Atomwaffen

Russland schweigt zu Obamas Abrüstungsvision

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Ulf Mauder

Foto: AP

Vollmundig hat US-Präsident Barack Obama auf dem Nato-Gipfel seine Vision einer atomwaffenfreien Welt angekündigt. In Russland ist die Reaktion auf die Vision des Amerikaners allerdings äußerst verhalten. Aus russischer Sicht ist eine starke Reduzierung der Atomwaffen nicht unbedingt vorteilhaft.

Moskau hüllt sich nach dem internationalen Jubel um die Prager Rede von US-Präsident Barack Obama in Schweigen.


Die russischen Zeitungen setzten Obamas Vision von einer atomwaffenfreien Welt auf die hinteren Seiten oder ignorierten die Abrüstungsvorschläge ganz.


Dabei war der US-Präsident doch ausdrücklich auf Forderungen Russlands eingegangen, die beiden größten Atommächte müssten gemeinsam gegen internationale Bedrohungen vorgehen. Moskaus Medien aber reagierten mit Kritik an der Nato und Verärgerung über Obamas Festhalten an den US-Raketenabwehrplänen für Mitteleuropa.


"Alles nicht so einfach!", schrieb die Zeitung „Iswestija“. Das Blatt zeigte auf einem Foto lediglich die Gegner des in Tschechien und Polen geplanten Abwehrsystems bei einer Demonstration am Rande von Obamas Auftritt in Prag.


Kremlnahe wie regierungskritische Medien sehen in der Nato und den USA weiter eher eine Bedrohung als Friedenskräfte. Eine mögliche atomare Gefährdung durch den Iran, vor der Obama warnt, ist für viele Russen dagegen nur Fiktion.


Aus russischer Sicht sei eine zu starke Reduzierung der Atomwaffen nicht sehr vorteilhaft, mahnte der Militärexperte Pawel Solotarjow von der Russischen Akademie der Wissenschaften. Die USA breite ihren Einfluss auch mit Hilfe anderer Waffen und Abwehrsysteme aus.


"Eine (atomare) Abrüstung ohne Berücksichtigung der vielfachen Raketenabwehrsysteme der USA kann es nicht geben", sagte Solotarjow der Zeitung "Wremja Nowostej", die als einzige Obamas Rede zur Titelgeschichte machte.


Russische Kommentatoren unterstrichen nach der Prager Rede das weiter tief sitzende Misstrauen zwischen Moskau und Washington. Wichtigstes Beispiel ist die von Moskau nicht erwünschte Osterweiterung der Nato.


Auch unter dem künftigen Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen sei kein Kurswechsel in Sicht, stellte die „Komsomolskaja Prawda“ fest. Der Däne sei im Geiste des Kalten Krieges erzogen. „Auch er wird die Interessen Russlands auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion nicht anerkennen.“


Russlands Nato-Botschafter Dmitri Rogosin warf dem Militärbündnis nach dem Gipfel vom Wochenende „Zynismus“ vor. „Die USA rechnen die gesamte Welt weiter zu ihrem Interessengebiet, aber wenn Russland über seine Einflusssphären spricht, gibt es im Westen gleich einen Aufschrei“, sagte Rogosin.

Russland ist gegen eine Aufnahme der Ex-Sowjetrepubliken Georgien und Ukraine in die Nato. Seit Russland nach dem August-Krieg im Südkaukasus die von Georgien abtrünnigen Regionen Abchasien und Südossetien gegen internationalen Protest anerkannt hat, liegen beide Seiten trotz jüngster Annäherung weiter über Kreuz.


Auch Kremlchef Dmitri Medwedjew und Obama machten ihre Differenzen im Umgang mit Georgien erst in der vergangenen Woche in London deutlich. Moskau warf Washington sogar vor, mit militärischer Hilfe revanchistische Tendenzen des angeschlagenen georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili zu schüren.


Diese Spannungen dürften auch den im Mai geplanten Besuch des russischen Außenministers Sergej Lawrow in den USA überschatten. Lawrow will dort mit seiner Kollegin Hillary Clinton vor allem über ein Nachfolgeabkommen für den 2009 auslaufenden Vertrag über die Reduzierung strategischer Waffen (Start) verhandeln. Und er bereitet dort Obamas erste Amtsreise nach Moskau vor. Sie ist im Juli geplant.

(dpa)

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