Vier Jahre lange hat er Mathematik und Physik studiert, die meiste Zeit in Melbourne, bis er das Studium 2007 ohne Abschluss – aber nach „ausgiebiger Gewissensprüfung“ – an den Nagel hing. Es habe ihn allzu sehr ernüchtert, wie viele seiner Mitstudenten für das US-Verteidigungssystem recherchiert hätten.

Er hatte das Studium gemeinsam mit seinem Sohn Daniel aufgenommen, schreibt „The Australian“. Julian Assange war 18, als er Vater wurde, sein Sohn ist heute 21. Die Zeitung sprach auch mit Christine Assange, Julians Mutter. Er sei ein „Sucher nach der Wahrheit“, meint sie. Seinen ersten Computer hat sie ihm gekauft, als er 13 Jahre alt war. „Er war ein neugieriges Kind“, erzählt die Mutter. Sie hat ihn zu dem Glauben erzogen, dass das Böse gedeiht, wenn die guten Menschen nichts unternehmen.

„Er betrachtet das, was er tut, als etwas Gutes, er bekämpft die Bösen, wenn Sie so wollen.“ Ihr „hochintelligentes Kind“ sei ohne Religion erzogen worden, aber mit einem starken ethischen Kodex. „Er war ein liebenswerter Junge, sehr sensibel, geschickt mit Tieren, ruhig und mit einem ungewöhnlichen Sinn für Humor.“ Sein Hintergrund sei weniger technologisch als „kreativ und mit Liebe zum Lernen und zu Büchern“.

Heute ist Julian Assange ein Weltenbummler, der mit Rucksack und Laptop rastlos um die Welt reist und auf Flughäfen lebt. Auf die Frage nach einem Ort, den er sein Zuhause nennt, antwortete er: „Ich habe vier Stützpunkte, wo ich hinkann, wenn ich krank bin.“ Anfang des Jahres hat er eine Weile in Island verbracht – offenbar einer dieser Stützpunkte. Seine zweite Basis ist Kenia, wohin er in den vergangenen Jahren immer wieder zurückgekehrt ist. Er mag Kenia, das Land habe „außerordentliche Möglichkeiten für Reformen“. Seine dritte und vierte „Heimat“ nennt er nicht.

„Den Sinn für Perspektive, den der Umgang mit verschiedenen Kulturen gibt, finde ich extrem wertvoll“, so Assange, „weil er es erlaubt, die Struktur eines Landes mit größerer Klarheit zu sehen. Und es sorgt für mentale Unabhängigkeit.“ Er selbst sieht sich nicht als Computerguru: „Ich lebe ein intellektuelles Leben. Ich bin in vielen Dingen gut, außer in der Rechtschreibung.“

Wie er Nationale Sicherheit definiert? „Wir definieren sie nicht. Wir sind daran nicht interessiert. Wir sind an Gerechtigkeit interessiert. Wir sind eine supranationale Organisation. Deshalb interessieren wir uns nicht für nationale Sicherheit.“ Assange hält sich selbst für „extrem zynisch“. „Ich habe jede Ecke, den Boden, die Wände und die Decke in meinem Raum schwarz angestrichen, bis nur noch eine Ecke übrig war“, erzählt er. „Das war für mich wie ein erzwungener Zug beim Schach, wenn man etwas tun muss, um das Spiel nicht zu verlieren.“ War denn Wikileaks sein persönlicher „erzwungener Zug“? „So fühlt es sich für mich an, ja. Es gab keine andere Möglichkeit für mich.“

al/salz/mibo/pb/A.G./Stg./som