Nach fast zwei Tagen Blockade von mehreren tausend Atomkraftgegnern vor dem Zwischenlager Gorleben ist der Weg für den Castor-Konvoi aus dem Verladebahnhof Dannenberg frei. Um 8.35 Uhr verließ der erste von elf Tiefladern den Verladebahnhof um die letzten 20 Kilometer bis zum Atommüll-Zwischenlager Gorleben auf der Straße zurückzulegen.

Zuvor, gegen 7.30 Uhr, hatte die Polizei die Räumung der Zufahrtsstraße beendet, auf der zeitweise bis zu 4000 Menschen fast 45 Stunden auf Strohsäcken und Isomatten ausgeharrt hatten. Aktivisten der Umweltorganisation Robin Wood, die sich an Seilen über die Zufahrtsstraße gehängt hatten, wurden nach dreieinhalb Stunden gegen 7.30 Uhr von der Polizei heruntergeholt.

Nach dem Coup von Greenpeace mit einer Lastwagen-Blockade wurden zudem gegen 6.15 Uhr zwei Umweltschützer aus der Verankerung befreit. Dies sagte ein Polizeisprecher. Die beiden waren mit einem Arm und beiden Beinen in einem Betonblock fixiert. Es sei nun kein Problem mehr, den Laster zur Seite zu bewegen, hieß es. Mehrere Spezialisten der Polizei hatten seit Montagabend versucht, den Protest mit Spezialwerkzeug zu beenden.

Den Umweltschützern war es gelungen, mit einem als Getränkelastwagen getarnten Fahrzeug die Transportstrecke für die Castoren zu blockieren. Im Inneren des acht Meter langen Fahrzeugs befanden fünf Aktivisten. Von ihnen waren ein Mann und eine Frau in einer Metall-Beton-Konstruktion so befestigt, dass die Polizei den Lkw nicht fortbewegen konnte, ohne sie zu verletzen. Die Polizei setzte unter anderem Flex- und Bohrtechnik ein, um die beiden zu befreien.

Zuvor hatte die Polizei in der Nacht bereits ein weiteres Betonhindernis von der Castor-Strecke entfernt: Nahe des Dorfes Gorleben hatten sich vier Demonstranten mit einer Betonpyramide verbunden.

Zudem räumten Polizeikräfte die Straßenblockade vor dem Atommüll-Zwischenlager. Polizisten trugen ab etwa 3.30 Uhr Demonstranten einzeln weg. Erstmals hatte die Polizei die Atomkraftgegner am Montagabend gegen 21.30 Uhr aufgefordert, die Straße zu räumen. Beide Seiten betonten, die Atmosphäre sei friedlich. Über Lautsprecher wurden die Polizisten von den Protestorganisatoren für den Umgang mit dem Demonstranten gelobt: „Das ist super, wie ihr das macht.“

Die Sprecherin der Kampagne "x-tausendmal quer", Luise Neumann-Cosel, erklärte zur Blockade in Gorleben: „Wir setzen dem Atommüll und der massiven Polizeipräsenz uns selbst und unsere Entschlossenheit entgegen. Alle Beteiligten haben sich sehr gut auf die Begegnungen mit der Polizei bis zur Räumung vorbereitet.“ In der Nacht zuvor hatte die Polizei eine Schienenblockade von etwa 3000 Castorgegnern in Harlingen nahe Hitzacker geräumt und dafür knapp sieben Stunden benötigt.

Schon jetzt bricht der diesjährige Castor-Transport nach Gorleben mit 123 Tonnen hochradioaktivem Atommüll alle Rekorde. Am Dienstagmorgen dauerte der Transport, der Freitagnachmittag in Nordfrankreich begonnen hatte, bereits fast vier Tage oder 88 Stunden. Damit war der bisherige Höchststand aus dem Jahr 2008 von gut 79 Stunden deutlich übertroffen

Unterdessen fordern Amnesty International und die deutsche Anwaltschaft mit Blick auf den Polizeieinsatz gegen Castor-Blockierer bessere Möglichkeiten, um Polizisten im Einsatz zu identifizieren. Eine Kennzeichnung würde helfen, Polizisten bei rechtswidrigen Übergriffen zu identifizieren und zur Rechenschaft zu ziehen, sagte der Präsident des Deutschen Anwaltvereins, Wolfgang Ewer, der "Neuen Osnabrücker Zeitung“. "Die Polizei setzt zu Recht das Gewaltmonopol des Staates durch“, sagte Ewer. „Im Gegenzug muss eine effektive Kontrolle ihres Handelns in einem Rechtsstaat aber selbstverständlich sein.“

Eine persönliche Benachteiligung der Polizisten könne dabei vermieden werden, wenn auf der Uniform „nicht der Name, sondern lediglich eine Nummer“ stehe. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Deutschland fordert unabhängige Sonderermittler der Bundesländer für eine neutrale Untersuchung von Vorwürfen gegen Polizisten. „Der Einsatz beim Castor-Transport belegt einmal mehr, wie wichtig eine unabhängige Kontrolle möglicher Polizeiübergriffe ist“, sagte ihre Generalsekretärin Monika Lüke.

Es reiche nicht, wenn interne Einheiten in Polizeipräsidien ihre eigenen Kollegen kontrollierten. Die Innenminister der Länder sollten sich zudem um die bundesweite Kennzeichnungspflicht für Polizisten kümmern. „Oftmals scheiterten Verfahren bei Vorwürfen wegen Misshandlung oder Polizeigewalt daran, dass die betroffenen Polizisten nicht identifiziert werden können“, sagte Lüke. Die Kennzeichnung der Polizisten wird auch von anderen Organisationen gefordert, darunter den Jungsozialisten.

dapd/dpa/Reuters/cn