Rebellenführer

Zu Besuch bei dem Mann, der Libyen retten will

| Lesedauer: 8 Minuten

Gegen Gaddafis Truppen kämpfen Freiwillige. An ihrer Spitze steht ein Mann, den sie verehren, doch den die Welt nicht kennt: Mustafa Abd al-Dschalil.

Der Weg zu Mustafa Abd al-Dschalil, dem Kopf der Rebellion gegen den libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi, führt in den Norden des Landes, etwa 200 Kilometer weit entfernt von der betriebsamen Hafenmetropole Bengasi, in den Bergen. Dort, im Städtchen Baida, ist Dschalils Heimat. Hier herrscht ein anderes Klima als an der Küste. Ein Hagelsturm donnert durch die Straßen des Bergortes. Nach einiger Zeit nähert sich ein Mann dem Auto, er trägt einen langen dunklen Mantel und eine braune Schanna, die traditionelle runde Haube der Libyer. Der Mann war einmal Abdel Dschalils Mitarbeiter, als der noch Gaddafis Justizminister war. Heute dürfte er der Mann sein, den Libyens Diktator am meisten hasst. Es ist nicht leicht, ihn zu treffen.

Als Oberhaupt des Aufstandes gegen Gaddafi ist Dschalil ständig in Bewegung. Das macht ihn zu einem schwierigen Ziel. Er reist in einem Konvoi, bewacht von einer Schar bis an die Zähne bewaffneter Familienangehöriger. Er bewegt sich meist zwischen seinem Heimatort Baida und Bengasi, wo der Nationale Libysche Übergangsrat – die Gegenregierung zu Gaddafi – ihren Sitz hat.

Der Mann mit der Schanna und einer von Dschalils Sicherheitsleuten bringen uns in Büro im Zentrum von Baida. Es ist schon lange dunkel, als Dschalil in einem schwarzen Geländewagen erscheint, begleitet von einer Gruppe von Leibwächtern, die meisten mit Kalaschnikows, einer mit einem belgischen Sturmgewehr FN FAL und Patronengurten über kreuz um die Brust geschnallt. Dschalil ist ein zierlicher, stiller Mann mit schwarzer Haube auf dem Kopf und einem weißen, sauber gestutzten Bart. Auf den ersten Blick würde man ihn für einen Wissenschaftler halten, einen Hochschullehrer vielleicht. Er ist in jeder Hinsicht die Antithese zum lautstarken Exzentriker Gaddafi. Angeblich verhandeln die beiden über Mittelsmänner miteinander, zumindest wird das in den Medien verbreitet.

„Ich habe das auch im Fernsehen gehört“, sagt Dschalil. „Einer von Gaddafis Leuten, den viele Menschen sehr respektieren, ist im libyschen Fernsehe aufgetreten und hat gefordert, wir müssten aufhören, uns zu bekämpfen. Natürlich wollen wir aufhören zu kämpfen – wir wollen doch nur unsere Freiheit. Aber wenn Gaddafi wirklich Frieden will, dann muss er das öffentlich so sagen.

Wenn er Libyen innerhalb von zwei Tagen verlässt, dann werden wir von einer Strafverfolgung vielleicht absehen. Aber letztlich müssen das die Familien der Opfer entscheiden. Gaddafi hat viele Menschen umgebracht. Unsere Bedingungen sind: Gaddafi muss das Land verlassen und im Exil leben, mit dem Verbot, sich in die politischen, wirtschaftlichen oder militärischen Angelegenheiten Libyens einzumischen.“

Nach Informationen aus den Reihen des Übergangsrates gibt es Hinweise von Gaddafi-Loyalisten, dass der Diktator einen Handel mit der Opposition machen will. Eine mögliche Variante, so habe man die Rebellen wissen lassen, wäre freies Geleit für Gaddafi im Austausch für Immunität gegen mögliche Nachstellungen der Justiz und die Kontrolle über sein Vermögen. Der Rat, eine 31-köpfige Versammlung aus Mitgliedern verschiedener Oppositionsgruppen und Ausschüssen befreiter Städte – prüft noch, ob dieses Angebot authentisch ist oder ob es nur dazu dienen soll, die Opposition zu spalten oder Zeit zu gewinnen.

Gaddafis Truppen und die Rebellen-Miliz haben sich in den vergangenen Tagen heftige Kämpfe um die Öl-Häfen Sawija und Ras Lanuf geliefert. Der Übergangsrat hat darum die Vereinten Nationen um die Einrichtung einer Flugverbotszone gebeten, um den Luftschlägen Einhalt zu gebieten, mit denen das Regime den Vormarsch de Rebellen in den vergangenen Tagen stoppen konnte.

Die Hoffnung auf eine Flugverbotszone

Bisher haben die Aufständischen keines ihrer eigenen Kampfflugzeuge eingesetzt. Sie verlassen sich auf mehr als 30 Jahre alte Luftabwehrgeschütze aus sowjetischer Produktion. Abgesandte des Übergangsrates trafen in Ägyptens Hauptstadt Kairo mit Vertretern der amerikanischen Regierung zusammen. Worüber sie sprachen, wurde jedoch nicht bekannt gegeben.

„Wir hoffen, dass die Flugverbotszone oder eine ähnliche Maßnahme verhängt wird, die Gaddafi daran hindert unsere Leute zu töten“, sagt Dschalil. „Er benutzt seine Lufthoheit, um Söldner ins Land zu bringen, Waffen und Material um Libyer zu töten. Die Flugverbotszone ist alles, was wir wollen – etwas, damit das ein fairer Kampf wird zwischen Gaddafi und den Revolutionären. Aber wir wollen keine ausländischen Soldaten in Libyen.“

Unglücklicherweise, so Dschalil, ist Libyens Öl dem Westen wichtiger als Libyens Bevölkerung. „Wenn es kein internationales Eingreifen gibt, wird Gaddafi unser Land zerstören. Ihm ist es gleichgültig, wenn Menschen sterben.“ In einem Interview mit einem türkischen Journalisten erklärte Gaddafi, die Einrichtung einer Flugverbotszone würde belegen, dass eine kolonialistische Verschwörung im Gange sei.

„Dann würden alle Libyer merken, dass es in Wahrheit darum geht, Libyen unter Kontrolle zu bringen, den Menschen ihre Freiheit zu nehmen und ihr Öl“, so Gaddafi. „In diesem Fall würden alle Libyer zu den Waffen greifen und kämpfen.“ Gaddafi hat auch mehrmals behauptet, die Terrororganisation al-Qaida stecke hinter der Rebellion. Diesen Vorwurf weist der Übergangsrat als Propaganda zurück, die nur dazu dienen solle, dem Westen Angst einzujagen.

Bevor er vor vier Jahren zum Justizminister ernannt wurde, arbeitete der achtfache Familienvater Abd al-Dschalil seit 1978 als Richter. Er war der erste Minister Gaddafis, der die Revolution unterstützte. „Als sie anfingen, mit scharfer Munition auf friedliche Demonstranten zu schießen und 15 Menschen starben, was ich hier in Baida mit meinen eigenen Augen gesehen habe, und dann auch noch Häftlinge aus dem Gefängnis freiließen um Chaos zu schüren und das Gerichtsgebäude niederzubrennen, da habe ich entschieden zurückzutreten und mich der Revolution anzuschließen“, sagt er.

Für die Libyer war Abd al-Dschalils Abfall keine Überraschung. Schon als Minister habe er als einer der ganz wenigen Gaddafi öffentlich dafür kritisiert, dass er die Justiz behindere, berichtet sein politischer Berater Ahmed Dschebril. „Wenn das Gericht einen Häftling freilassen wollte, so hielt ihn der Sicherheitsapparat hinter Gittern“, sagt Dschebril. „Als Herr Abd al-Dschalil Richter in Tobruk war, urteilte er in einem Fall, in dem zwei Brüder einen Mann getötet hatten, der mit ihrer Schwester geschlafen hatte. Er verurteilte die Brüder, aber dann hob Gaddafi das Urteil auf mit der Begründung, unter diesen Umständen sei das Verbrechen nachvollziehbar.“

Dschalil klärte Hunderte Fälle von staatlicher Landenteignung auf und revidierte Urteile, die aufgrund schwacher Indizien gefällt worden waren. Das machte ihn bei vielen Libyern beliebt obwohl er ein Teil des Regimes gewesen ist. Sie sehen in ihm jemanden, der den Staat führen kann, wenn der Diktator erst einmal verschwunden ist.

Neue Verfassung

„Er hat sich mehrfach gegen Gaddafi erhoben“, sagt der 32-Jährige Kellner Ibrahim Mansur, der Dschalil oft bewirtet hat. „Mister Mustafa hat keine Angst vor ihm.“ Alles was Dschalil sagt ist getragen von der Überzeugung, dass Gaddafi stürzen wird. Der nationale libysche Übergangsrat denkt bereits über die Zukunft des Landes nach, wenn das Regime gefallen sein wird. „Die Übergangsregierung wird so lange im Amt bleiben, bis Gaddafi fällt und die Menschen in freien Wahlen selbst über ihre Führung entscheiden können“, sagt Dschalil.

„Wir müssen eine neue Verfassung erarbeiten um einen neuen demokratischen Staat zu erschaffen, der die Menschenrechte und Religionsfreiheit respektiert. Einige sagen, das hier ist ein Bürgerkrieg. Aber der Meinung bin ich nicht. Die Rebellen versuchen, ihr Land von diesem Regime zu befreien. Wir kämpfen gegen Gaddafis Armee, nicht gegen das Volk. Und wir werden nicht aufgeben, bis das Regime fällt. Wir werden kämpfen bis zum letzten Mann.“

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