Landtagswahl

Mappus droht das Aus, Merkel der Anfang vom Ende

Kanzlerin Merkel hatte in Stefan Mappus ihren konservativen Außenspieler gefunden. Alles war gut, bis ein Tsunami die Reaktoren von Fukushima erreichte.

Foto: REUTERS

Es ist noch kein Jahr her, da sprach die Kanzlerin einmal gut über Stefan Mappus. Damals hatten die deutschen Atomkraftwerke noch keine verlängerten Laufzeiten und die japanischen waren noch keine strahlenden Ruinen. Der Union stand keine Atomkraftdebatte, sondern eine Konservatismusdebatte bevor, und Angela Merkel, die sich Gedanken gemacht hatte, sagte zu Vertrauten: „Jetzt kann so einer wie Stefan Mappus alles richtig machen.“

Erst wenige Tage vorher hatte Roland Koch seinen Rückzug aus der Politik angekündigt. In der Union fürchteten immer mehr, die ganze Partei solle so mittig und wendig werden wie Merkels Kernteam. Als „Außenspieler“, wie sie es nannte, suchte Merkel damals einen rechten Flügelexponenten zur Austarierung der Partei. Sie fand Mappus. Der bullige Pforzheimer sollte für Merkel den Beweis erbringen, den man ihr selbst nicht mehr abnahm: dass die CDU noch die CDU ist.

Selten ist ein politisches Vorhaben so schiefgegangen. Heute weiß niemand mehr, wofür die CDU steht. Erst hat Merkel – unter Anfeuerung von Mappus– die Laufzeiten für die deutschen Reaktoren verlängert, dann, nach dem Unglück von Fukushima, setzte sie – auf flehentliches Bitten von Mappus – eben diese Laufzeitverlängerung aus und legte sieben Meiler sofort still. Ein atemberaubendes Manöver, hart am Verfassungsbruch, zerstörerisch für die Glaubwürdigkeit beim Wähler: Die Merkel-CDU sackte im Bund auf 33 Prozent.

Die Mappus-CDU im Ländle taxierte drei Tage vor der Landtagswahl auch nur noch bei 38 Prozent. Schwarz-Gelb, die einzige Option, die Mappus hat, lag fünf Prozentpunkte hinter Grün-Rot. Tendenz, nach der Stimmenthaltung zur Flugverbotszone über Libyen und Zugeständnissen beim Euro-Rettungsschirm: fallend. Baden-Württemberg bekommt vielleicht den ersten grünen deutschen Ministerpräsidenten. Für Mappus wäre dies das Karriereende. Für Merkel vielleicht der Anfang vom Ende. Wie konnte es passieren, dass zwei so unterschiedliche Politiker in die gleiche Falle tappten?

Mappus hatte schon immer ein ganz spezielles Verhältnis zur Atomenergie. „Ich bin kein Atomideologe“, hat Mappus nach Fukushima gesagt. Dafür ist er verspottet worden – zu Unrecht. Denn für Mappus war die Kernenergie tatsächlich immer nur ein Mittel zum Zweck. Der war nicht Stromerzeugung, sondern: Kante zeigen, Profil schärfen.

Als Mappus 20 war, explodierte Tschernobyl. Politisch war der Sohn eines Schumachers und einer Arbeiterin aus der Kleinstadt Mühlacker da schon fertig sozialisiert, CDU-Mitglied und jahrelang in der Jungen Union aktiv. Während ganz Deutschland – und vor allem Mappus' Generation – in apokalyptischen Ängsten schwelgte, provozierte Mappus im Politikleistungskurs als Konservativer. Seinen Grundwehrdienst leistet er in Philippsburg, quasi im Schatten des gleichnamigen AKWs. Sein Idol ist Helmut Kohl, der Kanzler, der an Kernenergie festhielt, damals wie heute. Die Verteidigung der guten alten Bundesrepublik gegen die Anti-Atomkraft-Bewegung bleibt das politische Urerlebnis von Mappus. Noch die Wucht der Proteste gegen Stuttgart21 wirkte auf ihn „gerade so, als würden wir mitten in Stuttgart ein Atomkraftwerk bauen wollen“.

Kernkraft ist für Merkel eine kluge Methode

Merkel kennt die Schlachten von Brokdorf und Wyhl nur aus dem Westfernsehen. „Ihr fehlen 20 Jahre Anti-AKW-Erfahrung“, bescheinigte ihr Joschka Fischer, als sie unter Kohl Umweltministerin wurde. Das stimmt: Kernkraft ist für sie keine Glaubensfrage, sondern eine kluge Methode, Energie zu gewinnen. Vor allem, weil dabei so wenig CO* entsteht.

Auf dem Höhepunkt ihrer Beliebtheit als Klimakanzlerin in der großen Koalition hatte Merkel kurz erwogen, ihren Landsleuten diesen Zusammenhang klarzumachen – dann aber entschied sie sich, beliebt zu bleiben. Merkel schätzte (jedenfalls bis Fukushima) die Atomtechnologie – aber nicht unbedingt die Atomindustrie. Als sie Umweltministerin war, verheimlichten ihr die Bosse einmal verschmutzte Castoren.

Auch Mappus war einmal Umweltminister. Er legte sich damals nicht mit den Konzernen an, sondern mit der rot-grünen Bundesregierung. Aber er profilierte sich auch gegen die neue CDU-Vorsitzende, die mit einer vorsichtigen Öffnung der Partei begann.

Mappus spielt dabei den Konterpart: Als die CDU anfängt, auch offene Homosexualität zu dulden, nennt Mappus die Schwulenparade am Christopher Street Day „abstoßend“. Als von der Leyen die berufstätigen Mütter als Klientel entdeckt, lobt er die Hausfrauen. Als Mappus' Vorgänger Günther Oettinger Bande für Schwarz-Grün knüpft, ist Mappus schon Fraktionsvorsitzender und stark genug, den Spuk zu beenden. In Berlin trifft er sich im „Café Einstein“ mit drei anderen Jungpolitikern und schreibt ein konservatives Manifest. Da steht zwar nichts drin, aber jetzt kennen ihn auch die Hauptstadtjournalisten.

Persönlich ist Mappus gar nicht so: mit einer Doppelnamenfrau in gemischtkonfessioneller Ehe verheiratet, Vater zweier Söhne, Fußballfan – eben ein Mensch wie jeder andere. Konservatismus ist für ihn kein Lebensentwurf, sondern ein politisches Ticket.

Merkel fährt auf einem anderen Ticket. Aber im vergangenen Herbst – Merkels Satz über Mappus' Chancen ist gerade drei Monate alt – beschließen sie, ein Stück Weg gemeinsam zu reisen: den Weg zur Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke. Der Wirtschaftsflügel ihrer Partei und der Koalitionspartner FDP hatten schon lange darauf gedrungen, den rot-grünen Atomausstieg zurückzunehmen. So stand es schon in den Wahlprogrammen. Aber weil vergangenes Frühjahr der damalige nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) gleichfalls eine wichtige Landtagswahl bestehen wollte, hatte er ein Stoppschild aufgestellt. Mit Atom könne man keinen Wahlkampf gewinnen, meinte er. Ohne Atom gewann Rüttgers allerdings auch nicht. Jetzt war er weg.

Eingespieltes Merkel-Mappus-Team

Und die nächste wichtige Wahl hatte Mappus. Der fürchtete das Atom nicht, sondern nutzte es wieder: Profil schärfen, Härte zeigen. Diesmal erwischte es Umweltminister Norbert Röttgen, der die Atomenergie als Hindernis für eine Koalition mit den Grünen loswerden wollte. Das machte die FDP nervös, und deshalb zeigte die Kanzlerin Röttgen Grenzen auf. Mappus durfte ihn sogar öffentlich anzählen. Die Laufzeitverlängerung kam. Mappus hatte etwas in Berlin durchgesetzt – und Schwarz-Gelb endlich überhaupt einmal etwas umgesetzt. Und Merkel dabei sogar CDU pur zugelassen. Das Team Merkel-Mappus hatte sich eingespielt.

Im Gleichschritt ging es weiter: Die Kanzlerin stützte ihren Ministerpräsidenten bei Stuttgart21. Für seine Wahl hatte sie schon vorher innerparteilich ein wenig zurück zur guten alten Union gesteuert. Sie wusste, Mappus würde keine Schwierigkeiten machen, wenn es anschließend wieder in Richtung Mitte ginge. Die Kanzlerin hatte ihren konservativen Außenspieler gefunden. Alles war gut. Bis ein Tsunami die Reaktoren von Fukushima erreichte.

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