Austrittswelle

Missbrauchsfälle treiben Katholiken aus der Kirche

2010 sind in vielen Bistümern mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten als im Vorjahr. Besonders dramatisch ist es in Augsburg und Trier.

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Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche hat in diesem Jahr offensichtlich eine neue Austrittswelle ausgelöst. Wie die „Frankfurter Rundschau“aufgrund einer Umfrage in mehreren Bistümern berichtete, gab es eine erhebliche Zunahme der Austrittszahlen 2010 im Vergleich zum Vorjahr. Besonders dramatisch ist demnach die Situation in den Diözesen Augsburg, Rottenburg-Stuttgart und Trier: In Augsburg kehrten bis Mitte Dezember 11.351 Katholiken der Kirche den Rücken, im ganzen Jahr 2009 waren es lediglich 6953.

Im Bistum Rottenburg-Stuttgart traten dem Bericht zufolge bis Mitte November 17.169 Menschen aus der Kirche aus, 2009 waren es 10.619. Im Bistum Trier verließen bis Ende November 7029 Katholiken ihre Kirche, im ganzen Jahr 2009 waren es 4583. In allen Bistümern, die die Zeitung befragte und die Zahlen nannten, nahmen die Kirchenaustritte in diesem Jahr zu. Wie die Umfrage zeigte, entschieden sich die Menschen vor allem in den Monaten März, April und Mai zum Verlassen der Kirche, als sich das Ausmaß des Missbrauchsskandals zeigte. Offizielle Zahlen werden erst in einigen Monaten vorliegen.

Das Bistum Würzburg verzeichnete bis Oktober 5484 Austritte gegenüber 3788 im Jahr 2009. Das Erzbistum Berlin, wo der erste große Skandal am Jesuiten-Gymnasium Canisius-Kolleg bekanntwurde, verlor bisher 4.800 Kirchenmitglieder, 2009 waren es 4700 Austritte. Das Erzbistum Hamburg meldete bis Ende November 4437 Kirchenaustritte, im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 3689. Das Erzbistum Köln hingegen, wo es einen Missbrauchsskandal am Aloisius-Kolleg in Bonn gab, nannte keine Zahlen. Auch das Bistum Regensburg mit seinen Domspatzen nicht. Die Stadt Regensburg meldete bis September 768 Austritte, im Vorjahreszeitraum waren es 517.

Die Bewegung „Wir sind Kirche“ warf den Bischöfen vor, die Krise auszusitzen. Notwendig sei ein offener Dialog über die strittigen Themen der Kirche, dies werde aber 2011, im Jahr des Papstbesuchs in Deutschland, kaum möglich sein, sagte Sprecher Christian Weisner der „Frankfurter Rundschau“. Die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Karin Kortmann, nannte die Entwicklung bei den Austrittszahlen „außerordentlich bedauerlich“. Die Kirche müsse dringend an einer „neuen Vertrauenskultur“ arbeiten und mehr Laien in die Verantwortung einbeziehen, sagte sie.