Morgenpost Online: Herr Ministerpräsident, der CDU-Bundesparteitag, der nun in Karlsruhe beginnt, droht von Spekulationen um Wolfgang Schäubles Zukunft im Kabinett überschattet zu werden …

Stanislaw Tillich: Wolfgang Schäuble hat meine Hochachtung und volle Unterstützung. Ich habe keinerlei Verständnis für diese Debatte um seine Person, sie kommt zur Unzeit. Die fachliche Expertise unseres Finanzministers ist in der Partei unbestritten.

Morgenpost Online: Kann die CDU auf Wolfgang Schäubles Mitwirkung im Kabinett überhaupt verzichten?

Tillich: Wolfgang Schäuble ist auch im historischen Vergleich mit seinen Vorgängern ein herausragender Finanzminister. Er ist ein wichtiger Stabilitätsanker dieser Bundesregierung.

Morgenpost Online: Welches Signal muss vom CDU-Bundesparteitag ausgehen?

Tillich: Zwei Signale sind mir wichtig. Erstens: Wir stehen geschlossen hinter Angela Merkel. Zweitens: Wir stellen uns im Bundesvorstand wie im Präsidium personell überzeugend neu auf und legen damit die Grundlage für eine erfolgreiche Zukunft.

Morgenpost Online: Im ZDF-„Politbarometer“ hat die Union in der Wählergunst wieder leicht zugelegt und liegt jetzt bundesweit bei 33 Prozent. Grund genug, das entschiedene „Weiter so“ auszurufen?

Tillich: Der inhaltliche Modernisierungsprozess der CDU wird und muss weitergehen. Ich sehe mit Genugtuung, dass wir in der Bundesregierung inzwischen souveräner agieren als kurz nach dem Start. Das wird offenbar von der Bevölkerung anerkannt.

Morgenpost Online: Was muss Ihre Partei anders machen, wenn sie in Deutschland wieder Wahlergebnisse um die 40 Prozent erzielen will?

Tillich: Der CDU muss es gelingen, ihre Politik besser zu verkaufen, als das in der Vergangenheit der Fall war. Es ist doch ein grandioser Erfolg, dass wir in wirtschaftlich so schwierigen Zeiten die Arbeitslosigkeit von fünf auf unter drei Millionen drücken konnten. Wir stehen für die Innovationsfähigkeit in diesem Land. Von den Ergebnissen dieser Politik muss die CDU stärker profitieren.

Morgenpost Online: Teilen der CDU ist der Kurs der Vorsitzenden zu moderat. Gefordert wird, die Partei müsse ihr konservatives Profil schärfen. Unterstützen Sie das?

Tillich: Ich halte nichts von dieser Konservativismus-Debatte. Ich teile die Auffassung der Vorsitzenden, dass die CDU ihre drei Wurzeln gleichermaßen pflegen muss: die liberale, die christlich-soziale und die konservative. Diese breite inhaltliche Aufstellung macht doch gerade unsere Stärke aus. Sie macht uns zur einzigen echten Volkspartei, die es in Deutschland gibt. Ich glaube, dass allen Flügeln der CDU genug Raum gegeben wird, sich zu entfalten. Wir brauchen keine Kurskorrektur.

Morgenpost Online: Stattdessen wollen Sie die Aussetzung der Wehrpflicht beschließen.

Tillich: Ich warne davor, das Thema zu ideologisch zu betrachten. Die Aussetzung der Wehrpflicht ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit, keine Frage von links oder rechts. Ich erwarte eine Debatte, aber ich rechne am Ende mit einer überzeugenden Mehrheit.

Morgenpost Online: Es gibt im Adenauer-Haus Befürchtungen, wonach Frau Merkel bei ihrer Wiederwahl ein Denkzettel für den schlechten Start von Schwarz-Gelb bekommen könnte.

Tillich: Die hohen Beliebtheitswerte der Bundeskanzlerin in der Bevölkerung zeigen, dass ihre Arbeit für Deutschland honoriert wird. Ich rechne damit, dass Angela Merkel bei ihrer Wiederwahl ein sehr überzeugendes Ergebnis bekommen wird.

Morgenpost Online: Ist Angela Merkel eine Konservative?

Tillich: Sie sagt das von sich, und ich glaube es ihr. Das schließt aber die Bereitschaft zu Veränderungen nicht aus. Es ist die Stärke der CDU und ihrer Vorsitzenden, dass sie dazu immer in der Lage war.

Morgenpost Online: Die Grünen scheinen auf dem besten Weg zur neuen Volkspartei zu sein. Wie groß ist die gemeinsame Wertebasis mit der CDU?

Tillich: Es gibt sicherlich Gemeinsamkeiten, zum Beispiel den Aspekt der Bewahrung der Schöpfung. Inzwischen verstehen sich manche Grüne in Sachsen ja durchaus auch auf vernünftige und generationengerechte Haushaltspolitik. Aber von einer Volkspartei sind sie noch weit entfernt.

Morgenpost Online: Wenn Sie an die CDU von übermorgen denken – wer sind für Sie die Top drei, die das Format haben, mal ins Kanzleramt einzuziehen?

Tillich: Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich Ihnen diese Frage hier jetzt beantworte. (lacht)