Kommentar

Die atomare Abrüstung ist eine utopische Debatte

| Lesedauer: 4 Minuten
Michael Stürmer

Was US-Präsident Barack Obama wollen muss, sind Zähmung, Eindämmung und Regulierung des Nuklearen. Die weltweite Nulllösung ist als Fernziel zwar vorstellbar, doch nicht bald realisierbar und sogar, sofern aus der Geschichte zu lernen ist, wenig wünschenswert. Der Weg vom Traum zum Albtraum ist nicht sehr weit.

Der Weg vom Traum zum Albtraum ist mitunter nicht sehr weit. Das gilt insbesondere dann, wenn es sich um die Abschaffung der Atomwaffen handelt, wie Präsident Obama sie dieser Tage vom Prager Gipfel verkündete. Es ist daran zu erinnern, dass die Epoche von Kain und Abel bis zur Kapitulation der deutschen Wehrmacht und der Verbrennung zweier japanischer Städte im nuklearen Feuer nuklearwaffenfrei war, eingeschlossen alle Massaker, Völkermorde und Kriege der Weltgeschichte. Die vier Jahrzehnte des Kalten Krieges dagegen, obwohl die nuklearen Supermächte vom Nordkap bis in den Mittleren Osten und noch weit darüber hinaus gegeneinander aufmarschiert waren, brachten einen langen Frieden. Der aber war von nuklearer Art. Das Tragische: Gerade weil die Entfesselung des Nuklearkrieges beiden Seiten die Apokalypse versprach, blieb der Krieg gefesselt. Immanuel Kant hatte es sich im „Ewigen Frieden“ noch ganz anders vorgestellt.

Allerdings: Es war eine bipolare Struktur, beide Seiten waren füreinander berechenbar, beide glaubten, wenngleich auf je verschiedene Weise, an den Fortschritt und dass sie die Erde erben würden. Auch wollten die Führer im Bett sterben. Das alles zwang die Mächte in vordem unvorstellbare Disziplin und Zurückhaltung, mit der strategischen Rüstungskontrolle sogar in eine Art martialisches Ballett. Das alles ist vorbei, mehr oder weniger. Nukleare Waffen sind, wenngleich in erheblich verminderter Zahl, noch immer in den Arsenalen der Supermächte – beide Seiten zusammen verfügen noch immer über etwa 22.000 Gefechtsköpfe strategischer und taktischer Dimension. Dazu kommen chinesische, französische und britische Waffen, die innerhalb des Atomwaffensperrvertrags als legitim gelten, während die anderen Atommächte – Indien, Pakistan und mutmaßlich Israel – außerhalb des Vertrages stehen.

Atomwaffen sind unerbittliche Gleichmacher. Das macht sie attraktiv für Staaten, die aufsteigen und sich unangreifbar machen wollen. Das gilt für den Iran und ähnlich auch für Nordkorea, wobei Waffentechnologie auch des düsteren Landes einzige Haupteinnahmequelle ist. Proliferation der apokalyptischen Waffen ist heute die größte aller Gefahren, zumal in den Händen mörderischer Revolutionäre.

Was Präsident Obama will, ist zugleich utopisch und taktisch. Verhandlungstaktisch gilt es, mit Russland Start (Strategic Arms Reduction Treaty) vor dem Auslaufen am Jahresende 2009 zu verlängern. Beide Seiten werden wahrscheinlich auf etwa 1000 Systeme heruntergehen – immer noch mehr als genug – und dafür eindringende Inspektionen vereinbaren. Gleichzeitig bietet Obama, wie schon im Atomwaffensperrvertrag vorgesehen, solchen Staaten, die auf Nuklearwaffen verzichten, Technologie und Brennstoff an, freilich unter den strengen Kontrollen der Wiener International Atomic Energy Agency, die an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen berichtet. Es gilt, dadurch Legitimität zu schaffen für das Zweiklassensystem der Haves und der Have-Nots, zugleich den Druck zu erhöhen auf die gefährlichen Störenfriede.

Aber die Debatte ist auch utopisch. Denn wie kann das nukleare Geheimnis, einmal in die Labors, die Fabriken und ins Internet vorgedrungen, dem kollektiven Vergessen anheimgegeben werden? Wie können die Gedanken ungedacht, die Versuchungen unversucht gemacht werden? Und wenn es denn doch gelänge durch ein allumfassendes Kontrollsystem: Wer kontrolliert die Kontrolleure? Und würde eine alles wissende, alles sehende und alles kontrollierende Welt-Oberaufsicht auch den konventionellen Krieg, das heißt jeden Krieg unterhalb der nuklearen Schwelle, verlässlich verhindern? Die Frage stellen heißt, sie zu verneinen.

Als Ronald Reagan 1983 versprach, nukleare Waffen „obsolet und impotent“ zu machen, setzte er auf den Sieg der höheren Technologie über die hohe Technologie. Doch Raketenabwehr ist bis heute ungewiss und umstritten.

Was Obama wollen muss, sind Zähmung, Eindämmung und Regulierung des Nuklearen. Das geht nur im strategischen Kartell mit Russland. Beide Seiten haben am Prozess wie am Ergebnis mehr Interesse als in Zeiten der Sprachlosigkeit bemerkbar. Die weltweite Nulllösung dagegen ist als Fernziel vorstellbar, doch nicht bald realisierbar und sogar, sofern aus der Geschichte zu lernen ist, wenig wünschenswert.

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