Großbritannien ist weiter. „Terroristen brauchen verschiedene Identitäten. Kennen Sie jemand, der Ausweispapiere mit verschiedenen Namen ohne offensichtlichen Grund hat?“, heißt es im Leitfaden der britischen Regierung für die Bevölkerung.
In dem Papier, das den Titel „Specialist Operations“ trägt, stehen ein Dutzend konkrete Anweisungen, wie „Communities“ der Polizei helfen können, Terrorismus zu bekämpfen. Die Bürger sollen darauf achten, ob eine auffällige Person Lagerräume oder Garagen anmietet, ob sie „große Mengen“ von Mobiltelefonen benutzt oder häufig terroristische Internetseiten anklickt. Das Motto lautet: „Pursue, prevent, protect, prepare“ – zu Deutsch: „Verfolgen, verhindern, beschützen, vorbereitet sein“.
In Deutschland dachten Regierung und Sicherheitsbehörden bislang nicht daran, die Bevölkerung auf diese Weise einzuspannen. Außer einem dramatischen Appell von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, besonders „wachsam“ zu sein und etwa auf „herrenlose“ Koffer zu achten, ist kaum etwas passiert. Angesichts seiner erstmals sehr konkreten Warnungen vor Anschlägen sind viele Bundesbürger, darunter sogar Sicherheitspolitiker, merklich beunruhigt.
Medien verbreiten bereits Interviews mit Psychologen, die erklären, wie sich die Terrorwarnungen auf die Befindlichkeit der Menschen auswirken. Der Potsdamer Notfallpsychologe Gerd Reimann schließt „Panikattacken“ nicht aus. Da nützt es wenig, wenn de Maizière sagt: „Es gibt Anlass zur Sorge, aber keinen Grund zur Hysterie.“ Die unterschiedlichen Aussagen der Botschaften, dass es einerseits noch nie so viele konkrete Terrorhinweise gab, man andererseits aber ruhig bleiben soll, können viele Bürger nicht unter einen Hut bringen.
Der Innenminister schlägt Alarm, und die Bürger fragen: Was heißt das, was soll und kann ich selbst tun? Nichts anderes als sonst, lautet die Antwort. Das verstehen nicht alle: Warum warnt de Maizière dann so laut? Auf jeden Fall lassen er und auch die gesamte Regierung die Bürger mit ihren Fragen ziemlich allein. Hätte die Regierung nicht spätestens nach dem versuchten Anschlag der „Kofferbomber“ 2006 und dem vereitelten Anschlag der Sauerlandzelle 2007 damit beginnen sollen, eine große Aufklärungskampagne zu starten? Oder vielleicht schon vorher?
Es ist ein kleines Wunder, dass die Deutschen eine solche Katastrophe noch nicht erlebt haben. Aber für Wunder gibt es keine Garantien. Vor drei Jahren wurden die sogenannten Sauerlandbomber verhaftet, allerdings erst nach Hinweisen amerikanischer Dienste. Die vier jungen Islamisten hatten Attentate auf US-Einrichtungen in Deutschland mit Autobomben vorbereitet. Und 2006 waren die „Kofferbomber“ unterwegs. Sie hatten nur deshalb keinen Erfolg, weil die Sprengsätze wegen eines handwerklichen Fehlers nicht explodierten.
Die beiden Libanesen hatten damals aus Protest gegen die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen schon ihre Bomben in Regionalzügen deponiert. Die Täter waren von Überwachungskameras im Kölner Hauptbahnhof gefilmt worden. Einer stellte sich in Tripoli (Libanon), der andere konnte im Kieler Bahnhof festgenommen werden. Auch in diesem Fall kam der entscheidende Hinweis für den Zugriff aus dem Ausland, der libanesische militärische Nachrichtendienst hatte Telefonate des Mannes abgehört.
Kann so viel Glück wahr sein?
De Maizière setzt auf eine Strategie der „Vorbeugung und Abschreckung“. Das Konzept hat nach seiner Überzeugung im Umfeld der Bundestagswahl 2009 und bei der Fußball-WM 2006 funktioniert, als die Sicherheitsmaßnahmen so wie jetzt verstärkt wurden. So hätten die Kofferbomber ihre Sprengsätze laut Sicherheitsbehörden eigentlich noch während der WM zünden wollen, diesen Plan aber wegen der erhöhten Schutzmaßnahmen verschoben. De Maizière aber ist klar, dass sich al-Qaida auf diese Weise nicht abschrecken lässt. Denn diese Terroristen zeigen eine „Tatausführungstreue“, die nicht weit entfernt von der Präzision einer Schweizer Uhr ist. Das bedeutet: Was das Netzwerk plant, führt es meistens auch aus. In hohen Sicherheitskreisen heißt es dazu: „Wir müssen jederzeit mit Anschlägen in Deutschland rechnen.“
Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, sieht die Behörden trotzdem gut gewappnet gegen Terrorkommandos, die auf Helfer, Logistik und Fahrzeuge angewiesen sind. Da entstehen viele Spuren. Was Ziercke viel mehr fürchtet, sind fanatisierte Einzeltäter. Sie führen ihre Anschläge als Selbstmordattentäter aus oder zünden die abgelegten Sprengsätze mit Zeitzündern oder ferngesteuert, zum Beispiel über Mobilfunk. Um größtmögliche Panik auszulösen, haben sie es vor allem auf „weiche Ziele“ abgesehen, also auf Bahnhöfe, Flughäfen, öffentliche Plätze, Hotelfoyers und Restaurants. Ähnlich wie Ziercke denkt de Maizière: Er ließ die Polizeipräsenz erhöhen – bundesweit patrouillieren demonstrativ Polizisten mit Maschinenpistolen und Schutzwesten.
In Hamburg wurde in den letzten Tagen ein Gebäude besonders gut geschützt: das „Le Royal Méridien“ an der Alster. Dort tagte die Innenministerkonferenz (IMK) erstmals nach Verkündung der neuen Bedrohungsszenarien. Vor den Türen und im Innern des Luxushotels wimmelte es von Sicherheitsbeamten. Sie wachten die ganze Nacht auf den Gängen und vor den Hotelzimmern der Minister. Zum Auftakt der Tagung lud de Maizière seine 16 Amtskollegen aus den Ländern zu Fischspezialitäten ins Restaurant „Historische Speicherböden“ in der Speicherstadt.
Dennoch fanden die Ressortchefs nicht nur freundliche Worte. Beim Buffet beispielsweise bemängelte sein bayerischer Kollege Joachim Herrmann (CSU) die Informationspolitik des Christdemokraten. Herrmann rügte, dass de Maizière am Mittag in Berlin seine Terrorwarnung auf einer Pressekonferenz bekannt gemacht hatte, die Landesinnenminister aber nicht rechtzeitig vorher in Kenntnis setzte. Die Telefonschaltkonferenz gab es erst eine Stunde später. Das fand der Bayer überhaupt nicht lustig: „Es wäre nicht schlecht, wenn zuerst wir und dann die Presse informiert worden wäre.“
Als am Donnerstag ein „verdächtiges Gepäckstück“ am Flughafen in Windhuk auftauchte, drohte die Stimmung in Deutschland angesichts der Sorge vor dem Terror umzuschlagen. Im Minutentakt setzten die Agenturen ihre Eilmeldungen ab. Eine schrieb sogar: „Die namibische Polizei hat einen möglichen Sprengstoffanschlag auf einem Flug nach Deutschland vereitelt.“ Rasch war, wie in der „Süddeutschen Zeitung“, ein neuer Hort des Terrorismus ausgemacht.
Die ehemalige deutsche Kolonie Namibia, in der bislang eher Urlauber wilde Tiere jagen. Doch bereits am Vormittag sollen BKA-Ermittler am Rande der Innenministerkonferenz in Hamburg laut Teilnehmern ein Foto des vermeintlich gefährlichen Gepäckstücks gezeigt haben. Die Beamten mahnten, man solle mit Bewertungen vorsichtig umgehen, da es sich möglicherweise um eine Attrappe handeln könnte. Auch die Fluggesellschaft Air Berlin äußerte sich sehr zurückhaltend und teilte lediglich mit, dass entdeckte Paket sei nicht an einen bestimmten Zielort adressiert gewesen.
BKA und FBI ermitteln
De Maizière schlug die Mahnungen zur Mäßigung in den Wind und erklärte noch am Donnerstag, „es spreche sehr viel dafür, dass das Gepäckstück in einer Maschine transportiert werden sollte, die nach München fliegen sollte“. Erst am nächsten Tag, zum Abschluss der Innenministerkonferenz, kam seine Entwarnung: Nun bestätigte der Minister, dass der am Flughafen in Windhuk wegen Sprengstoffverdachts sichergestellte Koffer eine „ungefährliche Attrappe“ war.
Nach Angaben der Polizei in Namibia stammt der Koffer von der kalifornischen Firma Larry Copello, die Alarm- und Erkennungssysteme herstellt. BKA und FBI würden vor Ort gemeinsam ermitteln, sagte de Maizière. Ob möglicherweise deutsche Sicherheitsbehörden an dem Testlaufpaket in Windhuk beteiligt waren, wollte er nicht ausschließen: „Auch das wird Gegenstand von Ermittlungen sein.“





