USA und Russland

Ein Agentenaustausch, so filmreif wie mysteriös

| Lesedauer: 7 Minuten
Manfred Quiring

Foto: REUTERS

Nach der Übergabe in Wien bleiben viele Fragen. Warum die Eile, und wieso bekommt Moskau mehr Leute zurück?

Das hat es seit 24 Jahren nicht mehr gegeben: Die USA und Russland tauschen ihr enttarntes Personal aus. Schauplatz: Der Transitbereich des Wiener Flughafens. Russische und amerikanische Geheimdienstler ließen in der österreichischen Metropole den größten Agentenaustausch nach dem Ende der Sowjetunion über die Bühne gehen. Vier Männer, in Russland wegen Spionage zu Lagerhaft verurteilt, durften in die Freiheit schreiten. Dafür bekam Moskau zehn seiner in den USA verhafteten Spione und Spioninnen zurück.

In einer Erklärung des russischen Außenministeriums hieß es zuvor in dürrem Amtsrussisch, dass der Dienst für Auslandsaufklärung – der russische Spionagedienst SWR – und die CIA diesen Austausch im Auftrage ihrer Regierungen vollzögen, wobei sie sich von „humanitären Vorstellungen und den Prinzipien der konstruktiven Partnerschaft“ leiten ließen. Die Aktion stehe im Kontext mit der Verbesserung der russisch-amerikanischen Beziehungen, die durch die Treffen der beiden Präsidenten eine „neue Dynamik“ erlangt hätten.

Dennoch bleibt der Agentenaustausch ein in mehrfacher Hinsicht erstaunlicher Vorgang. Erstaunlich, weil viele das Ausmaß der russischen Spionage in westlichen Ländern nach dem Ende des Kalten Krieges wohl unterschätzt hatten. Erstaunlich aber auch, mit welcher Geschwindigkeit auf beiden Seiten gehandelt wurde, um die unappetitliche Affäre schnell aus der Welt zu schaffen. Es war ganz offensichtlich, dass Moskau und Washington ihren im vergangenen Jahr begonnen „Neustart“ nicht durch diesen Skandal gefährdet sehen wollten.

Das Szenarium in Washington entbehrte nicht dramatischer Momente. Nur wenige Stunden vor dem geplanten Abflug am Donnerstag erschienen die zehn mutmaßlichen russischen Spione vor einem Washingtoner Gericht. Das handelte äußerst zügig und professionell. Die Beschuldigten gaben zu, als Spione für die russische Regierung gearbeitet zu haben. Ihre Anwälte antworteten in jedem Einzelfall auf die Frage, ob sie die Anklage akzeptierten, mit einem „Ja“.

Dabei wurden nun vor Gericht erstmals auch ihre Klarnamen genannt. Richard und Cynthia Murphy wurden wieder zu Wladimir und Lydia Gurjew, Donald und Tracey reagierten plötzlich wieder auf ihre ursprünglichen Namen: Andrej und Jelena. Die mit zahlreichen Fotos auch durch die russischen Medien geisternde Schönheit Anna Chapman hieß allerdings tatsächlich so. Sie trägt den Namen ihres britischen Ex-Ehemannes.

"Das bedeutet in unserem Land nichts"

Offenbar im Gegenzug für das Schuldeingeständnis ließ das Washingtoner Gericht den Vorwurf der Geldwäsche fallen. Damit war der Weg frei für die Beschuldigten – nach Russland oder wohin auch immer sie gehen wollten.

Auch auf russischer Seite wurde nicht gezögert. Noch in der Nacht zum Freitag unterzeichnete Kreml-Chef Dmitri Medwedjew die Begnadigung von Igor Sutjagin, Gennadi Wassilenko sowie die der angeblichen Doppelagenten Alexander Saporoschski und Sergej Skripal. Zuvor hatten die vier allerdings ihre Schuld eingestehen müssen, was im Falle von Sutjagin durchaus problematisch war. Der Wissenschaftler hatte während der ganzen Zeit seiner Strafverfolgung immer darauf bestanden, kein Spion gewesen zu sein.

Seine Anwältin Anna Stawitzkaja berichtete auf einer Pressekonferenz kurz vor dem Austausch, dass Sutjagin sehr darunter leide, jetzt dieses Eingeständnis unterzeichnet zu haben. Er wolle, dass alle wüssten, dass er trotzdem kein Verbrechen begangen habe, es habe nur keinen anderen Ausweg gegeben. Sie als seine Anwältin wisse genau, es gebe keine Beweise, die das harte Urteil rechtfertigen würden. Dass er verurteilt worden sei, „bedeutet in unserem Land nichts“, sagte Stawitzkaja. „Wenn ein Mensch verurteilt werden soll, dann wird er verurteilt, unabhängig davon, ob es Beweise gibt oder nicht.“

Jelena Bonner, die bekannte russische Bürgerrechtlerin, beruhigte allzu puristische Mitbürger aus der Menschenrechtsecke, die Sutjagins Einlenken als Kniefall vor dem System ansehen. Es habe keine moralische Bedeutung, wenn Sutjagin auf irgendwelche Formulierungen „der Organe“ eingehe, damit sie ihn freilassen können. Es sei doch allen bekannt, „dass sie selbst lügen – wenn sie verhaften und auch, wenn sie freilassen“. In diesem Fall sei nicht die Form wichtig, sondern der Inhalt – „die Freiheit“, schrieb sie auf der Webseite Grani.ru.

"Niederlage von gewaltigem Ausmaß"

Moskau hat, ob tatsächlich Spion oder nicht, ernsthafte Figuren im Schachspiel mit den Amerikanern herausrücken müssen, die Wladimir Putin, seinerzeit auch Chef des Inlandsgeheimdienstes, als Verräter betrachtet. Stattdessen habe Russland „Clowns“ bekommen, beurteilte der unabhängige russische Sicherheitsexperte Pawel Felgengauer den Vorgang, der eines John Le Carré würdig gewesen wäre. „Es war eine Niederlage von gewaltigem Ausmaß.“

Russland habe moralisch und materiell Schaden genommen. In Moskau würden demnächst „Köpfe rollen“, vermutete Felgengauer im Gespräch mit Morgenpost Online. Er schließe auch eine Eingliederung der Auslandsspionage in den Inlandsgeheimdienst FSB, wie es zu Zeiten des sowjetischen KGB der Fall war, nicht aus.

Der SWR hat sich seiner Meinung nach als ein Spionagedienst von gestern präsentiert. „Normale Dienste arbeiten schon lange nicht mehr mit derartigen Methoden. Aber der SWR beschäftigte sich mit solchem Unsinn.“ Russlands Spione hätten sich „Müll“ wie beispielsweise die „Einflussagenten“ ausgedacht, „nur um an staatliche Gelder zu kommen, ohne etwas zu leisten“, ärgerte sich Felgengauer.

Folgt man allerdings dem Moskauer Politjournal „Nowoje Wremja“, dann waren die jetzt in den USA freigelassenen „Spione“ solche ganz besonderer Art. Und der ursprüngliche Vorwurf der Geldwäsche erhalte eine ganz andere Dimension. Die erste Überraschung: Die ausgehobene Agentengruppe gehörte angeblich gar nicht zum SWR, sondern zum Inlandsgeheimdienst FSB. Der habe sie bereits in den 90er-Jahren mit Unterstützung durch die Mafiagröße Wjatscheslaw Iwankow, Spitzname „Japontschik“, gegründet. Japontschik starb am 9.Oktober 2009 an den Folgen von Schussverletzungen, die ihm unbekannte Täter zugefügt hatten.

Mit von der Partie sei der Finanzjongleur Jewgeni Dwoskin, der die jüngeren „Kader“ angeworben habe. Dwoskin habe in Russland mit FSB-Hilfe Banken illegal „übernommen“. An der Spitze soll „Nowoje Wremja“ zufolge der FSB-Vize General Sergej Smirnow stehen. Zusammen mit hochrangigen Mitgliedern der Zentralbank würden die eroberten Banken dazu benutzt, große Geldmengen aus Russland ins Ausland zu transferieren. Das meiste Geld sei in die USA geflossen. Die jetzt aufgeflogene Gruppe habe es dort „legalisieren“ sollen, behauptet „Nowoje Wremja“.

Was auch immer der Auftrag der Gruppe gewesen sein mag, der Plan ist geplatzt. Die Gruppe entstieg am Freitagnachmittag der Maschine, die sie aus Wien nach Moskau-Domodjedowo getragen hatte. Ihre Heldenverklärung wird wohl nicht lange auf sich warten lassen. Die vier Austauschgefangenen trafen zur gleichen Zeit in London ein.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos